Dienstag, 12. November 2019

Maßanzüge Kauf im Dutzend? - Attenzione!

Was muss man beim Kauf von Maßkleidung beachten und wo findet man Schneider, die ihr Geld wert sind? Wie Sie sich im Dickicht von Tuch, Trends und Top-Couturiers zurechtfinden, verrät der Modejournalist Bernhard Roetzel in einem Gastbeitrag für manager-magazin.de.

Wenn Anzug oder Kleid mal wieder nicht in der richtigen Größe vorrätig sind, das Sakko unterm Kragen eine Falte wirft und die Kostümjacke zwar passt, der dazugehörige Rock aber nicht, kommt beim frustrierten Konsumenten der Wunsch nach Maßkleidung auf. Doch nur die wenigsten erfüllen sich diesen Traum. Bei der Mehrheit scheitert es am hohen Preis der besseren Passform, andere, durchaus zahlungswillige Aspiranten wissen schlicht nicht, wie sie es angehen sollten.

Kenner der Modeszene: Bernhard Roetzel (37) hat bereits zahlreiche Bücher zum Thema Mode und Stil verfasst. Das bislang bekannteste ist "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode" (Könemann Verlag, 357 Seiten)
Kein Wunder, denn Maßschneider muss man hier zu Lande mit der Lupe suchen. Bei der ersten Orientierung hilft das Internet. Unter www.mode-institut.de präsentieren sich die Mitglieder des DMI, eines Verbands von Herren- und Damenschneidern. Dank der Aufteilung nach Bundesländern sind Adressen in Wohnortnähe leicht zu finden. Allerdings sagt die Website nichts über die im jeweiligen Betrieb gebotene Qualität, deshalb sollten sich Interessenten vor einer Bestellung unbedingt gründlich umhören: Wer hat dort schon einmal arbeiten lassen und wie zufrieden war er? Spontane Orders sind risikoreich, denn das Preisniveau der deutschen Modehandwerker ist nicht eben niedrig. In Großstädten wie München oder Düsseldorf wird sogar kräftig zugelangt, 2500 Euro zahlen Sie dort bei Topherrenschneidern für die reine Arbeitszeit, den Stoff noch nicht mitgerechnet.Bessere Chancen im AuslandIn der Provinz werden Sie oft schon für die Hälfte bedient, manchmal sogar inklusive Zwirn. Auch in der Damenschneiderei sind die Tarife sehr unterschiedlich. Lisa Kern in Berlin berechnet für ein Kostüm 930 Euro Herstellungskosten, dazu kommen mindestens 200 Euro für den Stoff, der Düsseldorfer Heinz-Josef Radermacher zückt das Maßband erst ab 2200 Euro.
Zeit nehmen ist Pflicht: Kunde beim Anprobieren eines maßgeschneiderten Anzugs (hier bei "Dolzer Masskonfektionäre")
Im Ausland haben Sie auf den ersten Blick bessere Chancen, einen guten Schneider zu finden. So warten in der Londoner Savile Row noch gut ein Dutzend "bespoke tailors" auf Kundschaft, ganz abgesehen von den zahlreichen Ateliers in den Nebenstraßen der Schneidermeile, südlich der Themse und in der City. Die Verarbeitungsqualität lässt allerdings manchmal zu wünschen übrig und der hohe Pfund-Kurs trägt auch gerade nicht dazu bei, die Kauflaune zu verbessern.Wäre der Euro stärker, könnte man mit den Preisen jedoch ganz gut leben, denn so mancher deutsche Schneider lässt sich üppiger entlohnen als die Kollegen aus der Savile Row. Am günstigsten kommen Sie in der City und im East End weg, äußerste Vorsicht geboten ist aber bei ausgesprochenen Dumping-Offerten. In einem handgemachten Anzug stecken etwa 60 Arbeitsstunden, mit einem Taschengeld sind die nicht bezahlt. Für Damen ist London kein so ergiebiger Jagdgrund, obwohl hier eine ganze Reihe von "dressmakers" ihre Dienste anbieten. Sie sind allerdings schwierig zu finden, da viele von zu Hause aus und nur auf persönliche Empfehlung arbeiten. Größte Auswahl in ItalienItalien verspricht nach wie vor die größte Auswahl an Schneidern und Hemdenmachern in allen Preislagen, von fast geschenkt bis astronomisch. Als Faustregel gilt: Je weiter südlich, desto günstiger. In Mailand sind Sie ab etwa 2000 Euro dabei (bei mittlerer Stoffqualität), in Neapel dagegen schon mit etwa 1000 Euro. Wer keine Belege braucht, zahlt noch weniger, denn in mancher Privatwohnung wird an der Steuer vorbei gestichelt.Solche Geheimtipps aufzutun ist nicht leicht, denn wirklich gute Adressen werden eifersüchtig gehütet. So groß die Versuchung aber auch sein mag, bei einer eben entdeckten Hemdenschneiderei oder dem "piccolo sarto" an der Ecke gleich ein halbes Dutzend Hemden oder Anzüge in Auftrag zu geben - "attenzione!".

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