Freitag, 19. April 2019

Die philosophische Frage Frau Hoss, was ist Verzeihen?

Nina Hoss: Die 39-Jährige ist eine deutsche Theater- und Filmschauspielerin. In Christian Petzolds aktuellem Drama "Phoenix" spielt sie eine Frau, die im Jahr 1945 als Auschwitz-Überlebende nach Deutschland heimkehrt - und vor der Frage steht, ob sie jemals verzeihen kann. Nina Hoss lebt in Berlin.
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Nina Hoss: Die 39-Jährige ist eine deutsche Theater- und Filmschauspielerin. In Christian Petzolds aktuellem Drama "Phoenix" spielt sie eine Frau, die im Jahr 1945 als Auschwitz-Überlebende nach Deutschland heimkehrt - und vor der Frage steht, ob sie jemals verzeihen kann. Nina Hoss lebt in Berlin.

Was ist Verzeihen? Dieser Frage muss sich Nina Hoss in ihrer Filmrolle als Auschwitz-Überlebende stellen. Im Protokoll der Philosophie-Zeitschrift "Hohe Luft" sagt die Schauspielerin, wie sie es selbst hält - und warum eine Entschuldigung etwas anderes ist als eine Bitte um Verzeihung.

"Verzeihen ist ein großes Wort. Es ist nach einem Streit angebracht, der einen wirklich tief erschüttert hat. Wenn man sich im Zorn Dinge sagt, die man weder hören noch sagen will. Dann gibt es viele Arten, wie wir um Verzeihung bitten können, doch sie bedeuten nicht dasselbe.

Das Wort "Entschuldigung" kommt uns zum Beispiel fast täglich über die Lippen. Beim Entschuldigen will ich mich von einer Schuld befreien, die ich begangen habe oder noch begehen werde. Es bedeutet, dass ich nicht verantwortlich bin. Ich bin wortwörtlich: ent-schuldigt.

Gefunden in
Hohe Luft
Heft 6/2014

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Doch wir leben nicht in einer Kriegsregion, leben nicht in Armut, müssen nicht klauen, um zu überleben. Fast alles, was wir falsch machen, machen wir freiwillig. Daher klingt das Wort für mich häufig gehetzt, als wäre es nicht wirklich so gemeint, etwa wenn ich sage: "Ich entschuldige mich für alles" - und mich damit ganz bewusst unangreifbar mache.

Wenn ich tatsächlich etwas angestellt habe, sage ich lieber: "Es tut mir leid." Ich finde, das ist die stärkere Form, die ehrlichere. Denn wenn es mir leid tut, dann fühle ich mit dem anderen. Erst Mitgefühl ermöglicht echtes Verständnis, und ohne Verständnis ist kein Verzeihen möglich.

Wer verzeiht, vergisst nicht, sondern erkennt die Schuld des anderen an - und vergibt dennoch. Es gelingt mir meist gut, ein Vergehen auf sich beruhen zu lassen und beim nächsten Streit nicht wieder hervorzukramen. Denn Schuld interessiert mich nicht.

"Ich bin niemand, der Dinge vor sich hin schwelen lässt"

Ich bin nicht nachtragend. Manchmal muss ich mich ganz bewusst zurückbesinnen, dass ich ein Problem mit einem anderen hatte, wenn ich diesem erneut begegne. Ich bin niemand, der Dinge vor sich hin schwelen lässt und sie so lange mit sich herumschleppt, bis sie immer größer werden. Ich versuche Auseinandersetzungen vor Ort zu klären. Das klappt nicht immer. Dann denke ich: "Das Leben ist so kurz, was sollen wir uns damit belasten." Es kann sein, dass man dann sagt: "Das war's jetzt, wir kommen nicht zusammen." Es ist unangenehm, weil man erkennt, dass man nicht gemocht wird. Aber es ist nicht schlimm: Es beruht ja auf Gegenseitigkeit.

Verzeihen ist für beide Seiten echte Arbeit. Wer um Verzeihung bittet, muss eingestehen, dass er nicht perfekt ist. Nicht unfehlbar. Wer um Verzeihung bittet, muss daher immer auch den eigenen Stolz überwinden, und das erfordert Mut. Es ist ein Akt der Stärke, denn man begibt sich bewusst in die Hand des anderen - und geht somit das Risiko ein, zurückgewiesen zu werden.

Ob ich mir selbst verzeihen kann? Das ist am schwersten. Meine Versäumnisse schaue ich mir nur ungern an. Am ehesten sind es Dinge, die ich mich nicht getraut habe zu tun. Ich glaube, was man nicht getan hat, bereut man am ehesten. Etwa wenn ich mich nach einem langen Dreh erst spät oder gar nicht bei jemandem melde, der eigentlich darauf war tet.

Eigentlich müsste ich das nur kurz tun, dann wäre es gut. Aber ich bin ein Mensch, der sich sehr einlässt. So treiben mich die Dinge, die ich erlebt habe, noch lange Zeit um. Dann bin ich bisweilen übervoll. Ich denke zu viel nach, und manches bleibt zu lange liegen.

Verzeihen ist ein Ausdruck der Liebe. Wer verzeiht, wird weich und offen. Missverständnisse lösen sich auf, wenn man sich eingesteht: Man hatte einfach keine Ahnung, was in dem anderen vor sich ging. Doch es ist die Chance zu verstehen, woher der andere kommt, warum er dachte, so handeln zu müssen. Und man erkennt, dass man es vielleicht selbst nicht besser weiß. Verzeihen kann heilsam sein."

Protokoll: Janis Voss

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