Lederbekleidung "Davon konnten unsere Vorfahren nur träumen"

Leder ist ein modischer Dauerbrenner. Doch was macht gute Lederbekleidung aus? Und wohin steuert die Häute-Haute-Couture? Das fragte manager-magazin.de Walter Christ, Mitinhaber der Werner Christ GmbH, einem der profiliertesten Lederbekleidungsunternehmen Deutschlands.
Von Martin Scheele

mm.de:

Herr Christ, Ihr Unternehmen wurde 1954 von Ihrem Vater gegründet. Mit welchen Produkten ging er damals an den Start?

Christ: Er begann zunächst mit der Produktion von Wetterschutz- und Motorradbekleidung. Aber bereits 1959 brachte er die erste Modekollektion aus Velours- und Nappaleder auf den Markt. Zunächst noch mit wenigen Modellen und in wenigen Farben.

mm.de: Wenn Sie zurückblicken, wie hat sich die Ledermode verändert?

Christ: Mode ist immer ein Kind ihrer Zeit. Waren in den 50ern die Modelle noch eher elegant, wurden sie in den 60ern und 70ern trendiger durch das Spiel und den Mix von verschiedenen Längen wie Mini und Maxi. Die Ledermode der 80er und 90er dagegen war sportiver und funktioneller. Heute findet man eine moderne Klassik, die Trends aus den 60ern und 80ern aufgreift, aber sehr wertig umgesetzt wird. Dazu besticht unsere Mode durch die Leichtigkeit der Materialien und beste Verarbeitungsqualität. Wir verarbeiten zum Beispiel die leichtesten Lammfelle der Welt, die Corderitos, zu extraleichten Jacken und Mänteln.

mm.de: Womit wir bereits bei einem Ihrer Lieblingsthemen wären. Ihr Unternehmen gilt als Lammfellspezialist - welche Gründe gibt es für diese Spezialisierung?


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In den späten 60er Jahren geriet Lederbekleidung in Deutschland durch Importe aus Billiglohnländern immer mehr unter Preisdruck. Um sich diesem zu entziehen, verlagerten wir unseren Produktionsschwerpunkt auf Modelle aus Lammfellen. Mit dem Aufbau eines eigenen Konfektionsbetriebes in Uruguay im Jahre 1982 nahm diese Spezialisierung durch die Aufnahme der leichten Corderitos Lammfelle noch zu.

mm.de: Was zeichnet Lammfell als Bekleidungsmaterial aus?

Christ: Es handelt sich hierbei um eines der ältesten und natürlichsten Materialien überhaupt. Leder- und Lammfellhäute wurden als Nebenprodukt der Fleischgewinnung schon frühzeitig haltbar gemacht und erwiesen sich als schützendes und wärmendes Material. Das gilt heute genauso wie früher. Nur das durch bestimmte Gerb- und Zurichtprozesse die Ware heute so fein und leicht gemacht wird, wovon unsere Vorfahren nur träumen konnten.

mm.de: Dennoch gibt es viele, die auf andere Materialien schwören. Wie würden Sie zum Beispiel einen eingeschworenen Jeansjackenträger zum Wechsel bewegen?

Christ: Das ist heute keine Frage des "Entweder-Oder", sondern eine Frage des "Sowohl-als-auch". Warum soll der Jeansjackenträger nicht auch Lammfell- und Lederbekleidung tragen? Selbstverständlich kann man auch mit der Natürlichkeit und der Atmungsaktivität des Materials argumentieren. Wichtig ist aber, dass das Produkt modern und trendig rüber kommt.

Wie erkennt der Kunde Billig-Leder?

mm.de: Wie erkennt der Käufer Billig-Leder? Worauf sollte er unbedingt achten?

Christ: Leider ist der Massenmarkt überschwemmt mit Billig-Ledern. Wenn die Lederjacke nicht teurer als eine Stoffjacke sein darf und auch an ihre Langlebigkeit keine Ansprüche gestellt werden, dann ist eine einfache Materialqualität oft ausreichend. Dabei sind die Nappaleder häufig schwer und mit Pigmentfarbe abgedeckt, Veloursleder haben schlechte Lichtechtheitswerte. Feine Leder- und Lammfellqualitäten erkennt man am weichen, natürlichen Griff, an seiner Geschmeidig- und Leichtigkeit und seinen angenehmen Trageeigenschaften wie die Atmungsaktivität und die Aufnahme von Körperfeuchtigkeit. Zudem werden unsere Leder- und Lammfelle vor der Konfektion langzeitimprägniert, so dass sie sofort tragefähig sind.

mm.de: Wie wichtig ist das Design für den Verkaufserfolg? Legen Sie dabei selbst Hand an?

Christ: Nach so vielen Ausführungen über die positiven Eigenschaften unserer Leder- und Lammfelle könnte man meinen, das Design sei zweitrangig. Das stimmt aber auf keinen Fall. Mode bleibt Mode und das Design ist zunächst ausschlaggebend für den Erfolg. Wir arbeiten mit freiberuflichen Designern zusammen, bestimmen aber letztendlich die endgültige Version jedes Modells selbst.

mm.de: Welche Trends sehen Sie am Lederhimmel? Und wer setzt die eigentlich?

Christ: Leder- und Lammfellmode wird heute nicht mehr nur von Spezialisten gefertigt. Aus Imagegründen kann heute keine wichtige internationale Kollektion auf diese Naturmaterialien verzichten. Eigenständige Ledertrends gibt es nicht, denn Lederbekleidung ist ein Teil des Modegeschehens. Die allgemeinen Modetendenzen werden von den Lederdesignern aufgegriffen und interpretiert.


