Freitag, 24. Mai 2019

Buchauszug "Finding my Virginity" Wie Richard Branson über Donald Trump denkt

Richard Branson: Bilder seines Lebens
privat

2. Teil: The Rebel Billionaire: Abenteuer als Geschäftsprinzip

Ich hörte nach diesem Essen mehr als ein Jahrzehnt lang nichts mehr von Donald Trump. Dann ging im Jahr 2004 meine Fernsehshow The Rebel Billionaire auf Sendung.

Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Abenteuer, sei es als Kind auf Bäume zu klettern oder als Erwachsener auf Berge. Das hat sich auch in meinem Berufsleben niedergeschlagen: Abenteuer waren immer schon ein gewichtiger Teil der Marke Virgin und einer der Hauptgründe, warum wir so lange so massiv und kontinuierlich expandieren konnten. Als mir Fox die Möglichkeit anbot, eine Fernsehshow zu leiten, bei der das Abenteuer-Gen anderer Unternehmer geweckt werden sollte, war es für mich eine leichte Entscheidung, dieses Angebot anzunehmen.

The Rebel Billionaire war eine für Unternehmer gedachte Realityshow mit überraschenden Wendungen. Während ich Shows wie The Apprentice einerseits schätzte, weil sie die Idee des Unternehmertums einem breiteren Publikum näher gebracht hatten, wollte ich persönlich nie Teil davon werden.

Shows wie diese neigten dazu, sich einzig und allein auf die schlechtesten, die negativen Eigenschaften der Leute zu konzentrieren. The Rebel Billionaire versprach hingegen, anders zu sein. Statt die Kandidaten vor unternehmerische Aufgaben zu stellen, würde ich stattdessen extreme Abenteuer nutzen, um meine Erfahrungen zu teilen.

Videos fluteten herein, in denen Teilnehmer uns zu überzeugen versuchten, warum sie in die Show gehörten. Eine der Bewerbungen stach sofort heraus, sie war von einer Frau namens Sara Blakely, die in ihrem Keller eine neue Firma namens Spanx gegründet hatte. Sie war prägnant, hatte eine klare Vision für ihr Geschäft und schien offen für Spaß zu sein. Ein weiteres ausgezeichnetes Video kam von einem Mann namens Shawn Nelson, der ein vielseitiges, modernes Möbelunternehmen namens Lovesac leitete. Beide schafften es auf die Liste der 16 Finalisten.

Wir begannen im November 2004 mit den Filmaufnahmen zu den zwölf Shows. Zuerst versammelten wir alle Kandidaten am Flughafen Heathrow in London, wo sie von einem etwas gebrechlichen Taxifahrer abgeholt wurden, der sie zu meinem damaligen Zuhause nach Oxford brachte. Der Taxifahrer, der sehr stark humpelte und einen Gehstock benutzte, beobachtete die Kandidaten ganz genau. Als die Kandidaten in Oxfordshire ankamen, machte er sich heimlich Notizen, wer von ihnen das Gepäck selbst aus dem Wagen hob und wer es dem alten Taxifahrer überließ. Waren sie freundlich oder unhöflich? Hatten sie sich mit ihm unterhalten oder ihn ignoriert?

Am selben Abend kam dann während des Abendessens der Taxifahrer hereinmarschiert, um alle persönlich kennenzulernen. Er zog seine Maske ab und dahinter steckte … kein anderer als ich selbst! Die Kandidaten wurden nervös, besonders die beiden, die zu dem Mann, den sie für einen Taxifahrer gehalten hatten, am unhöflichsten gewesen waren. Aus den 16 Kandidaten wurden somit schlagartig 14, und die beiden anderen befanden sich unversehens schon wieder im Taxi zurück zum Flughafen (diesmal aber ohne mich am Steuer).

Die Serie führte mich und die Kandidaten rund um die Welt, wobei überall, von Marokko bis Südafrika, neue Herausforderungen auf sie warteten. Die ganze Zeit über klopfte ich die Kandidaten auf Entscheidungsfindung, Tapferkeit und Führungseigenschaften ab. Besonders der letztgenannte Charakterzug war wichtig, da er mit dem großen Preis zu tun hatte, den ich noch geheim hielt. Neben dem Gewinn von einer Million Dollar bekäme der Gewinner die Schlüsselgewalt über die gesamte Virgin Group und wäre für drei Monate deren Präsident. Das setzte auch für mich die Messlatte hoch - ich musste jemanden finden, der uns dabei helfen konnte, Hunderte von Firmen zu leiten.

Eine besonders aufschlussreiche Episode ereignete sich an den Victoria- Falls, am Sambesi-Fluss, an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe. Der Sinn der Übung bestand darin, zu sehen, ob die Teilnehmer den Mut und den gesunden Menschenverstand hatten, Nein zu sagen. Es ist sehr wichtig, Risiken im Leben und im Geschäft einzugehen, aber sie müssen kalkuliert sein - es hat keinen Sinn, den Hals für etwas zu riskieren, das wenig Aussicht auf Erfolg hat (wie ich in Vegas auf die harte Tour gelernt hatte!).

Ich forderte einen unserer Kandidaten, Sam Heshmati, auf, mich in einem speziell von der NASA entworfenen Fass zu begleiten und den über 50 Meter tiefen Wasserfall hinunterzustürzen. Sam zuckte kaum mit der Wimper, als uns ein Kran in die reißende Strömung des Flusses absenkte. Wir zählten von zehn herunter, bis das Fass gelöst werden sollte, unsere Gesichter waren schweißgebadet. Als wir bei fünf angekommen waren, atmete er tief durch, die Angst stand in seine Augen geschrieben. Mir wurde klar, dass er bereit war, die Sache durchzuziehen. Einen Bruchteil einer Sekunde, bevor wir fallen gelassen werden sollten, schrie ich: "Stopp!" Ich erinnerte Sam daran, dass unter uns jede Menge Felsen waren, die unsere Körper trotz Hightech-NASA-Fass in Stücke gerissen hätten.

"Du warst drei Sekunden vom Tod entfernt", sagte ich ihm, bevor ich ihn nach Hause schickte. "Du musst die Dinge mehr infrage stellen. Du solltest nicht blind den Ratschlägen eines Anführers folgen."

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