Maßanzüge Kauf im Dutzend? - Attenzione!

Was muss man beim Kauf von Maßkleidung beachten und wo findet man Schneider, die ihr Geld wert sind? Wie Sie sich im Dickicht von Tuch, Trends und Top-Couturiers zurechtfinden, verrät der Modejournalist Bernhard Roetzel in einem Gastbeitrag für manager-magazin.de.

Was man beim Ablauf beachten muss

Erste Anprobe lieber beim Schneider

Wenn Anzug oder Kleid mal wieder nicht in der richtigen Größe vorrätig sind, das Sakko unterm Kragen eine Falte wirft und die Kostümjacke zwar passt, der dazugehörige Rock aber nicht, kommt beim frustrierten Konsumenten der Wunsch nach Maßkleidung auf. Doch nur die wenigsten erfüllen sich diesen Traum. Bei der Mehrheit scheitert es am hohen Preis der besseren Passform, andere, durchaus zahlungswillige Aspiranten wissen schlicht nicht, wie sie es angehen sollten. Kein Wunder, denn Maßschneider muss man hier zu Lande mit der Lupe suchen. Bei der ersten Orientierung hilft das Internet. Unter www.mode-institut.de  präsentieren sich die Mitglieder des DMI, eines Verbands von Herren- und Damenschneidern. Dank der Aufteilung nach Bundesländern sind Adressen in Wohnortnähe leicht zu finden. Allerdings sagt die Website nichts über die im jeweiligen Betrieb gebotene Qualität, deshalb sollten sich Interessenten vor einer Bestellung unbedingt gründlich umhören: Wer hat dort schon einmal arbeiten lassen und wie zufrieden war er? Spontane Orders sind risikoreich, denn das Preisniveau der deutschen Modehandwerker ist nicht eben niedrig. In Großstädten wie München oder Düsseldorf wird sogar kräftig zugelangt, 2500 Euro zahlen Sie dort bei Topherrenschneidern für die reine Arbeitszeit, den Stoff noch nicht mitgerechnet.Bessere Chancen im AuslandIn der Provinz werden Sie oft schon für die Hälfte bedient, manchmal sogar inklusive Zwirn. Auch in der Damenschneiderei sind die Tarife sehr unterschiedlich. Lisa Kern in Berlin berechnet für ein Kostüm 930 Euro Herstellungskosten, dazu kommen mindestens 200 Euro für den Stoff, der Düsseldorfer Heinz-Josef Radermacher zückt das Maßband erst ab 2200 Euro. Im Ausland haben Sie auf den ersten Blick bessere Chancen, einen guten Schneider zu finden. So warten in der Londoner Savile Row noch gut ein Dutzend "bespoke tailors" auf Kundschaft, ganz abgesehen von den zahlreichen Ateliers in den Nebenstraßen der Schneidermeile, südlich der Themse und in der City. Die Verarbeitungsqualität lässt allerdings manchmal zu wünschen übrig und der hohe Pfund-Kurs trägt auch gerade nicht dazu bei, die Kauflaune zu verbessern.Wäre der Euro stärker, könnte man mit den Preisen jedoch ganz gut leben, denn so mancher deutsche Schneider lässt sich üppiger entlohnen als die Kollegen aus der Savile Row. Am günstigsten kommen Sie in der City und im East End weg, äußerste Vorsicht geboten ist aber bei ausgesprochenen Dumping-Offerten. In einem handgemachten Anzug stecken etwa 60 Arbeitsstunden, mit einem Taschengeld sind die nicht bezahlt. Für Damen ist London kein so ergiebiger Jagdgrund, obwohl hier eine ganze Reihe von "dressmakers" ihre Dienste anbieten. Sie sind allerdings schwierig zu finden, da viele von zu Hause aus und nur auf persönliche Empfehlung arbeiten. Größte Auswahl in ItalienItalien verspricht nach wie vor die größte Auswahl an Schneidern und Hemdenmachern in allen Preislagen, von fast geschenkt bis astronomisch. Als Faustregel gilt: Je weiter südlich, desto günstiger. In Mailand sind Sie ab etwa 2000 Euro dabei (bei mittlerer Stoffqualität), in Neapel dagegen schon mit etwa 1000 Euro. Wer keine Belege braucht, zahlt