Donnerstag, 24. Oktober 2019

Otto-Chef Hans-Otto Schrader "Man kann die Welt einteilen in Erfolgssucher und Misserfolgsvermeider"

Schrader hält Visionäre mit der Fähigkeit, Ideen auch auf den Weg zu bringen, für Schätze in Unternehmen.

Taschenrechner oder Buntstift? Otto-Chef Hans-Otto Schrader findet: Ein Unternehmen braucht Menschen, die mit beidem umgehen können - und sich nicht von ihrer Angst lenken lassen. Ein Gespräch über die Kraft von Visionen.

Frage: Herr Schrader, wie ist Ihr Verhältnis zu Visionen?

Schrader: Für die Otto Group und mich selbst habe ich Visionen immer als Vorstellung verstanden, als Bild eines Zustandes in einem vor mir liegenden Zeitraum. Auf was wollen wir uns als Unternehmen zubewegen - im Sinne eines Zielbildes mit den Aspekten der Leistungsfähigkeit, der Kultur, des Umgangs der Menschen miteinander, aber auch des Erfolgs in den Märkten, in denen wir aktiv sind? Die Vision gibt hier eine Orientierung, sie bündelt unsere Kräfte.

Frage: Beinhaltet dieses Verständnis auch schon den Visionär und das Visionäre im Sinne eines Sprengens üblicher Vorstellungen?

Schrader: Das würde ich unterscheiden. Eine Vision kann jeder bilden, der das Engagement hat, der die Wichtigkeit sieht und auch die kognitiven Fähigkeiten dazu besitzt. Ein Visionär ist ein eher seltener Mensch, der die Fähigkeit hat, sich Dinge vorstellen zu können, die andere nicht oder noch nicht erkennen. Diese Menschen verfügen über ein besonderes Maß an Fantasie und Vorstellungskraft. Das sind etwa Erfinder oder auch Menschen, denen man Genialität nachsagt.

Frage: Ist nicht gerade das Visionäre in einer Gesellschaft mit einer enorm schnellen Wandlung des Marktes erfolgsentscheidend?

Schrader: In der Tat wird die Fähigkeit, visionär zu denken, heute immer wichtiger, weil es eine enorme Leistungsverdichtung gibt. Vor allem aber, weil es die sehr verbreitete Denkhaltung des "Benchmarking" gibt: Man beobachtet sein Umfeld, seine Wettbewerber im Streben nach Imitation. Hier kann der Visionär enorme Wettbewerbsvorteile generieren. Er versucht jedoch nicht das, was viele tun: nachzuahmen, nur etwas besser, schneller oder preiswerter. Visionär zu sein heißt hier vielmehr: Vor anderen auf ganz neue Ansätze zu kommen, mit denen man sich eine Zeit lang einen Vorsprung verschaffen kann - bis der nächste Visionär kommt.

Frage: Liegt im Visionären also die Heimat der Gestaltungskraft?

Schrader: Wenn man in sehr grober Vereinfachung Fähigkeiten von Menschen unterscheidet in solche, die lieber mit dem Taschenrechner arbeiten und solche die das lieber mit dem Buntstift tun, gehört der Visionär ganz sicher zu den zweiten, indem er die Welt nach seinen Vorstellungen zeichnet und sich ausmalt. Doch arbeiten sehr viel mehr Leute mit dem Taschenrechner.

Frage: Liegt das daran, dass an unseren Schulen und Universitäten zu wenig Fantasie gefördert wird?

Schrader: Nach dem, was ich mitbekomme, ist das so. Wir trainieren unsere Ratio, im Sinne von logischem, plausiblem Denken. Die Ratio ist allerdings eher hinderlich, wenn man visionär denken will. Dann muss man eher andere Fähigkeiten haben.

Frage: Warum nehmen wir diese Art von rationalem Denken dann so wichtig, wo doch das Visionäre zunehmend bedeutsam ist?

Schrader: Es ist, wie es ist, weil viele Menschen Ängste haben, mit ihren Visionen zu scheitern. Solange man sich im Mainstream bewegt und das tut, was die meisten tun, ist man in seiner Reputation nicht gefährdet. Damit hebt man sich nicht hervor, was die meisten auch nicht wünschen. Nach meiner Erfahrung versuchen Menschen in der Regel systematisch auszuschließen, dass sie scheitern.

Frage: Das hört sich an, als wären die Visionen in einer Art Büchse der Pandora. Alle haben sie, aber lassen sie aus Angst nicht heraus.

