Herrenbekleidung "Italiener sind bereit zu leiden"

Weiße Tennissocke zum Anzug? Für viele Deutsche kein Problem! Lars Braun, Juniorchef des Herrenausstatters Braun, zählt im mm.de-Interview weitere modische Patzer auf, beschreibt das Einkaufsverhalten seiner Kunden und bewertet die Qualität deutscher Hemden.
Von Martin Scheele

mm.de:

Herr Braun, wenn Sie abends durch Ihre Geschäfte gehen, sind dann erheblich weniger Produkte deutscher Hersteller oder eher ausländischer Fabrikanten verkauft?

Braun: Es ist eigentlich genau umgekehrt, wie auf dem Automarkt. Während man bei deutschen Autos immer noch von guter alter "Made in Germany"-Qualität sprechen kann, ist das in unserem Markt anders. Deutsche Produkte sind weniger gefragt, wir verkaufen diese auch weniger.

Dies können wir generell auf die Konfektion beziehen, aber auch zum Beispiel speziell auf den Hemdenmarkt. Klar es gibt Eterna, die Seidensticker-Gruppe oder van Laack, die für gute Qualität stehen, aber das Non plus Ultra kommt immer noch Italien, dem Sinnbild für guten Geschmack.

mm.de: Das kenn' ich noch von meinem Vater oder Großvater. Auch da war schon Italien das Maß aller Dinge. Ist das wirklich immer noch so zementiert? Sind keine Newcomer in Sicht?

Braun: Wenn wir den Hemdenmarkt betrachten, praktisch nicht. Achtzig Prozent unser verkauften Hemden stammen aus Italien. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die italienischen Schneider einfach kreativer sind.

mm.de: Kreativ? Was ist denn an italienischen Hemden so kreativ?

Braun: Italien ist insofern kreativer, weil man mit sehr viel Gefühl an neue Dinge herangeht. Vergleichen Sie mal ein weißes Hemd, das vor zwei Jahren angeboten wurde, mit einem der heutigen Generation. Um es konkret zu machen: Sehen hier, (Braun zeigt auf sein weißes Hemd), die Struktur kann schon unterschiedlich sein, oder das Muster. Oder der Stoff ist fester oder leichter.

Allerdings gibt es natürlich auch Dinge beim italienischen Hemd, bei denen die Schneider keine Kompromisse machen. Wie zum Beispiel dem steifen Kragen. Den Italienern geht es um den perfekt sitzenden Kragen, dafür sind sie auch bereit zu leiden. Und da werden wieder die Unterschiede zum deutschen Hemd deutlich. Bei den deutschen Hemden, oder zumindest denen, die in Deutschland verkauft werden, ist die Einlage viel softer.

mm.de: Deutschen Männern ist die Gemütlichkeit im Zweifelsfalle eher wichtig als das Aussehen?

Braun: Das würde ich so nicht unterschreiben. Davon abgesehen gibt es eben auch Nationen wie die US-Amerikaner, die ihre Hemden traditionell zum Dry-Cleanern geben, um ja kein Bügeleisen anfassen zu müssen. Da muss allein schon aus Haltbarkeitsgründen der Kragen fest sein.

Warum Manschettenknöpfe nicht "out" sind

mm.de: Feste Mode-Traditionen gibt es überall in Europa. Welche Beispiele haben Sie noch parat, wo Schluss mit Flexibilität ist?

Braun: Sprechen Sie mal einen Schotten, ob der sein blaues Hemd gegen ein anders farbiges tauschen möchte. Sie werden wahrscheinlich nur einen verständnislosen Mann sehen.

Jean Braun: Oder nehmen Sie das Beispiel Cashmere. In England gibt es vorzügliche Cashmere-Qualität, die aber nur in ganz wenigen Farben verarbeitet wird.

mm.de: Trotz aller eingefahrenen modischen Rituale, in jeder Saison werden Trends gemacht. Worauf sollten sich Deutsche kommende Sommersaison einstellen?

Braun: Der Trend geht wieder zu einem gespreizterem Kragen, zu Streifen statt Karomuster. Die gesamte Konfektion wird schlanker. Generell gibt es ja den Trend zur Casualisierung zu beobachten. Als Stoff wird Baumwolle wieder wichtiger. Die Krawatte wird beim Anzug wieder mehr getragen. Bei den Farben wird mehr mit Marine-Blau gearbeitet.

mm.de: Bestimmte Kleidungsartikel sind kaum einen Trend unterworfen. Oder wie ist es mit Manschettenknöpfen? Trägt man die durch Sozialisation?