noch weniger, denn in mancher Privatwohnung wird an der Steuer vorbei gestichelt.Solche Geheimtipps aufzutun ist nicht leicht, denn wirklich gute Adressen werden eifersüchtig gehütet. So groß die Versuchung aber auch sein mag, bei einer eben entdeckten Hemdenschneiderei oder dem "piccolo sarto" an der Ecke gleich ein halbes Dutzend Hemden oder Anzüge in Auftrag zu geben - "attenzione!". Was man beim Ablauf beachten mussOrdern Sie beim ersten Mal immer nur ein Teil, wenn es gut wird, können Sie nach Herzenslust weiter zuschlagen. Was für die Herren gilt, gilt auch für die Damen: Das Angebot umfasst in Bella Italia alles von der winzigen Werkstatt, wo Sie den Stoff selbst mitbringen müssen, bis hin zur kostspieligen Alta Moda, dem Pendant zur französischen Haute Couture. Egal ob in Düsseldorf, London oder Rom, der Ablauf ist immer der gleiche. Zuerst besprechen Sie mit dem Schneider Stil und Schnitt des Anzugs. Die Maße werden erst danach genommen. Warum? Wenn die Hose hoch geschnitten sein soll, fällt die äußere Beinlänge anders aus als wenn sie niedrig auf der Hüfte sitzt. Ein Tipp: Ziehen Sie zur Bestellung ein Lieblingsteil an und erklären Sie daran, was Sie haben möchten: "Das Revers genauso wie hier nur ein bisschen schmaler." Der Anzug verrät dem Schneider zudem, wo bei Ihrer Figur die Probleme lauern.Am häufigsten sind einseitig hängende Schultern, Rundrücken, Hohlkreuz, vorstehende Hüften, O- oder X-Beine und der allzu üppige Bauch. Vor allem die Briten sind Meister darin, die kleinen Unzulänglichkeiten in einen völlig harmlos klingenden Code zu übersetzen. "DRS" bedeutet "dropped right shoulder" (hängende rechte Schulter), das unverfängliche Kürzel "FS" steht für "forward stomach", was man weniger freundlich als Spitzbauch bezeichnen könnte.Schieflagen: Kein Grund zur BeunruhigungBei der Damenschneiderin dauert die Besprechung von Stil und Look des gewünschten Kleidungsstücks meist etwas länger. Hat die Kundin keine konkreten Vorstellungen, werden erst einmal Magazine und Kataloge gewälzt. Wenn Sie dagegen Fotos oder Zeichnungen ihres Traumkostüms mitbringen, können Sie viel Zeit sparen.Für einen Anzug nimmt der Schneider in der Regel acht Messwerte: Länge und Breite des Rückens, Brust-, Hüft- und Taillenumfang, Armlänge, innere und äußere Beinlänge. Ergänzend ermittelt er die so genannten Haltungsmaße, sie verraten ungleich hohe Schultern oder einen Rundrücken. Solche Schieflagen sind allerdings kein Grund zur Beunruhigung."In die Balance bringen"Der Meister mit Nadel und Faden bügelt sie optisch aus, indem er den Anzug, wie der Fachmann sagt, "in die Balance bringt". Nun kommt das Beste der ganzen Prozedur, nämlich die Stoffauswahl. Sie verstehen nichts vom Zwirn? Macht nichts, der Schneider wird Sie kompetent beraten und zwar am effizientesten, wenn Sie ihm genau erzählen, wann, wo und wie oft Sie den Anzug oder das Kostüm tragen wollen: Mehr drinnen oder mehr draußen, jeden Tag im Büro oder nur zu Ihrer Hochzeit, im Sommer, im Winter oder das ganze Jahr über.Die Entscheidung wird nach Stoffgewicht getroffen. Sommerware wiegt heute etwa 180 g pro Meter, 450 g ein schwerer Tweed, 230 g gilt als die goldene Mitte für den Allround-Einsatz. Weitere Kriterien sind die Art der Faser (Wolle, Mohair, Kaschmir, Baumwolle, Leinen oder Seide), Farbe und Dessin. Der Zwirn wird selten am Stück präsentiert, meistens nur als 10 x 15 cm große Probe aus dem Musterbündel.Büffelhorn, Steinnuss oder Perlmutt?Das Futter wählen Sie passend zum Stoff, neben Dunkelblau, Grau oder Schwarz enthält die Palette