Mittwoch, 17. Juli 2019

Buchauszug "Finding my Virginity" Wie Richard Branson über Donald Trump denkt

Richard Branson: Bilder seines Lebens
privat

3. Teil: Eine Million Dollar sicher - oder lieber noch mehr Risiko?

Das war nicht einmal die gefährlichste Aufgabe: Diese Ehre gebührt dem Balanceakt, eine Planke zwischen zwei Heißluftballons in über 3000 Metern Höhe zu überqueren. Nachdem die meisten Kandidaten es auf die andere Seite geschafft hatten, zögerten Tim Hudson und Sara. Um ihnen die Chance zu bieten, ihren Ruf wiederherzustellen, forderte ich sie auf, über eine Leiter zur Spitze des Ballons hinaufzuklettern, wo ich sie erwarten würde.

Das bedeutete, dass auch ich über eine schaukelnde, gut 30 Meter lange Seilleiter hochklettern musste. Unter meinen Füßen war nichts, der sichere Boden lag weit entfernt unter mir, das Seil schlackerte im Wind - mir rutschte das Herz in die Hose. Die Leiter wirkte wie eine auseinandergezogene Ziehharmonika mit Hunderten von Sprossen und sie erschien mir viel beschwerlicher hochzuklettern als jeder Berg, den ich jemals bestiegen hatte. Ich schaffte es gleichwohl zur Spitze, wo ich mich wie ein englischer Gentleman alter Schule an einem Tisch niederließ und drei Tassen Tee einschenkte. Tim kletterte ohne viel Aufhebens als Nächster hoch, aber Sara hatte Höhenangst und schwer mit sich zu kämpfen. Kurz bevor sie den Gipfel erreichte, rutschte sie aus und fiel fast in einen Lüftungsschlitz.

Mit einiger Erleichterung konnten wir uns schließlich alle hinsetzen, schnell den mittlerweile lauwarmen Tee hinunterspülen und uns schleunigst daran machen, nach unten zu kommen, bevor dem Ballon der Treibstoff ausging.

Sara hatte mich mit ihrer Einstellung ebenso beeindruckt wie mit ihren Businessplänen, und es war keine Überraschung, dass sie es bis ins Finale schaffte. Aber am Ende entschied ich, dass Shawn am meisten vom Sieg profitieren würde, da sein Talent so unverbraucht war. Als wir jedoch auf dem Balkon des Great House auf Necker Island standen, hatte ich für ihn noch eine letzte überraschende Wendung in petto. Ich nahm den Scheck über eine Million Dollar und hielt ihn außerhalb seiner Reichweite.

"Du hast die Wahl", sagte ich ihm. "Du kannst das Geld nehmen oder eine Münze werfen und einen noch größeren Preis gewinnen." Shawns abschließendes Dilemma brachte die Show auf den Punkt. In der Sendung ging es um Abenteuer, aber auch darum, Risiken zu verstehen und zu lernen, wann man Nein sagen sollte. Es ist eine Sache, mutig zu sein, es ist eine ganz andere, seine Zukunft dem puren Zufall zu überlassen.

Shawn war, wie ich sehen konnte, ob dieser Entscheidung hin- und hergerissen.

"Was würdest du tun, Richard?", fragte er.

"Es liegt ganz an dir", antwortete ich.

Für mich lag die Antwort auf der Hand, aber Shawn musste das für sich selbst herausfinden. Als er auf der Terrasse auf und ab tigerte, konnte ich sehen, dass er darüber nachdachte, mit kaltblütigem Risiko die Zuschauer zu beeindrucken (und besseres Fernsehen zu machen). Aber war dieser kurze Adrenalinkick es wert, die Chance wegzuwerfen, die sein Unternehmen und das Leben seiner Mitarbeiter verändern würde? Endlich war er so weit.

"Ich nehme den Scheck", sagte er zu mir.

Froh überreichte ich ihm den Scheck. "Wenn du dich für den Münzwurf entschieden hättest", sagte ich zu ihm, "hätte ich jeglichen Respekt vor dir verloren." Shawn hatte viel bei der Show gelernt und brachte seine Erfahrungen in sein Unternehmen Lovesac ein, das sich zu einem der weltweit führenden Möbelhersteller entwickelt hat. Und obwohl Sara nicht den Wettbewerb gewonnen hatte, gab ich ihr zusätzlich 750.000 Dollar, um ihre eigene Stiftung zu gründen, die Frauen bei ihren unternehmerischen Ambitionen und der Weiterbildung unterstützen sollte. Sara baute nicht nur ihre Wohltätigkeitsorganisation aus, sondern auch ihr Unternehmen Spanx, das sich auf den Entwurf sogenannter "Shapewear" spezialisiert hatte. Innerhalb des ersten Jahres verkaufte sie Waren im Wert von vier Millionen Dollar, ohne eine eigene Website zu haben, und Sara avancierte zur jüngsten Frau der Welt, die aus eigener Kraft ein Milliarden-Dollar-Geschäft gegründet hatte.

Sie ist die erste Frau, die sich Bill Gates' und Warren Buffetts Kampagne Giving Pledge anschloss (meine Familie und ich haben uns ebenfalls angeschlossen und versprochen, die Hälfte aller Erlöse, die wir aus der Virgin Group erzielen, für gute Zwecke zu spenden). Nicht schlecht für eine junge Frau, die ihre Firma gegründet hatte, weil sie "ihren Hintern noch besser aussehen lassen wollte".

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