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Ludwig Oechslin: Die Zeit ist gekommen

Foto: Ochs und Junior

Uhrmachergenie Ludwig Oechslin Radikal einfache Luxusuhren

Er kann die kompliziertesten Uhren konstruieren, die es gibt. Will er aber nicht. Er baut lieber radikal einfach. Sein Traum: ein Ewiger Kalender, den sich jeder leisten kann.

Der Mann macht einem fast ein bisschen Angst. Er hat Archäologie, Griechisch, Latein, Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie, Astronomie und theoretische Physik studiert. Er hat promoviert und habilitiert, und nebenbei eine Ausbildung zum Uhrmacher absolviert. Allein sein Titel: Lic. Phil. Hist. Dr. Phil. Nat. PD Uhrmachermeister. Er hat eine Uhr gebaut (die Türler-Uhr in Zürich), zweieinhalb Meter hoch, die die Bewegungen von Mond, Sonne, Erde und Planeten abbildet, mit einer Glaskugel an der Spitze, die das Weltall von außen zeigt und sich in 25 794 Jahren einmal um die eigene Achse dreht. Das Einzige, was ihr gefährlich werden kann, ist der Staub in der Luft, kein mechanischer Fehler, da ist Oechslin sicher.

Er kann sich fünf Ebenen eines epizyklischen Getriebes vorstellen und berechnen, wie viele Umdrehungen jedes Rad in welcher Zeit macht und in welchem Verhältnis dieser Wert zur Umlaufgeschwindigkeit eines anderen stehen muss. Er hat "tonnenweise" (O-Ton) Patente erfunden, mal eben so, bei fast allem, was er anfasst. "Universalgenie", "irre, was der macht", "einer der genialsten Uhrmacher der Welt" - Genie, das Wort fällt immer wieder. Man liest, wie er kompliziert über die Zeit philosophiert. Und dass er schnell unwirsch werden kann und andere auflaufen lässt, wenn ihm etwas zu dumm ist.

Ludwig Oechslin steht da in seinem Laden in Luzern, natogrünes Expeditionshemd mit quietschorangem Tigerkopfaufnäher (ein Überbleibsel aus einem Camp in Nepal, in dem er vor vielen Jahren mal war), Anglerweste, Trekkingsandalen mit Klettverschluss. Groß, massig, mit kurz geschorenen Haaren, aufmerksamen Augen, die Brille mit zarter Goldfassung - und er sagt erst mal gar nichts. Das Reden überlässt er Beat Weinmann, seinem Kompagnon, einem alerten jungen Mann, der eifrig die Firmenphilosophie erklärt, Teilchen und Modelle zeigt und einem auch gleich wieder ins Ohr flüstert, wie "genial" sein Geschäftspartner sei.

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Foto: Nomos Glashütte

Weinmann hat irgendwann einen Blick auf einen Prototyp geworfen, den Oechslin in seiner Werkstatt im Keller zusammengebaut hatte, und gleich erkannt: So etwas gibt es noch nicht, das lässt sich vermarkten. Vor zehn Jahren gründeten die beiden zusammen die Firma Ochs und Junior. Weinmann, man ahnt es, ist zuständig fürs Geschäft. Oechslin für das Erfinden. Verkaufen und Kunden sind nicht seine Sache, das weiß er selbst.

Alles hier ist wie er: sachorientiert, ohne Chichi. Kein Schaufenster mit Uhren auf Samtkissen, kein Security-Mann, der die Tür öffnet, kein dicker Veloursteppich, kein Name in goldenen Lettern, keine Eins-a-Lage. Man geht ein ganzes Stück den Berg hoch, steht dann vor einem Betonkasten. Im Erdgeschoss ein einziger großer Raum mit Linoleumfußboden, vor den bodentiefen Scheiben rauscht der Verkehr vorbei. Rechts ein langer Tisch, hinten links zwei erhöhte Arbeitsplätze für die Uhrmacher. An dem einen arbeitet Oechslin, an dem anderen setzt eine hübsche Dunkelhaarige alle, wirklich alle Ochs und Juniors zusammen. Ein Schreibtisch, ein Sofa, das war's. Einziger Luxus: eine große, verchromte Profi-Espressomaschine. "Nur unvernünftige Sachen sind unterhaltsam", wird er irgendwann sagen, nachdem man eine Weile mit ihm unterwegs war.

