Samstag, 25. Mai 2019

Buchauszug "Finding my Virginity" Wie Richard Branson über Donald Trump denkt

Richard Branson: Bilder seines Lebens
privat

5. Teil: Hetzerische Reden und Schmeicheleien per E-Mail

Buchtipp

Richard Branson
Finding My Virginity: Die neue Autobiografie

FinanzBuch, 544 Seiten, Juni 2018, 24,99 Euro

Jetzt kaufen

Ich bekam ein ganzes Jahrzehnt lang keine Antwort und ging also davon aus, dass mein Name auf der Liste gelandet war! Erst im Jahr 2015 hörte ich wieder von Donald. Jetzt machte er Schlagzeilen aus einem anderen Grund: als Kandidat der Republikaner für die Nominierung zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wann immer ich Donald Trumps hetzerische Reden im Fernsehen sah, oder hörte, dass seine Umfragezahlen in die Höhe schnellten, dachte ich an unser bizarres Treffen zurück. Dann erinnerte ich mich an unsere spätere Korrespondenz. Könnte dieser Mann wirklich ein ernsthafter Anwärter für das Weiße Haus sein? Es schien so.

Am 22. September 2015 erhielt ich weitere Post aus dem Büro von Donald Trump. Ich saß in The Temple auf Necker Island, als ich sie mit einiger Skepsis öffnete: "Guten Tag, Herr Branson. Herr Trump bittet Sie um Kenntnisnahme der beigefügten Notiz. Vielen Dank!" Ich betrachtete den Namen des Absenders, nahm einen Schluck Tee, öffnete den beigefügten Umschlag und fragte mich, was es wohl sein könnte. Im Inneren fand ich einen Artikel aus der Ausgabe vom 15. September der Los Angeles Times über die boomende kommerzielle Raumfahrtindustrie. Unter der Überschrift "Astronomische Unternehmen" wurden Jeff Bezos, Elon Musk und ich porträtiert. Donald Trump hatte einen großen schwarzen Pfeil gezeichnet, der auf mein Foto zeigte, und die Worte geschrieben: "RICHARD - GROSSARTIG!"

Mein unmittelbarer Verdacht war, dass Jeff und Elon identische Mitteilungen erhalten hatten. Lachend wandte ich mich an meine Assistentin Helen Clarke und sagte: "Man muss den Hut vor Donald Trump ziehen, dass er die Zeit findet, sich um solche Dinge zu kümmern!" Weitere Mitteilungen ähnlicher Art folgten, darunter Einladungen in seine Loge für die US Open in Flushing Meadows. Normalerweise bin ich ein großer Anhänger von Menschen, die sich wieder mit denen anfreunden, mit denen sie sich zerstritten haben, aber bei dieser Gelegenheit muss ich zugeben, dass das Timing mich misstrauisch machte. Wenn er seine Einladung irgendwann während des Jahrzehnts vor seiner Präsidentschaftskandidatur geschickt hätte, wäre ich vielleicht dabei gewesen. Trump schien seine bösen Briefe von damals vergessen zu haben. Stattdessen schien er so sehr darauf bedacht zu sein, hochkarätige Leute um sich zu versammeln, um seinen Präsidentschaftswahlkampf zu unterstützen, dass er sogar auf Schmeicheleien per E-Mail zurückgriff.

Wenn er einen kurzen Blick in meine Lobbyarbeit geworfen hätte, die Bereiche umfasst wie Flüchtlinge und Drogenreform, Waffenkontrolle und Klimawandel, dann hätte er gemerkt, dass ich ein Geschäftsmann bin, der sich von seiner spaltenden Rhetorik und seinem an Mobbing grenzenden Verhalten nicht beeindrucken lassen würde. Ich vermute, er hätte nie erwartet, dass seine Präsidentschaftskampagne so weit gehen würde, wie sie es tat, und er war wohl so überrascht wie jeder andere auch, als seine Kandidatur für die Präsidentschaft immer ernster und wahrscheinlicher wurde.

Im Laufe der Geschichte hat es immer wieder Zeiten gegeben, in denen die Ängste vor Einwanderung und instabilen Volkswirtschaften von Demagogen ausgebeutet wurden, indem sie Lüge und Hass benutzten, um Unruhen zu schüren. Das war hier nicht anders. "Ich fände es schön, wenn ein Unternehmer eines Tages Präsident würde", schrieb ich. "Ich glaube, dass unternehmerisches Denken in Führungskräften unglaublich wertvoll ist, und es gibt viele Unternehmer, die ich gerne an der Macht sehen würde - nur nicht diesen."

Würde ich Trump jemals unterstützen? Nein. Aber würde ich versuchen, mit ihm über Themen zu sprechen, die mir wichtig sind, vom Klimawandel bis zur Strafrechtsreform, und ihn ermutigen, einen besseren Ansatz zu wählen? Natürlich. Wie ich ihm all die Jahre zuvor bereits gesagt hatte, ist das Leben zu kurz für Feindschaften, und der Geist der Vergebung ist viel stärker als der Geist der Rache.

Würde Donald Trump dem zustimmen? Traurigerweise bezweifle ich das.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung