Krawatten Vorsicht vor versteckten Botschaften

Kleines Stoffstück - große Wirkung: Bei der Farbauswahl von Krawatten kann der Mann von Welt viel falsch machen. Farb- und Etiketteexperten erklären, wie man die Fettnäpfchen umgeht und verraten, warum Bushs Binder seinem Duellgegner zu einem Punktsieg verhalf.

Hildesheim/Hamburg/Köln - Sie haben keinen erkennbaren praktischen Nutzen, und viele Männer begreifen sie eher als Teil einer Uniform denn als eigenständiges Kleidungsstück.

Dabei würde es sich lohnen, dem kleinen Stoffstreifen auf der Brust etwas mehr Beachtung zu schenken. "Sie sind das einzige Luxuselement der männlichen Kleidung", sagt Axel Venn, Professor für Farbgestaltung an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim über Krawatten.

Personen, die häufig in der Öffentlichkeit stehen, sind sich der Signalwirkung ihrer Krawatte meist bewusst. Überraschenderweise erschien der republikanische US-Präsident George W. Bush dennoch zu zwei der drei TV-Rededuellen mit seinem Kontrahenten John Kerry mit einer blauen Krawatte. Blau gilt als Farbe der Demokraten, also des politischen Gegners. Kerry wiederum erschien jedes Mal mit rotem Schlips in präsidentiellem Schick.

Doch ganz unabhängig von politischen Vorlieben hat jede Farbe ihre Grundpsychologie. Beispiel Rot: "Diese Farbe bringt viel emotionale Nähe und vermittelt Wärme", erklärt Venn. Sie stehe für Energie, Dynamik und Stärke. "Außerdem hat Rot eine hohe Signalwirkung. Sie kommt in der Natur selten vor und hebt sich deutlich vom Umfeld ab."

Rot sticht: BMW-Chef Helmut Panke

Rot sticht: BMW-Chef Helmut Panke

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Hat gelegentlich ein Faible für auffallende Krawatten: Finanzminister Hans Eichel

Hat gelegentlich ein Faible für auffallende Krawatten: Finanzminister Hans Eichel

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Es geht aufwärts - zumindest den Streifen nach: Bundeskanzler Gerhard Schröder

Es geht aufwärts - zumindest den Streifen nach: Bundeskanzler Gerhard Schröder

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DFB-Chef mit dezenten Farben: Gerhard Mayer-Vorfelder

DFB-Chef mit dezenten Farben: Gerhard Mayer-Vorfelder

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Trägt viele Farben: TV-Moderator Günther Jauch

Trägt viele Farben: TV-Moderator Günther Jauch

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Immerhin nicht Oranjefarben: Fußball-Experte Günter Netzer

Immerhin nicht Oranjefarben: Fußball-Experte Günter Netzer

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Feminine Nuancen sind salonfähig


Parade einiger Krawattenträger:
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Farbnuancen erfordern Fingerspitzengefühl: Scharlach wirkt würdevoll, Orange eher lebhaft. Blau steht für Sachlichkeit, Ruhe und Kühle. Leuchtendes Gelb vermittelt Heiterkeit, Grün wiederum ist die Farbe der Natur und Harmonie. Nur wenn die Farbe zum persönlichen Charakter passt, wird das Gesamtbild als stimmig wahrgenommen. "Die Menschen haben hier sehr feine Antennen", hält Experte Venn fest.

Neben dem Charakter ist der Anlass entscheidend. "Ein aufgeregtes Orange zu schwarzem Anzug und weißem Hemd kann auf der privaten Party oder im künstlerischen Umfeld toll aussehen. Das demonstriert unbändiges Temperament und Zukunftsorientierung", analysiert Venn. "Im konservativen Umfeld einer Bank ist eine solche Aufmachung dagegen fehl am Platze."



Feminine Nuancen sind salonfähig

Dort sind dezente Farben und unauffällige Muster angesagt. "Gerade auf der Management-Ebene kommt es darauf an, möglichst kompetent zu wirken. Das Gegenüber soll sich darauf konzentrieren, was der Herr spricht, und darf nicht von einer auffälligen Krawatte abgelenkt werden", warnt Imme Vogelsang, Etikette-Trainerin in Hamburg. Sie empfiehlt als Grundfarben gedeckte Töne wie Weinrot, Dunkelgrün oder Dunkelblau.

Doch auch feminine Nuancen sind inzwischen salonfähig geworden. "Lichtes Grün oder zartes Rosé spielen eine zunehmende Rolle. Solche Farben drücken Innovativität und hohe Empfindungsqualitäten aus", sagt Farbexperte Venn.

Während im privaten Umfeld auffällige Muster und großflächige Motive zum spannenden Blickfang werden können, wirken sie im geschäftlich-gesellschaftlichen Umfeld unpassend. "Gefragt sind hier möglichst feine Krawatten-Muster wie das klassische Hermès-Design oder auch Streifen", rät Etikette-Trainerin Vogelsang.

Streifen müssen steigen

Doch sogar beim zurückhaltenden Design kann Mann Fehler machen. "Streifen dürfen nie quer oder längs verlaufen", sagt Venn. Bei diagonalen Streifen gelte es, auf die Richtung zu achten: Sie müssen von links unten nach rechts oben gehen. "Dann symbolisieren sie Dynamik. In umgekehrter Richtung zeigen sie Ängstlichkeit und Fluchtgedanken.

Streifen sind seit Jahren das dominierende Krawatten-Motiv. "Anfänglich sehr breite Streifen sind inzwischen feiner geworden. Außerdem werden mehr Kontrastfarben verwendet", erläutert Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln. "Im klassisch-konservativen Geschäftsleben spielen neben Streifen vor allem kleine, geometrische Muster eine Rolle: Karos oder Rauten setzen dezente Akzente". Es sei aber möglich, dass wieder eine Phase der organischen oder figürlichen Motive kommen könnte.

So eingeschränkt bei vielen beruflichen Anlässen die Wahl der Krawatte insgesamt ist - die Bedeutung des möglichst korrekt geknoteten Stoffstückes darf nicht unterschätzt werden. "Das Hemd und der Anzug oder das Jackett sind eher neutrale Ausdrucksmittel", sagt Müller-Thomkins. Nur mit der Krawatte sei individueller Ausdruck möglich.

Die Qual der Wahl nimmt der deutsche Mann aber nicht allzu häufig auf sich: "Nur etwa jeder vierte Mann ist durch sein Alter oder seine Funktion ein potenzieller Krawattenträger", sagt Friedrich Peschen, Geschäftsführer der Fachvereinigung Krawatten- und Schalindustrie in Krefeld. Statistisch gesehen kaufe sich jeder aus dieser Gruppe einmal im Jahr einen neuen Schlips, während sechs bis acht Modelle bereits im Schrank hängen. "Von diesen trägt er nur zwei oder drei wirklich regelmäßig."

Eva Neumann, DPA