Nachhaltigkeit in der Luxusbranche Luxus-Uhren fürs gute Gewissen

Luxusmarken müssen sich verstärkt um die Themen Ethik und Nachhaltigkeit kümmern, denn der Druck der neuen Power-Shopper steigt. "Statement-Uhren" fürs gute Gewissen sind gefragt: Das verändert auch die Luxusuhrenbranche.
Foto: Chopard; Cartier; NOMOS; Triwa

Luxusmarken wachsen dreimal schneller als der Marktdurchschnitt - sofern sie ihre Produktions- und Arbeitsbedingungen fair umsetzen, verantwortungsbewusste Lieferketten und nachhaltige Umweltmaßnahmen befolgen. Und zwar trotz Corona-Krise. Das belegt die Studie "Luxury Goods Worldwide Market Study 2021" der Beratungsgesellschaft Bain & Company. "Ging es bislang vor allem um Status, Logos und Exklusivität, müssen die Hersteller von Nobelwaren heute ihren Fokus auf Nachhaltigkeit, Diversität und soziale Verantwortung richten," erklärt Bains Retail-Expertin Marie-Therese Marek.

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Uhren fürs gute Gewissen

Die Studie zeigt außerdem: Vor allem die Generationen Y und Z sind die Treiber für das neue Bewusstsein. Bis 2025 sollen diese Kundengruppen 70 Prozent der Luxusgüter-Nachfrage bestimmen. Schon jetzt seien fast 70 Prozent der Power-Shopper laut Nielsen Report bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu zahlen. Die Luxusbrands, so Marek, "werden in Zukunft nicht mehr nur mit außergewöhnlicher Kreativität und hoher Qualität punkten können."

Definition von Luxus wird momentan umgeschrieben

Die Definition von Luxus wird momentan umgeschrieben. Statt seltene Tiere für Edelprodukte zu töten oder seltene Erden und Metalle abzubauen, soll Luxus immer häufiger mit Nachhaltigkeit und ethischem Handeln vereinbar sein. Ebenso ist die Selbstverliebtheit mancher Luxuslabel passé.

Vorausschauende Uhrenmacher haben das längst erkannt. Sie bandelten daher mit den Veranstaltern glamouröser Charity Veranstaltungen sowie mit Influencern an.

Doch die jüngere Kundschaft gibt sich auch damit nicht zufrieden. Aufrichtigkeit und Transparenz sind gefragt. Vor allem möchten Millennials mit ihrem Geld etwas Sinnvolles tun, am liebsten sogar die Welt retten. Idealerweise sollten Edeluhren aus recycelten Materialien bestehen - oder zumindest soll ein Teil des Erlöses soziale Projekte fördern. Nachhaltige Statementuhren nennt das die Branche, die man stolz und mit gutem Gewissen vorzeigen kann. Nichts fürchten die Marken mehr als einen digitalen Shitstorm.

Nomos mit Sondermodellen für Ärzte ohne Grenzen

So gehört es mittlerweile bei den Manufakturen zum guten Ton, sich wohltätig mit Sondereditionen zu engagieren. Mit "Uhren für humanitäre Hilfe" ist Nomos schon seit zehn Jahren dabei. Inzwischen hat die sächsische Manufaktur 14 verschiedene Auflagen für Ärzte ohne Grenzen gefertigt und je nach Edition landen zwischen 100 und 250 Euro vom Stückpreis direkt bei Menschen in Not. Über 10.000 dieser Modelle taten schon ihr Gutes – insgesamt kamen so mehr als eine Million Euro zusammen. Diesen Dezember feiert die Hilfsorganisation ihren 50. Geburtstag, wofür Nomos das limitierte Sondermodell "Tangente 38 – 50 ans de Médecins Sans Frontières" auflegt.

Einen anderen Wohltätigkeitsweg geht seit Sommer Mühle Glashütte. "In Kooperation mit GEO engagieren wir uns mit einer Sonderedition für das Meer – genauer gesagt für die Ostsee," erklärt der Geschäftsführer Thilo Mühle. Vom Erlös jeder "ProMare Datum GEO Charity" gehen 100 Euro direkt an die Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V., um Geisternetze zu bergen.

Mühle und Seiko entdecken das Meer ...

