Dresscode Bauchfrei ist vorbei

Das Thermometer steigt, die Hüllen fallen. Doch am Arbeitsplatz gelten andere Regeln: Gerade in der Arbeitsmarktkrise wird verstärkt Wert auf ein seriöses Erscheinungsbild gelegt.

Köln - Die Kleiderordnung im Büro kann schon an kühlen Tagen für Konflikte sorgen. Doch bei Sonnenschein und Hitze stören Schlips und Sakko umso schneller.

Was Arbeitnehmer sich morgens aus dem Schrank holen, ist dabei nicht nur eine Frage des individuellen Geschmacks: Der Arbeitgeber kann ein Wörtchen mitreden. Ob bauchfreies Top, Minirock oder Shorts als "in Ordnung" gelten, hängt von der Branche und vom einzelnen Betrieb ab.

Bei Berufen mit häufigen Kundenkontakten empfiehlt sich in jedem Fall, bei der Kleidung auch im Sommer nicht allzu leger zu sein. Aber auch gegenüber Kollegen und Vorgesetzten haben modische Vorlieben Signalwirkung: "Korrekte Kleidung zeigt, dass einem sein Äußeres wichtig ist", sagt Brigitte Ruhleder, Dozentin und Etikette-Expertin aus dem niedersächsischen Bad Harzburg. Was das Thermometer anzeigt, hat darauf keinen Einfluss: "Wenn im Winter im Büro Krawatte getragen werden soll, dann gilt das für den Sommer auch."

Sexy = inkompetent

Die Grenze zwischen Lässigkeit und Nachlässigkeit ist schnell überschritten. Für Männer sollten zumindest im Büro kurze Hosen oder Sandalen zum Anzug tabu sein, empfiehlt Brigitte Ruhleder. Frauen sollten sich dagegen nicht zu weiblich geben: "Spaghetti-Träger, Stilettos und großer Ausschnitt sind im Beruf fehl am Platz." Wer zu sexy wirkt, dem werde wenig Kompetenz zugeschrieben. "Generell sollte man bei der Kleidung alles vermeiden, was dazu führen kann, weniger ernst genommen zu werden", rät die Expertin.

Gerd Müller-Thomkins vom Institut für Herrenmode in Köln beobachtet einen Trend zu konservativeren Kleidungsgewohnheiten: "In vielen Unternehmen wurde der Casual Friday, an dem Angestellte vom Dresscode befreit waren, wieder abgeschafft." T-Shirt unterm Sakko, nicht nur in der IT-Branche weit verbreitet, sei nicht mehr gefragt.

Im Gegenteil, bestätigt Karriereberater Jürgen Hesse aus Berlin: In der jetzigen Wirtschaftsflaute, in der viele Unternehmen Stellen abbauen, zähle seriöses Auftreten umso mehr. Korrekte Kleidung sei ein Zeichen dafür, den eigenen Beruf ernst zu nehmen. "Mit Shorts und Füßen auf dem Tisch wie früher in der New Economy, das ist heute so gut wie überall undenkbar."

"Was nach Bikini aussieht, gehört nicht ins Büro"

"Was nach Bikini aussieht, gehört nicht ins Büro"

Zwischen Freizeit und Beruf sollte deshalb auch modisch deutlich unterschieden werden: "Was nach Bikini aussieht, gehört nicht ins Büro", sagt Hesse. Frauen hätten schließlich durchaus Möglichkeiten, schick auszusehen, ohne Bauch zu zeigen.

Der Glaube, mit möglichst wenig Kleidung im Sommer besser bedient zu sein, ist laut Mode-Fachmann Müller-Thomkins sowieso verkehrt: "Das ist überhaupt nicht kühler. Kleidung hat sogar einen klimatisierenden Effekt." Der Experte empfiehlt auch für den Sommer das Zwiebelprinzip: Wer mehrere "Schichten" Kleidung trägt, kann flexibler reagieren. "Gerade in klimatisierten Räumen ist es gut, solche Alternativen zu haben. Bei manchen Klimaanlagen gefriert einem fast der Schweiß auf der Haut." Wer das Sakko dann zu Hause gelassen hat, hat das Nachsehen.

Arbeitnehmer können im Zweifelsfall gar nicht frei entscheiden, was sie am liebsten zur Arbeit anziehen: "Das Weisungsrecht des Arbeitgebers erstreckt sich auch auf Fragen der Kleidung", sagt Heinz-Jürgen Kalb, Geschäftsführer des Deutschen Arbeitsgerichtsverbandes in Köln.

Bauchfrei vernichtet Arbeitsplätze

Der Chef darf beispielsweise einem Verkäufer untersagen, Kunden mit Jeans, offenem Kragen und ohne Sakko entgegenzutreten - entschied das Landesarbeitsgericht Hamm (Az.: 13 TaBV 36/91). Wer entgegen der ausdrücklichen Anweisung des Chefs auf Minirock oder nackten Bauch besteht, riskiert unter Umständen seinen Job.

Mehr noch, der Arbeitgeber kann sogar ganz bestimmte Kleidungsdetails einfordern - selbst eine Baseballmütze. Eine Mitarbeiterin der Lufthansa-Service-Gesellschaft (LSG) hatte sich dagegen gesträubt und eine Abmahnung bekommen. Zu Recht, urteilte das Arbeitsgericht Frankfurt (Az.: 9 Ca 7218/98). Die Begründung, das Tragen einer Baseball-Kappe verstoße gegen die Menschenwürde, ließen die Richter nicht gelten - völlig unabhängig von den herrschenden Temperaturen.

Andreas Heimann, dpa

Maßkonfektion: Perfekte Passform aus dem PC Manager-Mode: "Kaufen Sie sich ein Bügeleisen" Schlips-Ranking: Deutsche Desasterzone Die Reimer-Kolumne: Dandys für Deutschland

Mehr lesen über Verwandte Artikel