Sonntag, 21. April 2019

Uhrmachergenie Ludwig Oechslin Radikal einfache Luxusuhren

Ludwig Oechslin: Die Zeit ist gekommen
Ochs und Junior

3. Teil: Er wirkt nie, als ob ihn etwas anstrengt

2001 bewarb er sich auf die Stelle des Direktors des Musée international d'Horlogerie (MIH), des wohl wichtigsten Uhrenmuseums der Welt in La Chaux-de-Fonds. Und da lebt er seitdem. Zwei Stunden von Luzern entfernt, auf 1000 Meter Höhe. Die Krise der 80er hat die 40.000-Einwohner-Stadt schwer getroffen, es gibt kaum noch eine eigenständige Manufaktur, die hier ihren Hauptsitz hat und Steuern zahlt. Alles vergammelt immer mehr, sagt Oechslin, als er abends mit Zigarre in der Hand zum Biershop geht, aber er mag diese Stadt. Kein Reichenviertel, keine Ausländerghettos: "Hier leben einfach Leute und machen ihre Arbeit. Punkt."

Er wohnt in einem großen alten Haus mit holz- und kupfervertäfelten Wänden, Eichenparkett und offenem Kamin, in der Ecke ein Flügel. Seine Frau ist Professorin in Lausanne. Er kümmert sich um die Tochter, wenn sie aus der Schule kommt, wärmt Gulasch mit Bohnen und Kartoffeln auf, das er am Abend vorher gekocht hat. Natürlich hat er auch die Fahrräder der Familie selbst zusammengebaut. Und bevor jetzt einer fragt: Ja, er hat auch eine elektrische Eisenbahn, und was für eine. Vor zwei Jahren hat er im Museum aufgehört, seine beiden älteren Kinder sind schon weg zum Studium. Wenn die Jüngste mit der Schule fertig ist, will er mehr in Italien sein. Er hat da ein Haus.

Eine Steintreppe runter, vorbei an alten Bananenkartons, ist seine Werkstatt. Ein schmaler Kellerraum mit Drehbank und CNC-Fräse, an der er die Teile für seine Prototypen herstellt. Nebenan sein Uhrmachertisch, voll mit Werken, Plastikschälchen, Pinzetten, Zetteln, einem Computer. Alles ziemlich durcheinander, doch er weiß genau, wo was liegt, man darf hier nichts bewegen. Zwei schrankgroße Lautsprecherboxen, an denen seine Revox-Anlage hängt. Wenn Oechslin arbeitet, hört er gern Lucio Dalla. Aber jetzt braucht er erst mal einen Kaffee. Reden wir lieber in der Küche.

Kanne Espresso auf den Tisch, zwei Gläser, und weil man danach gefragt hat, holt er eine dicke dunkelblau eingeschlagene Mappe und rollt sie aus; seine gesammelten Uhren, die er für Ulysse Nardin, heute Teil des Luxuskonglomerats Kering, produziert hat. Den Job hatte ihm sein Lehrmeister Jörg Spöring vermittelt. Rolf Schnyder, Zürcher mit Wohnsitz in Kuala Lumpur und inzwischen verstorben, hatte 1982 die heruntergewirtschaftete Manufaktur aus dem Uhrmacherort Le Locle gekauft und brauchte Ideen. Fast 20 Jahre hat Oechslin für Schnyder gearbeitet, den mochte er, noch immer hat Ulysse ungenutzte Patente von ihm.

Was da jetzt auf dem Küchentisch liegt, sind Uhren, wie man sie so kennt, wie sie alle aussehen. Findet er auch. Das Design stammt nicht von ihm, sondern von den Vermarktern. Aber innen drin: sein "Astrolabium" fürs Handgelenk, sein erster Ewiger Kalender, und die "Freak", die, wie er sagt, "erste außergewöhnliche Uhr überhaupt", mit komplett eigenem Werk. Hätten sich alle gut verkauft. Und ein bisschen freut ihn das schon, obwohl er auch jetzt wieder sagt, ihm sei das "wurscht", Hauptsache, er habe die Aufgaben gelöst. Er wirkt nie, als ob ihn etwas anstrengt.

Mittendrin entdeckt man auch eine Ochs und Junior mit Sonne und Mond, die man noch nicht kannte. Ach, ja, die sei noch nicht auf dem Markt, "nö", komme sie auch erst mal nicht. Wenn das Interesse am Ewigen Kalender nachlasse, dann vielleicht. Er hält nichts von dieser "Geilheit", immer neu sein zu wollen. Und die da an seinem Arm? Ach, die. Er grinst. Ein Ewiger Kalender, aber einer, der zusätzlich die Sonntage anzeigt. Auch nicht auf dem Markt. So ist das mit ihm: Wenn man nicht zufällig nachfragt, erfährt man es nicht. Seine Mitarbeiter macht das nach wie vor verrückt.

Nur ein einziges Mal spricht er von sich aus ein Thema an: dass er es nach wie vor nicht fertiggebracht hat, jemanden dazu zu bewegen, einen Ewigen Kalender auf den Markt zu bringen, den sich jeder leisten kann. Es sei ein "so wichtiger Informationsindikator", der müsse eigentlich allen zur Verfügung stehen. Wenn bloß eine Firma wie Swatch seine Ideen aufgreifen würde. "Ich bin etwas traurig, dass ich einfach und gut baue, das aber nicht zur Massenproduktion führt." Und schon geht er wieder auf Distanz, das seien alles Illusionen.

Ludwig Oechslin ist jetzt 64. Solange ihm "noch was in den Sinn kommt" und er Lust hat, macht er weiter. Wenn das irgendwann aufhört, liest er eben mehr.

Abends muss er nach Bern. Er soll einen Vortrag halten auf der Kundenveranstaltung eines Uhrengeschäfts. Worüber? Das sehen wir dann, brummelt er unterwegs im Zug. Die Gäste: alle wohlhabend, nett angezogene Damen mit hübschem Schmuck, die Männer natürlich mit teurer Uhr, der örtliche Rolls-Royce-Händler und seine Jungs- Clique, das Kaliber.

Dazwischen Oechslin, wieder in Anglerweste, Sandalen, mit der Schlägerkappe im Libellenmuster auf dem Kopf, die seine Tochter gerade während eines Praktikums bei einer Hutmacherin genäht hat, an den Händen die dicken Silberringe, die er immer trägt, wenn er nicht arbeitet. "Grüezi miteinand." Er erzählt, wie er auf die Idee kam, Uhrmacher zu werden. Was er von dem ganzen Komplikationshype hält, wo es doch so viel eleganter geht. Und wie er sich mal eben so die "Freak" ausdachte, nur um seinem Freund Schnyder aus der Patsche zu helfen, der die Uhr bereits angekündigt hatte und dessen Entwickler die Konstruktion dann doch nicht hinbekamen (wieder eine dieser Geschichten, die man so nebenbei erfährt). Alles in launigem Plauderton. Den coolen Hund zelebrieren kann er wirklich gut.

Geschäft und Online-Store: Zürichstr. 49, CH-6004 Luzern, Tel.: +41 41 2660212, www.ochsundjunior.swiss

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