auch gemusterte Varianten (zum Beispiel Pünktchen, Streifen oder Paisley) und auffällige Töne wie Limettengrün, Rot oder Himmelblau. Für die Knöpfe eines Herrenanzugs kommen nur Naturmaterialien in Frage, also Büffelhorn, Steinnuss oder Perlmutt, in der Damenschneiderei werden auch ausgefallene Exemplare aus Kristall, Metall, Halbedelsteinen oder Holz verwendet.Jetzt macht sich der Handwerker an die Arbeit, entwirft das Schnittmuster, schneidet den Stoff zu und näht den Anzug provisorisch für die erste Anprobe zusammen. Die Taschen dürfen dabei auf keinen Fall schon aufgeschnitten sein, sonst können Sakkolänge und Balance nicht mehr geändert werden. Bis zur zweiten Anprobe dauert es ein bisschen länger, denn der Anzug wird dafür fast komplett zusammengenäht. Erste Anprobe lieber beim SchneiderAllerdings fehlen noch die Knöpfe und Knopflöcher, dafür sind die Taschenschlitze jetzt schon aufgeschnitten. Ein dritter Passformtest ist in der Regel nicht notwendig, allerdings bestehen einige Schneider bei Neukunden darauf. Sind alle Anproben erfolgreich absolviert, stellt der Schneider den Anzug endgültig fertig. Damenschneiderinnen kommen meist mit einer Anprobe aus, es sei denn, die Kundin ist besonders kritisch oder es handelt sich um eine aufwändige Robe. Wesentlich fixer geht es mit Maßkonfektion auch nicht, Regent liefert zum Beispiel in zwei bis fünf Wochen (Expressaufschlag etwa 25 Euro), Kiton benötigt je nach Auslastung zwischen fünf und acht. Die Preise variieren stark, bei Regent steigen Sie bei etwa 1200 Euro ein, für Kiton müssen Sie 2500 Euro als Minimum ansetzen. Zum Maßnehmen ziehen Sie einen Musteranzug in Ihrer üblichen Größe an, dann wird im Detail geprüft, wo der Schnitt für Sie abgeändert werden muss.Der Vorteil der Methode liegt auf der Hand: Sie sehen - anders als beim Schneider - schon bei der Bestellung sehr genau, was Sie erwartet. Noch ein Tipp: Nie das fertige Teil gleich nach Hause liefern lassen, immer den neuen Anzug im Laden anprobieren. Wenn irgendwas nicht stimmt, kann er zwecks Nachbesserung in die Fabrik zurückgeschickt werden oder wandert ins Änderungsatelier des Ausstatters.Hemdenfertigung: Erst nur weißes LeinenMaßhemden sind ein Thema für sich. Der traditionelle Hemdenmacher nimmt im Prinzip die gleichen Maße wie der Schneider für ein Sakko und konstruiert daraus den Schnitt. Nun schneidet er aber nicht den von Ihnen ausgewählten Stoff zu, sondern nur weißes Leinen (die Franzosen sagen dazu "toile"). Daraus näht er einen Hemden-Prototyp mit Kragen und Manschetten aus Pappe. Erst wenn Sie den anprobiert haben, traut er sich mit der Schere an den "richtigen" Stoff.Vorteil: Wenn der Schnitt ganz daneben liegt, muss er nur den billigen Prototyp wegwerfen, nicht ein feines Stöffchen. Nachteil: Die Anprobe kostet Zeit und Geld. Die meisten Anbieter von Maßhemden gehen anders vor. Sie halten in allen Größen verschiedene Grundschnitte bereit, außerdem diverse Kragenformen und Manschettenvarianten. Sie probieren den gewünschten Schnitt in Ihrer Größe, mit Hilfe des Maßbands wird er dann genau auf Ihren Körper abgestimmt.Einen Prototyp gibt es nichtAnschließend müssen Sie sich nur noch zu Kragen, Manschetten und Details äußern (Fältelungen am Ärmel und an der Rückenpasse, Brusttasche oder nicht, gerader oder geschwungener Saum) und den Stoff aussuchen. Einen Prototyp gibt es nicht, als Testkandidat dient das erste "richtige" Hemd. Wenn damit alles okay ist, werden alle weiteren Orders nach dessen Schnittmuster genäht.

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