Der Laden ist Geschäft, Werkstatt und Firmenzentrale, alles in einem. Die Uhren gibt es nur hier oder über das Internet zu kaufen. Um sie online möglichst realitätsgetreu zeigen zu können, steht abgetrennt hinter einer Wand eine Ecke mit einer Fotostation für hochauflösende Bilder. Die - preisgekrönte - Website wird gemacht von Cail Pearce, Stanford-Absolvent und Ex-Google-Mitarbeiter, der Oechslin und Weinmann während seiner Flitterwochen in der Schweiz kennengelernt hat und so von den beiden und ihrem Projekt angetan war, dass er beschloss zu bleiben. Natürlich weiß er, was zu tun ist, damit die Marke bei allen Suchmaschinen immer weit oben in den Ergebnislisten landet.

Maximal 200 Uhren werden im Jahr hergestellt, mehr ist nicht zu schaffen, aber die Firma ist auch so profitabel. Die Stücke kosten zwischen 6000 und 24.000 Schweizer Franken. Materialien, Farben, Sonderwünsche - alles ist möglich. Neulich wollte ein Kunde aus den USA das Zifferblatt aus einer extrem harten Stahlplatte des Flugzeugträgers "USS Dwight D. Eisenhower". Oechslin verdreht da nur die Augen. Die Kunden: Architekten, Künstler, Politiker, Unternehmer, Leute aus der IT-Branche, Mediziner, alles Menschen mit einem "hohen Maß an geistiger Unabhängigkeit", wie Weinmann sagt.

Radikal einfach - so wie die Firma sind auch Uhren. Vereinfachung, bei dem Wort wird Oechslin munter, der sich ohnehin schon die ganze Zeit Notizen gemacht hat und jetzt in aller Ruhe sein Prinzip erklärt: Je mehr Teile, desto mehr Fehlerquellen. Er häufe nicht für einzelne Funktionen ein Teil auf das andere, sondern versuche, ein Element zu entwickeln, das vieles auf einmal löst. Weniger Teile heiße nicht weglassen, sondern neu erfinden. "Die Gedankenvorarbeit ist enorm."

"Alles kann neu gedacht werden"

Das alles funktioniert, weil Oechslin irgendwann angefangen hat, mit Rädern statt mit Hebeln zu arbeiten. Die Uhren laufen dadurch stabiler, benötigen wenig Wartung, und jeder Uhrmacher könne sie reparieren ohne großes Spezialwissen. Er hält nichts von diesem ganzen "Teile-Bluff", der sei nur dazu da, hohe Preise zu rechtfertigen. Tourbillon? "Sehr hübsch, aber macht die Uhr nicht genauer." Minutenrepetition? "Völliger Unsinn", bei der winzigen Größe einer Armbanduhr kriege man eh keinen vernünftigen Klang hin.

Oechslins "Mondphase" hat zusätzlich zum ETA-Standardwerk gerade einmal fünf Teile mehr und hinkt erst nach 3478,27 Jahren einen Tag hinterher. Die Modelle der Wettbewerber brauchen mindestens 40 Teile mehr - und manche weichen bereits nach zwei Jahren um einen Tag ab. Oechslins "Ewiger Kalender", den es erst seit Ende Juli gibt, hat nur zwölf Teile mehr als das Basiswerk, der von Patek Philippe 183. Der Zusammenbau dauert 23 Minuten, nicht mehrere Wochen. Zudem lässt sich der Kalender ganz einfach vorwärts und rückwärts einstellen. Praktisch.

Einziger Nachteil: Die Uhr braucht eine ganze Stunde, von Mitternacht bis um eins, um das Datum umzustellen, vom 28. Februar auf den 1. März dauert es sogar vier Stunden. Für klassische Uhrmacher mit ihrem Immer-die-exakte-Zeit- Postulat sei das inakzeptabel, aber "das ist mir wurscht" (einer seiner häufigsten Sätze), das sei "reine Uhrmacherästhetik". Zuverlässig und flach - das sind Ziele, die er "vernünftig" findet. "Alles kann neu gedacht werden."

Löcher im Zifferblatt für die Datumsanzeige (Lesbarkeit ist eins seiner Lieblingsthemen) und das Gehäuse noch so, wie er es für die Prototypen angefertigt hatte, einfach eine "Büchse" für das Werk - er wundert sich, "dass die Leute das haben wollen". Aber der Weinmann habe damals gesagt: Egal, welchen Ausschnitt man von der Uhr nehme, es sei immer unverwechselbar eine Ochs und Junior. Und da habe er recht. Also warum nicht eine Firma gründen? Ludwig Oechslin macht sein Ding, der Rest ergibt sich. So geht das immer bei ihm.

