Montag, 6. April 2020

Work-Life-Balance Was ist Muße, Frau Holofernes?

"Man muss sich leeren, um sein inneres Gefäß mit Kreativität füllen zu können". Judith Holofernes - bei einem Konzert mit der Band "Wir sind Helden" im September 2011 in Berlin

Eine gelungene Work-Life-Balance zu finden ist schwierig. Sängerin Judith Holofernes hat es geschafft. "Man verliert Energie, wenn man Dinge tut, die sich nicht richtig anfühlen", sagt sie. Wie Muße, Kreativität und Leistung zusammenhängen, erläuterte sie der Philosophie-Zeitschrift "Hohe Luft".

"Mit Freude nichts tun, das bedeutet für mich Muße. Ich bin zwar noch Auszubildende im Müßiggang, aber er tut mir gut. Er ist nur gar nicht so einfach: Ich habe einen preußischen Arbeitsethos verinnerlicht, der mich am Laufen hält. Die Geschäftigkeit erfüllt mich mit einem ständigen Summen. Also muss ich mich überwinden, nicht zu arbeiten.

Doch es lohnt sich. Für mich ist konsequenter Müßiggang gelebte Kapitalismuskritik und nahe an der Anarchie. Deswegen haben Müßiggänger die Gesellschaft schon immer beunruhigt.

Gefunden in
Sie wurden über viele Jahrhunderte verfolgt. Zu Beginn der Industrialisierung wurden sie in Arbeitslager gesteckt. Und unter den Nazis kamen Menschen ins KZ Theresienstadt, die sich der gängigen Arbeitsmoral entzogen. Man wollte verhindern, dass sie Zeit zum Nachdenken haben. Sie könnten ja auf gefährliche Gedanken kommen.

Welche Gedanken mir in Mußestunden kommen? Zum Beispiel, dass wir uns über Arbeit definieren. Dass unser ganzes Gesellschaftssystem darauf basiert. So gibt, wer den Müßiggang pflegt, auch ein Stück seiner gesellschaftlichen Rolle auf.

"Als hätte mir das Universum einen Witz erzählt"

Das merke ich auch an mir selbst: Meine Band "Wir sind Helden" pausiert seit zwei Jahren. Heute schauen mich die Menschen anders an. Ich wusste, dass dies passieren würde, denn ich wollte genau das: die Identifikationen aufbrechen. Ich wollte das nicht mehr sein. Also habe ich mir ganz bewusst nichts vorgenommen. Ich wusste nicht, was ich tun werde, ließ mich treiben.

Doch nach einiger Zeit gab es diesen Moment, der sich anfühlt, als ob man raus aufs offene Meer schwimmt. Das Wasser wird immer tiefer - und plötzlich wird es von unten furchtbar kalt.

Beunruhigend. Die Kunst ist, dieses Gefühl auszuhalten und nicht zurück an Land zu paddeln. Denn erst danach passieren die spannenden Sachen. Ich habe gespürt, wie sich langsam, Stück für Stück, die Identifikationen lockern. Niemand hat mir mehr zugeguckt, keiner hat etwas erwartet. So konnte ich schauen, was übrig bleibt, wenn ich nichts mehr muss. Ich habe mir die Frage gestellt: Was will ich wirklich machen? Ich hätte gewettet, dass ich die nächsten fünf Jahre ein Buch schreibe. Doch das Schreiben war nur eine Fluchtfantasie.

Zu meiner Überraschung blieb die Musik übrig. Also habe ich nach einiger Zeit wieder angefangen Ideen zu sammeln, neue Songs aufzunehmen. Es geht darum, dass man mit dem, was man tut, im Reinen ist. Man verliert Energie, wenn man Dinge tut, die sich nicht richtig anfühlen.

Wie ich zur Ruhe finde? Über meinen Körper. Ich horche in mich hinein, um meinen Kopf in Schranken zu verweisen. Früher habe ich in den absurdesten Umständen meditiert. Wenn wir auf Tour waren, Backstage bei Festivals, kurz vor dem Soundcheck. Jeden Tag. Doch nach der Geburt meines zweiten Kindes bin ich eingeknickt. Da war die Müdigkeit zu groß. Momentan kämpfe ich um den Wiedereinstieg. Doch mein Muskel ist erschlafft, mein Geist verwahrlost. Das ist so, als müsste man ein wirklich chaotisches Zimmer aufräumen.

Ich habe gespürt: Ohne Muße gibt es keine Kunst. Man muss sich leeren, um sein inneres Gefäß mit Kreativität füllen zu können. Denn wenn ich geschäftig bin, sich die Gedanken in meinem Kopf drehen, ist darin kein Platz.

Kunst entsteht erst durch Zuhören: Wenn ich eine Idee habe, die mir besonders gut gefällt, kann ich mich nicht daran erinnern, sie mir ausgedacht zu haben. Es ist, als hätte mir das Universum einen Witz erzählt - und das passiert nur, wenn man ab und zu die Schnauze hält."

Protokoll: Janis Voss

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