Trend-Kolumne Modisches Wirtschaftswunder

Während der Konjunkturmotor stottert und sich Politiker wie Manager im Büßerhemd zeigen, hat die Mode längst die Zeichen der Zeit erkannt. Sie zementiert mit Pumps und Blümchenkleidern die Wirtschaftswunderjahre und betont gleichzeitg: alles fließt.
Von Andreas Steinle

Das neue Jahr ist noch jung und die Perspektiven daher noch frisch. Politisch gilt es, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Wo ökonomisches Wachstum fehlt, muss es zumindest intellektuell nach vorne gehen.

Zwar nicht ganz neu, aber doch zumindest überraschend, wenn es eine sozialdemokratische Partei formuliert, ist die Forderung nach Eliten. Kanzler Schröder will mit sofortiger Wirkung Elite-Unis schaffen, um den Standort Deutschland zu sichern. Wir sollen zurück zu den deutschen Tugenden wie Disziplin, Fleiß und Leistung. Wir müssen wieder härter arbeiten, so die Forderung aus Politik und Wirtschaft.

Superminister Clement trat vergangenes Jahr mit seinem Vorschlag an die Öffentlichkeit, den einen oder anderen Feiertag abzuschaffen. Supervorstand Schumacher von Infineon forderte die Sieben-Tage-Woche. Adieu Freizeitpark Deutschland. Willkommen in der Leistungsgesellschaft. Der Mentalitätswandel zeigt sich auch in der Mode, in der eine Gesellschaft träumt und ästhetisch auf die Herausforderungen der Zukunft reagiert.

Agile Erfolgsfrau: Mit Pferdeschwänzen zum Erfolg

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Agiler Spieler 2: Michael Ballack mit offenem Mund

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Agiler Spieler 1: Accessoire von Nike

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Agile Taschenspieler: Produktserie von Puma

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Foto: DDP


Retro ist hipp:
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Zwei übergeordnete Trends lassen sich derzeit ausmachen: zum einen die Versportung der Mode und zum anderen der Griff in die Retro-Kiste der 50er Jahre. Beide stehen für das neue Gesellschaftsparadigma: mehr Wettbewerb, mehr Leistung.

Was im Sport zählt, zählt auch im Leben

Was im Sport zählt, zählt auch im modernen Leben. Schnell und beweglich zu sein, gilt in unserer flexiblen Welt als Erfolgskriterium. Diese Haltung hat den Siegeszug des Sportswear begünstigt. So hat sich der Sportschuh längst von seiner Verwendung in miefigen Turnhallen emanzipiert und erobert als Freizeitschuh für die Massen die Straßen. Man trägt ihn nicht, um Sport zu machen, sondern um seine Agilität zu demonstrieren. Eine dezentere Variante ist der Sneaker, der auch zum Anzug getragen wird.

Die Modebranche pirscht sich von zwei Seiten heran. Die klassischen Sportartikelfirmen wie Nike oder Adidas bringen Modekollektionen auf den Markt, während Modeunternehmen wie Escada, Prada oder Gerry Weber Sportkollektionen kreieren. Die Grenzen verschwimmen zusehends. "Wir sind eine Sport-Lifestyle-Marke und trennen nicht mehr klassisch zwischen Sport und Mode", verkündete Puma-Vorstandschef Jochen Zeitz.

Der große Erfolg gibt ihm Recht. Puma hat sich zum Börsenliebling der Anleger entwickelt. Die Firma entwickelt Mode für einen Lebensstil, bei dem sich die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr miteinander verwischen. Geschäftskunden werden schon mal im Home Office zu Hause empfangen. Private und berufliche Kontakte überschneiden sich. Und wer viel auf Geschäftsreisen ist, will auf bequeme Kleidung nicht verzichten.

Frauen dürfen wieder ...

Alles ist kombinierbar, alles ist bügelfrei

Die Puma-Kollektion "96 hours" möchte eine Lösung für den modernen Technomaden anbieten. Das Kürzel steht für vier mal 24 gleich 96 - in Anspielung darauf, dass die durchschnittliche internationale Geschäftsreise vier Tage dauert. Für diese Zeit umfasst ein Rundum-Sorglos-Paket an Kleidung plus Alu-Trolley alles, was man braucht: Hemden, Hosen, T-Shirts, Schuhe und natürlich auch Sportschuhe für das Workout im Hotel-Gym.

Alles ist kombinierbar, alles ist bügelfrei. Man kann sich mit der Auswahl an Kleidung ebenso leger wie akkurat für das Business-Meeting kleiden. Die Not, sich überlegen zu müssen, was man einpackt, entfällt. Das spart wertvolle Minuten, wenn die Zeit morgens knapp wird, weil der Flieger gleich geht.

Sportlichkeit, verbunden mit Eleganz und der für das Geschäftsleben notwendigen Seriosität, ist das Credo für die vielen Wanderarbeiter, die mit ihren Handys und Laptops Züge und Flieger bevölkern. Wenn das Büro mobil wird, muss sich die Mode dieser Bewegung anpassen. Wie wichtig heutzutage ein sportliches Auftreten ist, zeigen nicht zuletzt die politischen Leistungsträger.

Frauen im Berufsleben dürfen wieder Frau sein

Italiens Premier Silvio Berlusconi hat die Weihnachtsferien für ein Gesichtslifting genutzt - anders lässt sich zumindest seine Faltenfreiheit und Asymetrie um die Augen nicht erklären. Und Medienkanzler Schröder hat juristisch untersagen lassen, dass man über seine angeblich gefärbten Haare schreibt. Reformpolitik braucht ein jugendliches Image.

Jetzt wird auf jeden Fall wieder in die Hände gespuckt, wobei wir beim zweiten großen Trend in der Mode sind. Die 50er Jahre werden ästhetisch angezapft - jene Zeit, als das deutsche Wirtschaftswunder zu Wachstum und Wohlstand führte. Wir werden also wieder vermehrt Pumps und Blümchenkleider sehen. H&M wird diesen Trend massen- und jugendfähig umsetzen.

Er geht einher mit einem Abschied von der Androgynität der 90er Jahre. Giorgio Armani lässt verlauten, dass Frauen im Berufsleben sich wieder feminin kleiden könnten. Sie müssten nicht mehr wie Männer rumlaufen, nur um ihre Durchsetzungskraft zu beweisen. Dies hätten sie zur Genüge getan. Die besseren Schulabschlüsse haben sie sowieso.

Es bleibt abzuwarten, ob der symbolische Rückgriff auf die Wirtschaftswunderjahre den nötigen Ruck auslöst, der Deutschland erfassen soll. Ein wenig Optimismus könnte auf jeden Fall nichts schaden.

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