Königliches Schuhwerk "Ich gehe wie auf Wolken"

Die Geschichte des Erfurter Schuhmachers Horst Brock klingt wie ein Märchen: Der König von Bhutan erwählte ihn, die Schuhtradition seines Reiches fortzuführen. So entstehen in seiner Manufaktur 25.000 Paare in Handarbeit.

Erfurt - Manchmal kommt eine Fee und erfüllt einen Wunsch. So etwa dem Erfurter Schuhmacher Horst Brock. Der König des Himalaya-Staates Bhutan beauftragte den Thüringer mangels Schustern im eigenen Land mit der Fertigung von edlen Stiefeln für die alte Nationaltracht.

So kam es, dass Brock in dem südasiatischen Land im vergangenen Jahr eine Manufaktur aufbaute. Der 65-Jährige sorgt seither dafür, dass mindestens 25.000 Stiefelpaare für das buddhistische Volk hergestellt werden.

Dabei war dem Erfurter das Land Bhutan zunächst kein Begriff. "Ich wusste gar nicht, wo das liegt." Brock arbeitete mehr als 25 Jahre in Indien, dabei auch als technischer Berater für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn. Als Bhutans König Jigme Singye Wangchuk vor zwei Jahren die GTZ wegen des Schuhproblems um Rat fragte, erinnerten sich die Mitarbeiter an den früheren Kollegen Brock. "Ich sollte junge Leute anlernen, damit sie die Stiefel herstellen konnten", erzählt er. Brock sagte zu, obwohl er sein Handwerk in den fünfziger Jahren lernte, es lange nicht mehr ausübte und heute eigentlich Rentner ist.

Ein Strick, auf den man ständig tritt

Nach der 600 Jahre alten traditionellen Herstellungsweise sind die Stiefel aus Seide, Leder und Brokat nicht sonderlich bequem. "Es wurde nicht zwischen dem rechten und linken Schuh unterschieden", erklärt Brock. Ein Strick, auf den man ständig trat, hielt Sohle und Schaft zusammen. Das Fußbett bestand aus Pappe. Brock entwarf den Stiefel neu, stattete ihn unter anderem mit einer normalen Sohle aus. "Optisch wurde nichts verändert." Eines der ersten neuen Paare ging dem König zu. Als Brock den Monarchen wenig später besuchte, trug Wangchuk seine Stiefel. "Ich gehe wie auf Wolken", habe der Monarch geschwärmt und die Herstellung von 25.000 Stiefelpaaren angeordnet.

Der Monarch hatte das Tragen der traditionellen Tracht angewiesen, um die Bhutanesen von der nepalesisch-stämmigen Hindu-Minderheit abzugrenzen. Der Stiefelauftrag war für Brock keine leichte Aufgabe, denn das Königreich ist nicht mit einem westlichen Land vergleichbar. "Es gibt keine Industrie." Alle für die Stiefelherstellung nötigen Geräte und Materialien mussten per Lastwagen auf dem Landweg von Indien in die bhutanesische Hauptstadt Thimphu gebracht werden: Maschinen, Kleber, Nägel, Sohlen, selbst einfachste Werkzeuge wie Zwickzange und Schusterhammer.

Rot-gelb ist für den König

In der kleinen Werkstatt entstehen heute täglich 15 bis 20 Schuhpaare, wobei die Stulpen verschiedene Farben tragen: "Rot-gelb ist für den König, gelb für die Minister, blau für die Staatsbediensteten und grün für das Fußvolk", sagt der Erfurter. 50 Paare sollen künftig pro Tag entstehen. Frauen erklärten, dass sie die Stiefel auch gerne tragen würden - wenn sie Absätze hätten. Erste Vorstellungen dazu habe er schon, sagt Brock: "Aber das ist wieder eine ganz neue Entwicklung." Vielleicht erfüllt die Fee ja drei Wünsche.

Bettina Grachtrup, DPA

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