Allein schon, wie er zur Uhrmacherei kam: der Bildungsbürgersohn aus Luzern, der als Student eine Uhr haben wollte und sich keine leisten konnte und schließlich ein altes Werk fand, das er instand setzte und sich selbst ein Gehäuse drumherum baute. Gewerkelt hatte er schon immer gern. Das Studium lief damals gerade nicht so gut, da dachte er, es sei besser, sich einen Beruf zu suchen, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdienen konnte.

Er fing die Uhrmacherlehre 1976 an, zu einer Zeit, als die Quarzuhr in war und die mechanische Industrie praktisch tot, als die wenigen Uhrmacher, die es noch gab, schon viel verlernt hatten und gerade noch reparieren konnten.

Das Studium schloss Oechslin dann doch ab, sogar in Rekordzeit, machte die Lehre aber nebenbei weiter. Bald passte beides zusammen. Er bekam - da war er gerade im zweiten Lehrjahr - den Auftrag, einen astronomischen Apparat aus dem frühen 18. Jahrhundert in der Bibliothek des Vatikans zu restaurieren. Vier Jahre lang zerlegte er ihn in seine mehr als 1000 Einzelteile. Alle dachten, das kriegt der Junge nie wieder zusammengesetzt. Am Ende funktionierte das Stück wieder. Und Oechslin schrieb seine Doktorarbeit: "Die Uhr als Modell des Kosmos."

So ging das weiter. Handwerk und Wissenschaft - und das eine zahlt aufs andere ein. 60 zu 40 war immer seine Regel. 60 Prozent seiner Zeit Geld verdienen, 40 Prozent für eigene Sachen: unterwegs sein, alte Uhren, Museums- und Sammlerstücke begutachten, in Bibliotheken gehen, Kollegen treffen. Das Wort Genie hört er nicht gern: "Die Leute unterschätzen, dass ich einfach sehr, sehr viel gearbeitet habe."

Er wirkt nie, als ob ihn etwas anstrengt

2001 bewarb er sich auf die Stelle des Direktors des Musée international d'Horlogerie (MIH), des wohl wichtigsten Uhrenmuseums der Welt in La Chaux-de-Fonds. Und da lebt er seitdem. Zwei Stunden von Luzern entfernt, auf 1000 Meter Höhe. Die Krise der 80er hat die 40.000-Einwohner-Stadt schwer getroffen, es gibt kaum noch eine eigenständige Manufaktur, die hier ihren Hauptsitz hat und Steuern zahlt. Alles vergammelt immer mehr, sagt Oechslin, als er abends mit Zigarre in der Hand zum Biershop geht, aber er mag diese Stadt. Kein Reichenviertel, keine Ausländerghettos: "Hier leben einfach Leute und machen ihre Arbeit. Punkt."

Er wohnt in einem großen alten Haus mit holz- und kupfervertäfelten Wänden, Eichenparkett und offenem Kamin, in der Ecke ein Flügel. Seine Frau ist Professorin in Lausanne. Er kümmert sich um die Tochter, wenn sie aus der Schule kommt, wärmt Gulasch mit Bohnen und Kartoffeln auf, das er am Abend vorher gekocht hat. Natürlich hat er auch die Fahrräder der Familie selbst zusammengebaut. Und bevor jetzt einer fragt: Ja, er hat auch eine elektrische Eisenbahn, und was für eine. Vor zwei Jahren hat er im Museum aufgehört, seine beiden älteren Kinder sind schon weg zum Studium. Wenn die Jüngste mit der Schule fertig ist, will er mehr in Italien sein. Er hat da ein Haus.

Eine Steintreppe runter, vorbei an alten Bananenkartons, ist seine Werkstatt. Ein schmaler Kellerraum mit Drehbank und CNC-Fräse, an der er die Teile für seine Prototypen herstellt. Nebenan sein Uhrmachertisch, voll mit Werken, Plastikschälchen, Pinzetten, Zetteln, einem Computer. Alles ziemlich durcheinander, doch er weiß genau, wo was liegt, man darf hier nichts bewegen. Zwei schrankgroße Lautsprecherboxen, an denen seine Revox-Anlage hängt. Wenn Oechslin arbeitet, hört er gern Lucio Dalla. Aber jetzt braucht er erst mal einen Kaffee. Reden wir lieber in der Küche.

