Sonntag, 21. April 2019

Uhrmachergenie Ludwig Oechslin Radikal einfache Luxusuhren

Ludwig Oechslin: Die Zeit ist gekommen
Ochs und Junior

2. Teil: "Alles kann neu gedacht werden"

Das alles funktioniert, weil Oechslin irgendwann angefangen hat, mit Rädern statt mit Hebeln zu arbeiten. Die Uhren laufen dadurch stabiler, benötigen wenig Wartung, und jeder Uhrmacher könne sie reparieren ohne großes Spezialwissen. Er hält nichts von diesem ganzen "Teile-Bluff", der sei nur dazu da, hohe Preise zu rechtfertigen. Tourbillon? "Sehr hübsch, aber macht die Uhr nicht genauer." Minutenrepetition? "Völliger Unsinn", bei der winzigen Größe einer Armbanduhr kriege man eh keinen vernünftigen Klang hin.

Oechslins "Mondphase" hat zusätzlich zum ETA-Standardwerk gerade einmal fünf Teile mehr und hinkt erst nach 3478,27 Jahren einen Tag hinterher. Die Modelle der Wettbewerber brauchen mindestens 40 Teile mehr - und manche weichen bereits nach zwei Jahren um einen Tag ab. Oechslins "Ewiger Kalender", den es erst seit Ende Juli gibt, hat nur zwölf Teile mehr als das Basiswerk, der von Patek Philippe 183. Der Zusammenbau dauert 23 Minuten, nicht mehrere Wochen. Zudem lässt sich der Kalender ganz einfach vorwärts und rückwärts einstellen. Praktisch.

Einziger Nachteil: Die Uhr braucht eine ganze Stunde, von Mitternacht bis um eins, um das Datum umzustellen, vom 28. Februar auf den 1. März dauert es sogar vier Stunden. Für klassische Uhrmacher mit ihrem Immer-die-exakte-Zeit- Postulat sei das inakzeptabel, aber "das ist mir wurscht" (einer seiner häufigsten Sätze), das sei "reine Uhrmacherästhetik". Zuverlässig und flach - das sind Ziele, die er "vernünftig" findet. "Alles kann neu gedacht werden."

Löcher im Zifferblatt für die Datumsanzeige (Lesbarkeit ist eins seiner Lieblingsthemen) und das Gehäuse noch so, wie er es für die Prototypen angefertigt hatte, einfach eine "Büchse" für das Werk - er wundert sich, "dass die Leute das haben wollen". Aber der Weinmann habe damals gesagt: Egal, welchen Ausschnitt man von der Uhr nehme, es sei immer unverwechselbar eine Ochs und Junior. Und da habe er recht. Also warum nicht eine Firma gründen? Ludwig Oechslin macht sein Ding, der Rest ergibt sich. So geht das immer bei ihm.

Allein schon, wie er zur Uhrmacherei kam: der Bildungsbürgersohn aus Luzern, der als Student eine Uhr haben wollte und sich keine leisten konnte und schließlich ein altes Werk fand, das er instand setzte und sich selbst ein Gehäuse drumherum baute. Gewerkelt hatte er schon immer gern. Das Studium lief damals gerade nicht so gut, da dachte er, es sei besser, sich einen Beruf zu suchen, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdienen konnte.

Er fing die Uhrmacherlehre 1976 an, zu einer Zeit, als die Quarzuhr in war und die mechanische Industrie praktisch tot, als die wenigen Uhrmacher, die es noch gab, schon viel verlernt hatten und gerade noch reparieren konnten.

Das Studium schloss Oechslin dann doch ab, sogar in Rekordzeit, machte die Lehre aber nebenbei weiter. Bald passte beides zusammen. Er bekam - da war er gerade im zweiten Lehrjahr - den Auftrag, einen astronomischen Apparat aus dem frühen 18. Jahrhundert in der Bibliothek des Vatikans zu restaurieren. Vier Jahre lang zerlegte er ihn in seine mehr als 1000 Einzelteile. Alle dachten, das kriegt der Junge nie wieder zusammengesetzt. Am Ende funktionierte das Stück wieder. Und Oechslin schrieb seine Doktorarbeit: "Die Uhr als Modell des Kosmos."

So ging das weiter. Handwerk und Wissenschaft - und das eine zahlt aufs andere ein. 60 zu 40 war immer seine Regel. 60 Prozent seiner Zeit Geld verdienen, 40 Prozent für eigene Sachen: unterwegs sein, alte Uhren, Museums- und Sammlerstücke begutachten, in Bibliotheken gehen, Kollegen treffen. Das Wort Genie hört er nicht gern: "Die Leute unterschätzen, dass ich einfach sehr, sehr viel gearbeitet habe."

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