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mm.de:Wie gewährleisten Sie gleich bleibende Qualität?

Christ: Qualitätssicherung ist bei einem Naturprodukt wie Leder enorm wichtig. Wir wählen alle Felle sehr sorgfältig aus, bevor Sie in unserer eigenen Gerberei schonend verarbeitet werden. Die Veredlung der Häute zu Ledern, zum Teil auch mit pflanzlichen Präparaten, erfordert einen hohen handwerklichen Aufwand. Unser hohes Qualitätsniveau sichern wir, indem wir vom Rohfell bis zum fertigen Bekleidungsstück ausschließlich in eigenen Gerbereien und Konfektionsbetrieben produzieren, geführt von gut ausgebildeten und erfahrenen Technikern aus Deutschland.

mm.de: Was darf, was muss so ein Stück kosten?

Christ: Da Leder ein Naturprodukt ist und keine Haut der anderen gleicht, sind computergesteuerte Fertigungsprozesse so gut wie nicht einsetzbar. Kann man zum Beispiel Stoffe in Lagen schneiden und mit Nähautomaten verarbeiten, so geht das bei Leder und Lammfell nicht. Es fallen sehr viele manuelle Arbeitsvorgänge an. Und wenn man diese - so wie wir es tun - unter guten Arbeitsbedingungen und hohen Qualitätsstandards ausführt, zeigt sich das dann auch im Preis. So liegen unsere Preislagen - je nach Materialqualität und Aufwand - zwischen 500 Euro für ein leichtes Lederhemd und 2000 Euro für einen Softlamm-Mantel mit Kragen aus Samtnutria.

Lederherstellung in Deutschland - zu lohnintensiv

mm.de: Lässt sich für diesen Preis noch gewinnbringend in Deutschland arbeiten?

Christ: Leider nein. Die Herstellung von Lederbekleidung ist sehr lohnintensiv. Deshalb sind in den letzten 30 Jahren in Deutschland nahezu alle Arbeitsplätze in diesem Sektor verloren gegangen. Auch wir mussten, um konkurrenzfähig zu bleiben, zu Beginn der 80er mit unserem Auslandsengagement beginnen. Wir hatten hierfür, wie schon erwähnt, Uruguay wegen seines großen Schafbestandes als Standort ausgewählt.

Die Motivation eine eigene Gerberei - ebenfalls in Uruguay - zu gründen, lag darin, alle Leder und Lammfelle an unseren hohen Qualitätsansprüchen auszurichten und mit unseren Oberflächenveredlungen eine eigene Handschrift zu entwickeln. Heute haben wir noch einen weiteren Konfektionsbetrieb auf den Philippinen und behalten eine kleine Fertigung in Deutschland bei.


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mm.de: Umweltschützer kritisieren nicht selten umweltschädliche Auswirkungen der Lederproduktion. Wie beugen Sie vor?

Christ: Bei vielen Billig-Importen wird nicht hinterfragt, unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden. Und gerade Gerbereien erfüllen oft nicht die notwendigen Voraussetzungen. Wir produzieren in unserer eigenen Gerberei nach den Richtlinien des Forschungsinstituts der Gerberschule Reutlingen und haben dafür das Prüfsiegel erhalten. Damit wird garantiert, dass alle von uns hergestellten Leder- und Lammfellqualitäten Schadstoff geprüft sind und in umweltgerechter Produktion gefertigt werden.


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mm.de: Wo sehen Sie Wachstumspotential für Ihr Unternehmen?

Christ: Der derzeit wohl dynamischste Exportmarkt ist Russland. Dort verzeichnen wir bemerkenswerte Zuwachsraten. Wir kooperieren mit einem Importeur, der von Anfang an auf den Vertrieb über Christ-Mono-Stores gesetzt hat. Auch in diesem Jahr wurden weitere Geschäfte in Moskau, Tumen und erstmals auch in der Ukraine, in Kiew, eröffnet. In Kanada und den USA gibt es seit diesem Jahr die ersten Christ-Corners.

Weitere interessante nichteuropäische Märkte sind Mexiko und Japan. Weltweit gibt es für uns noch beachtliches Wachstumspotential und sicherlich wird China in Zukunft ein wichtiger Markt werden. Wir gehen davon aus, dass sich unser Exportumsatz in den nächsten 3 bis 4 Jahren von derzeit 40 Prozent auf 50 Prozent erhöhen wird.

mm.de: Zum Abschluss eine persönliche Frage an den Familienunternehmer. Haben Sie Ihre Kinder auch schon fürs Leder begeistern können?

Christ: Insgesamt 6 Kinder im Alter zwischen 11 und 18 Jahren leben und erleben als dritte Generation die Unternehmenskultur unseres Hauses. Wir hoffen, dass wir viele unserer Kinder davon begeistern können, das Unternehmen weiterzuführen. Zurzeit bilden meine Geschwister und ich die Geschäftsleitung des Unternehmens. Mein Bruder Berthold leitet den internationalen Rohfelleinkauf und die eigenen Zulieferbetriebe in Uruguay und auf den Philippinen. Er lebt seit 15 Jahren mit seiner Familie in Montevideo, Uruguay. Meine Schwester Marianne ist für die deutsche Produktion und unser Fachgeschäft in Koblenz zuständig. Um flexibel auf Kundenwünsche reagieren zu können, haben wir uns eine kleine Fertigung an unserem Stammsitz in Gondershausen erhalten. Ich leite die Verwaltung inklusive Produktmanagement und Marketing.

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