Auch die japanische Marke Seiko hilft der Ostsee mit gleich mit zwei Versionen. In der Kollektion "Prospex Save the Ocean" unterstützen die neue Taucheruhren das Museum Ozeaneum in Stralsund, das sich zum Schutz von Meeresbewohnern einbringt.

Alle drei Marken setzen dabei auf mechanische Kaliber – dem nachhaltigsten Antrieb. Selbst über Generationen sind Automatik- oder Handaufzugswerke reparabel. Hingegen bei Quarzuhren und Smartwatches mit umweltschädlichen Batterien oder Akkus sowie irreparabler Elektronik beträgt die Halbwertszeit nur wenige Jahre.

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Uhren fürs gute Gewissen

... und Cartier nutzt Photovoltaik

Genau in diese Kerbe schlug kürzlich einer der größten Luxusuhrenhersteller. Dabei gelang Cartier ein cleverer sowie ressourcenschonender Technologie-Mix. Das hauseigene Entwicklungslabor konzipierte ein Photovoltaik-System, das sich unsichtbar im Zifferblatt versteckt. Durch winzige Perforationen in den Ziffern erreicht Sonnenenergie die Solarzellen und speichert diese, ganz ohne umweltschädliche Batterie. Präsentiert wird diese Premiere in dem berühmten Klassiker "Tank Must" und zwar ohne das Design zu verändern. Zwei Jahre Entwicklung stecken in dem Solar-Beat-Werk mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von 16 Jahren.

Upcycling für Individualisten

Oris bietet sogar ökologisch perfekten Style an. In den Hochleistungs-Taucheruhren mit Automatik-Antrieb "Aquis Date Upcycle" kommen bunte Zifferblätter aus recycelten PET-Plastikmüll zum Einsatz. Der Hingucker-Effekt: Jedes Modell ist ein Unikat, da der Kunststoff, den die Organisation Everwave aus Gewässern sammelt und vom Recycling-Spezialisten #tide mit bunten Strukturen aufbereitet wird.

Auch Panerai möchte die Welt retten und verwendet recycelte Materialien in dem Sondermodell "Luminor Submersible eLAB-ID". Erstmals in der Luxusuhrenwelt kamen 100 Prozent recycelte Leuchtmasse für das Zifferblatt und Zeiger sowie komplett recyceltes Silizium für die Hemmung zum Einsatz. Das Ganze umgeben von einem Gehäuse und Zifferblatt sowie Brücken aus 80 Prozent recyceltem Titan. Panerais CEO Jean-Marc Pontroué musste dafür eine komplett neue Lieferkette aufbauen und möchte als Vorbild dienen: "Wir würden uns freuen, wenn alle unsere Kollegen in der Schweiz und auf der ganzen Welt mit denselben Lieferanten Kontakt aufnehmen und die gleichen Materialien verwenden würden". Dafür brach er sogar mit einem Tabu – er veröffentlichte alle Zulieferer, die das Projekt ermöglichten.

Aufbereitete Metalle sind nichts Neues für die Branche

Aufbereitete Metalle für die Schmuck- und Uhrenproduktion ist nichts Neues. Schon seit 2018 nutzt das Familienunternehmen Chopard für seine Preziosen zertifiziertes "Fairmined Gold", das die Arbeitsbedingungen der Bergbauleute sowie den Umweltschutz der Minen massiv verbessert. Neu jedoch ist "Lucent Stahl A223", das aus 70 Prozent recycelten Metallen besteht. Premiere feierte es vor wenigen Monaten im neuen Damenmodell "Happy Sport The First".

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Westdeutsche Uhrenmarken

Foto: Botta

Weniger den luxuriösen aber den radikalsten Weg wählt die Newcomer Marke Triwa aus Schweden: Sie produziert Uhren aus zerstörten Waffen. Die Organisation "Humanium Metal" sammelt Lateinamerika illegale Waffen ein, verschrottet sie, bereitet die Metalle auf und Triwa verwendet sie für Uhrengehäuse. Zudem fließen 15 Prozent vom Uhrenverkauf an die Entwicklungshelfer-Initiative IM. Als jüngste Statement-Uhr stellen die Schweden die "x Sea Shepherd Time for Action" vor. Sie besteht nahezu komplett aus recyceltem Ozean-Plastikmüll und auch hier landen 15 Prozent vom Erlös bei der non-profit Umweltorganisation Sea Shepherd. Allerdings wird sie von Batterien angetrieben, die irgendwann entsorgt werden müssen.

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