Influencer selbst gemacht Wie ein Oldenburger Familienbetrieb die Miss-Germany-Wahlen retten will

Nummerngirls: Miss-Germany-Kandidatinnen 2017

Nummerngirls: Miss-Germany-Kandidatinnen 2017

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Die Wahl zur "Miss Germany" ist eine deutsche Institution - allerdings eine mit ziemlich angestaubtem Charme. Um gegen Wettbewerbe wie "Germany's next Topmodel" oder "Deutschland sucht den Superstar" zu bestehen und auch für Werbeträger interessanter zu werden, will sich der in den 20er Jahren gegründete Wettbewerb neu erfinden. Und hat sich dabei radikal entstaubt - mit Hilfe eines Familienbetriebs aus Oldenburg.

Statt Fleischbeschau mit Krönchen und Schärpe will die Oldenburger Miss Germany Corporation (MGC) künftig "authentische Frauen" premieren. Und der Werbewirtschaft künftig ganzjährig bespielbare Vermarktungspakete anbieten, bei denen für die Unternehmen auch noch hausgemachte Werbeträger herausspringen.

Verantwortlich für die geplante Rettung der deutschen Institution zeichnet Max Klemmer. Der 24-jährige Enkel des Unternehmensgründers Horst Klemmer hat in dem von seinem Großvater in den 60er Jahren gegründeten Oldenburger Familienbetrieb Veranstaltungskaufmann gelernt. 2017 - als klar wurde, dass das Geschäft in seiner traditionellen Form keine Zukunft hatte - schmiss er im ersten Semester das gerade begonnene Wirtschaftsstudium, stieg ins Familienbusiness ein und schrumpfte das Miss-Germany-Team erst einmal um mehr als 50 Prozent auf nun 15 Köpfe.

Gleichzeitig entwickelte er mit Hilfe externer Experten ein Konzept, dass die Misswahlen in die Zukunft retten soll.

Bikini-Auftritte wie hier 2015 soll es künftig nicht mehr geben

Bikini-Auftritte wie hier 2015 soll es künftig nicht mehr geben

Foto: Winfried Rothermel/ dpa

Statt ausschließlich unverheiratete, kinderlose jungen Frauen zu Miss Germanys zu krönen, will der Wettbewerb nun "authentische Frauen" als Influencerinnen also Werbeträgerinnen für Werbepartner rekrutieren. Dazu hat er sich mit Bauer einen neuen Medienpartner ins Boot geholt.

Die Altersgrenze wurde von 18 bis 39 Jahren hochgesetzt. Und statt guter Kurven müssen sie heute "vor allem eine gute Story haben", betont Klemmer - und unbedingt Social-Media-Potenzial.

Allerdings hat die Authentizität bislang noch beträchtlich Grenzen: Frauen, die nicht ins gängige Schönheitsideal passen, findet man unter den Finalistinnen noch immer nicht. Das Durchschnittsalter liegt bei 24 Jahren.

"Unsere Werbepartner wollten kein reines Schaulaufen mehr"

Doch die Neuerfindung kommt nicht ganz freiwillig. Angesichts massenhafter Konkurrenzveranstaltungen und veränderter gesellschaftlicher Orientierungen hatten die Misswahlen, die die Familie bereits seit den 60er Jahren veranstaltet, sowohl beim Publikum als auch bei Werbepartnern an Attraktivität verloren. Der Umsatz, so Klemmer, stagnierte.

Zu den Endausscheidungen im Europapark Rust kamen statt der werberelevanten Zielgruppe hauptsächlich mittelaltes Klientel, das sich zwischen Sektempfang und Gala-Dinner von den Defilées der jungen Mädchen unterhalten ließ.

Und auch bei den Werbekunden kam das gesetzte Publikum und die Fleischbeschau mit Bikiniwalk immer weniger an. "Unsere Werbepartner wollten kein reines Schaulaufen mehr", erzählt Klemmer im Gespräch mit manager magazin.

Dass es der Wettbewerb - von "Miss Deutschland" über "Miss Model Deutschland" bis hin zu "Miss Model Germany" - bis heute mit zahlreichen ähnlich klingenden Konkurrenzveranstaltungen und Organisationen zu tun hat, war ebenfalls nicht eben hilfreich. Auch wenn sich der Familienbetrieb die Markenrechte an "Miss Germany" Ende der 90er gesichert hatte.

"Germanys next Topmodell" lässt grüßen: Miss Germany Finalistinnen 2019

"Germanys next Topmodell" lässt grüßen: Miss Germany Finalistinnen 2019

Foto: Uli Deck/ dpa

Statt wie früher auf hunderten lokalen Mini-Misswahlen in Dorfdiscos und Shoppingzentren läuft die Rekrutierung der potenziellen Missen nun digital. Die Mädchen bewerben sich online, teils mit Videos und ihren Instagram-Accounts. Und pro Bundesland kommen nur noch zehn in die engere Auswahl.

Wie bei TV-Formaten wie "Germanys Next Top Model", versucht nun auch die Miss Germany Corporation über Online-Votings schon im Vorfeld öffentliches Interesse für die Wahlen zu kreieren. Und auch die Werbekunden kommen früh in den Kontakt mit den Mädchen und können sie schon im Vorfeld auf ihr Influencerpotenzial abchecken.

Bauer bringt die Kunden ran

Den größten Auftrieb dürfte sich die Miss Germany aber von einer Kooperation mit dem Bauer Verlag erhoffen, dem Herausgeber von Frauenmagazinen wie "Closer" "Intouch" oder "Joy". Der Verlag, Medienpartner von "Miss Germany", darf die Wahlen das Jahr über medial begleiten - und für die Leser von den "Live-Experiences" genannten Vorauswahlen oder den "Miss-Germany-Camps", eine Art Missen-Trainingscamp an einem Ferienort berichten.

Und er soll Werbepartner ranschaffen, die dann über verschiedene Medien, Formate und Veranstaltungen hinweg Anzeigen und andere Werbepräsenzen buchen können.

Max Klemmer: Der Enkelsohn des MSG-Gründers will den Oldenburger Familienbetrieb zukunftssicher machen

Max Klemmer: Der Enkelsohn des MSG-Gründers will den Oldenburger Familienbetrieb zukunftssicher machen

Foto: Stephan Glathe

"Als Journalisten sind wir immer auf der Suche nach Menschen und ihren Geschichten", kommentierte Angela Meier-Jakobsen, Chefredakteurin von vier Bauer-Titeln, die Partnerschaft, die dem Verlag frühen Zugriff auf Storys und Akteure bietet. "Wir sitzen hier quasi an der Quelle", zitierte sie das Werbefachblatt "Horizont".

Auch wenn Klemmer immer wieder betont, eine "komplett andere Ausrichtung" als "Germany's next Topmodel" zu haben - und für die Mädels in diesem Jahr sogar ein Besuch im Europaparlament auf dem Plan steht. Sein Traum sei es, langfristig zu dem großen Wettbewerber aufzurücken "und nicht mehr nur als Marktbegleiter, sondern als Konkurrent" wahrgenommen zu werden, gesteht Klemmer.

Nach dem 15. Februar, wenn im Europapark Rust die erste Miss Germany nach den neuen Regeln gewählt wird, wird er einschätzen können, wie weit er davon noch weg ist - und ob er das Familiengeschäft tatsächlich in die Zukunft retten kann.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.