Schrader: Es gäbe sicher mehr Visionäre, wenn es weniger Furcht geben würde. Ich versuche in meinem Leben immer auf einige grundlegende Werthaltungen zu achten, und eine der fünf für mich wichtigsten ist Mut. Visionäres Denken setzt den Mut voraus, dass nicht jede Vision, die man verfolgt, mit Erfolg verknüpft sein kann. Ich meine: Man kann die Welt einteilen in Erfolgssucher und Misserfolgsvermeider. Dabei kann ich mir nicht vorstellen, dass Misserfolgsvermeider jemals über Visionen verfügen.

Frage: Im Facebook-Headquarter hängen Plakate mit der Frage: "Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?" Wie schaffen Sie es, Ihre eigene Angst zu mindern, um das Visionäre zu stärken?

Schrader: Ich bin schon lange mit der Frage beschäftigt, warum ich selbst sehr wenige Ängste habe. Ob das an meinen Eltern lag, an meinem Umfeld, ich weiß es nicht. Ich bin natürlich besorgt, aber Ängste, die mich behindert haben, Dinge zu tun, hatte ich nie.

Frage: Wie verhält es sich bei der Otto Group? Versuchen Sie dort, das Angstniveau zu beeinflussen?

Schrader: Natürlich. Achtsamkeit ist eine weitere Haltung, die mir wichtig ist. Ich spreche permanent mit vielen Menschen meines Umfeldes, um etwa mitzubekommen, wie viele Ängste im Unternehmen vorhanden sind, bei welchen Mitarbeitern, in welchen Situationen und in welchen Phasen. Dem versuche ich gezielt entgegenzuwirken, indem ich erstens versuche, sehr viel Klarheit darüber herzustellen, was wir erreichen wollen. Wenn Menschen wissen, wohin es geht und weshalb man bestimmte Entscheidungen trifft, selbst wenn es harte sind, hilft das, Ängste einzugrenzen. Das zweite ist, durch eine dauerhafte Kommunikation zu vermitteln, dass man auch Misserfolge hat, wenn man etwas wagt, dass man es aber trotzdem wagen muss und deshalb noch nicht die berufliche Zukunft gefährdet ist. Und drittens versuche ich, bestimmtes vorbildhaftes Verhalten zu zeigen, indem ich Dinge wage, obwohl ich selbst noch nicht so genau weiß, ob das funktionieren wird.

Frage: Wenn es funktioniert, verstärkt sich dann die visionäre Kraft?

Schrader: Unbedingt. Da muss ich manchmal auch umgekehrt darauf achten, dass Menschen im Unternehmen nicht zu waghalsig werden. Sie kennen ja die Aussage: Erfolg füttert Erfolg. Viele Manager mit zwei, drei triumphalen Erfolgen neigen aber dazu, so viel Risiken einzugehen, dass die Wahrscheinlichkeit des Misserfolgs sehr groß wird.

Frage: Man könnte doch eine Arbeitsteilung im Unternehmen einführen - mit ein paar verrückten Visionären auf der einen Seite und einigen Bremsern auf der anderen.

Schrader: Ich würde immer den Weg über die einzelnen Leute gehen, sonst denken alle zu sehr in Vorurteilen: Da ist der Oberkreative, und wir müssen wieder die Arbeit machen, die Businesspläne ausrechnen, das zusammenkehren, was der umgestoßen hat. Hierdurch entfernen sich die Parteien immer weiter voneinander. Das ist für den sozialen Frieden, für die Gemeinschaft im Unternehmen eher hinderlich. Wenn man Menschen hat, die beides vereinen - die Fähigkeit, visionär zu denken, und die Fähigkeit, dies auch noch auf den Weg zu bringen -, dann ist das fabelhaft. Ich suche nach diesen Menschen. Es gibt nur sehr wenige von ihnen. Sie sind unsere Schätze, auf die wir sehr aufpassen.

Frage: Müssen wir Ihrer Meinung nach heute eher neue Wege der Langfristigkeit und Durchhaltefähigkeit oder Methoden der Angstbewältigung und Visionsförderung finden?

Schrader: Ich denke, wir werden immer stärker in eine Haltung des Sowohl-als-auch kommen. Man wird in bestimmten Situationen, Geschäftsmodellen und Märkten sehr unterschiedlich agieren. Hat man es mit einer hohen Wettbewerbsintensität zu tun und ist gezwungen, Entwicklungen in großen Sprüngen voranzutreiben? Oder habe ich etwas in einem Segment, das sich lohnt zu bewahren, das ich hüte wie einen Schatz, an dem ich möglichst wenig verändere? Es wird immer weniger zielführend zu sagen: alles neu, schnell, anders. Ich glaube, es ist wichtig, einen Kern zu bewahren, Werte, für die ein Unternehmen steht, etwa Kundenorientierung. Dazu gilt es, zusätzliche Werte zu schaffen, die einen Händler wie uns attraktiver machen.

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