Kanne Espresso auf den Tisch, zwei Gläser, und weil man danach gefragt hat, holt er eine dicke dunkelblau eingeschlagene Mappe und rollt sie aus; seine gesammelten Uhren, die er für Ulysse Nardin, heute Teil des Luxuskonglomerats Kering, produziert hat. Den Job hatte ihm sein Lehrmeister Jörg Spöring vermittelt. Rolf Schnyder, Zürcher mit Wohnsitz in Kuala Lumpur und inzwischen verstorben, hatte 1982 die heruntergewirtschaftete Manufaktur aus dem Uhrmacherort Le Locle gekauft und brauchte Ideen. Fast 20 Jahre hat Oechslin für Schnyder gearbeitet, den mochte er, noch immer hat Ulysse ungenutzte Patente von ihm.

Was da jetzt auf dem Küchentisch liegt, sind Uhren, wie man sie so kennt, wie sie alle aussehen. Findet er auch. Das Design stammt nicht von ihm, sondern von den Vermarktern. Aber innen drin: sein "Astrolabium" fürs Handgelenk, sein erster Ewiger Kalender, und die "Freak", die, wie er sagt, "erste außergewöhnliche Uhr überhaupt", mit komplett eigenem Werk. Hätten sich alle gut verkauft. Und ein bisschen freut ihn das schon, obwohl er auch jetzt wieder sagt, ihm sei das "wurscht", Hauptsache, er habe die Aufgaben gelöst. Er wirkt nie, als ob ihn etwas anstrengt.

Mittendrin entdeckt man auch eine Ochs und Junior mit Sonne und Mond, die man noch nicht kannte. Ach, ja, die sei noch nicht auf dem Markt, "nö", komme sie auch erst mal nicht. Wenn das Interesse am Ewigen Kalender nachlasse, dann vielleicht. Er hält nichts von dieser "Geilheit", immer neu sein zu wollen. Und die da an seinem Arm? Ach, die. Er grinst. Ein Ewiger Kalender, aber einer, der zusätzlich die Sonntage anzeigt. Auch nicht auf dem Markt. So ist das mit ihm: Wenn man nicht zufällig nachfragt, erfährt man es nicht. Seine Mitarbeiter macht das nach wie vor verrückt.

Nur ein einziges Mal spricht er von sich aus ein Thema an: dass er es nach wie vor nicht fertiggebracht hat, jemanden dazu zu bewegen, einen Ewigen Kalender auf den Markt zu bringen, den sich jeder leisten kann. Es sei ein "so wichtiger Informationsindikator", der müsse eigentlich allen zur Verfügung stehen. Wenn bloß eine Firma wie Swatch seine Ideen aufgreifen würde. "Ich bin etwas traurig, dass ich einfach und gut baue, das aber nicht zur Massenproduktion führt." Und schon geht er wieder auf Distanz, das seien alles Illusionen.

Ludwig Oechslin ist jetzt 64. Solange ihm "noch was in den Sinn kommt" und er Lust hat, macht er weiter. Wenn das irgendwann aufhört, liest er eben mehr.

Abends muss er nach Bern. Er soll einen Vortrag halten auf der Kundenveranstaltung eines Uhrengeschäfts. Worüber? Das sehen wir dann, brummelt er unterwegs im Zug. Die Gäste: alle wohlhabend, nett angezogene Damen mit hübschem Schmuck, die Männer natürlich mit teurer Uhr, der örtliche Rolls-Royce-Händler und seine Jungs- Clique, das Kaliber.

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Foto: Erwin Sattler

Dazwischen Oechslin, wieder in Anglerweste, Sandalen, mit der Schlägerkappe im Libellenmuster auf dem Kopf, die seine Tochter gerade während eines Praktikums bei einer Hutmacherin genäht hat, an den Händen die dicken Silberringe, die er immer trägt, wenn er nicht arbeitet. "Grüezi miteinand." Er erzählt, wie er auf die Idee kam, Uhrmacher zu werden. Was er von dem ganzen Komplikationshype hält, wo es doch so viel eleganter geht. Und wie er sich mal eben so die "Freak" ausdachte, nur um seinem Freund Schnyder aus der Patsche zu helfen, der die Uhr bereits angekündigt hatte und dessen Entwickler die Konstruktion dann doch nicht hinbekamen (wieder eine dieser Geschichten, die man so nebenbei erfährt). Alles in launigem Plauderton. Den coolen Hund zelebrieren kann er wirklich gut.

Geschäft und Online-Store: Zürichstr. 49, CH-6004 Luzern, Tel.: +41 41 2660212, www.ochsundjunior.swiss 

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