Braun: Manschettenknöpfe sind wie ein Schmuckstück. Männer haben kaum Möglichkeiten sich zu schmücken wie das andere Geschlecht - wenn man von Uhren, und dem Ehering einmal absieht. Manschettenknöpfe können das I-Tüpfelchen sein, mit dem die Erscheinung komplett wird.

mm.de: Liege ich völlig falsch, oder werden Manschettenknöpfe nur von ganz bestimmten Gruppen getragen. Mir kommt das Beispiel alter hanseatischer Schifffahrtsmakler in den Sinn.

Braun: Da irren Sie sich. Gerade auch jüngere Menschen greifen zu Manschettenknöpfen. Diese wollen mit dem Schmuckstück ihrer Erscheinung noch den letzten Pfiff geben.

Dabei sind den Kombinationsmöglichkeiten praktisch keine Grenzen gesetzt. Neulich auf einer Feier sah ich einen gut gekleideten Mann, der seinen Pullover leger um die Schulter geworfen hatte, er trug keine Krawatte, aber Hemd mit Manschettenknöpfen. Das Tragen hat nichts mit Tradition oder Brauchtum zu tun, das macht einfach Spaß.

Selbst die Kombination, (blickt den Interviewer an) Jeansjacke, elegantes Hemd plus Manschettenknöpfen ist völlig in Ordnung. Oder meinen Sie nicht?

mm.de: Wenn ich ehrlich bin, widerspricht das meinem modischen Gefühl. Davon abgesehen: Wie finden Sie denn überhaupt sind die deutschen Männer angezogen?

Braun: Nun ja, ich will keine Generalschelte betreiben, aber um es deutlich zu sagen: Selbst der italienische Bauer sieht manchmal besser aus als der deutsche Geschäftsmann. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Kürzlich auf einer Feier kommt ein Paar auf mich zu, die Frau im eleganten Abendkleid - und der Mann trug seinen 25 Jahre alten Anzug, den er wohl aus einem verstaubten Schrank hervorgekramt hatte. Ich frage mich: Warum müssen nur immer Frauen fast garantiert vorbildlich gekleidet sein, Männer häufig nicht?

Die Hitliste der größten modischen Verfehlungen

mm.de: Wie sieht denn ihre Hitliste der größten modischen Verfehlungen der deutschen Männer aus?

Braun: Auf Platz eins steht nach wie vor die weiße Tennissocke, die ich immer noch viel zu häufig im Anzugsdress sehe. Auf dem zweiten Platz rangieren zu lange Hosen und auf dem dritten Platz Sandalen, die in der Stadt und nicht - wie es seins sollte - am Strand getragen werden. Womit wir wieder in Italien wären: Sandalen trägt man dort eben nur am Strand, ausschließlich.

mm.de: Preisfrage: Welche Socken trägt man denn im Sommer beziehungsweise Winter zu einer weißen Hose in Kombination mit schwarzen Schuhen.

Braun: Da die weißen Hosen ja ohnehin meistens im Sommer getragen werden, empfehlen wir dann, keine Strümpfe zu tragen. Sollte der Kunde aber darauf bestehen, empfehlen wir einen hellbeigen Strumpf zu einem hellen Schuh.

mm.de: Wie sagen Sie es diesen Leuten, wie reagieren diese?

Braun: Interessiert und aufmerksam. Wir würden ja nie unsere Kunden belehren wollen.

mm.de: Wie läuft überhaupt ein Kundengespräch bei Ihnen ab, kommen Männer nur in Begleitung ihrer Frauen?

Braun: Sechzig bis siebzig Prozent unser Kunden kommen mit Begleitung. Das hat Konsequenzen, denn gegen den Willen der Frau können sie nichts verkaufen.

mm.de: Der Mann geht zielstrebig auf einen Ständer zu, oder die Frau rät ihm gleich probier' das doch mal an?

Braun: Eher letzteres. Dazu muss man sagen, wenn es nach vielen deutschen Männern geht, würden sie vielleicht weniger kommen. Nach dem Motto "Der Anzug? - der tuts doch immer noch!"

mm.de: Mit anderen Worten: Sie müssten eigentlich ein Plädoyer für die Beziehung halten, und müssten Furcht haben vor einer Gesellschaft, in der der Anteil von Singles stetig steigt?

Braun: Tendenziell schon. Man muss aber dazu sagen, jüngere Männer sind gleichsam viel Körper bewusster und damit auch eitler, als Generationen zuvor. Dazu hat sicherlich die Fitnesswelle beitragen.

Nun darf man bei der ganzen Diskussion auch den wichtigen Punkt "Kleider machen Leute" nicht vergessen. Denken Sie an die heutige Arbeitsmarktsituation, mit fast fünf Millionen Arbeitslosen. Da schneiden sich doch schlecht gekleidete Männer bei Vorstellungsgesprächen selber ins Fleisch, wenn sie sich in mieser Aufmachung vor den Personalleiter setzen. Dieser Eindruck kann im Zweifelsfalle entscheidend sein. Gut gekleideten Leuten traut man eben mehr zu.

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