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Montblanc-Chef Jérôme Lambert über Nostalgie und Innovation "Es gab noch nie ein solches Potential, die Welt zu beeinflussen"

Montblanc-Chef Jérôme Lambert glaubt: Wenn man schnell reagieren kann, ist es kein Problem, keine Planbarkeit zu haben.
Von Dominic Veken

Frage: Herr Lambert, wie passen der Wunsch, nachhaltig zu leben und zu wirtschaften, und der enorme Drang zur Innovation in der heutigen Welt eigentlich zusammen?

Lambert: Allein über diese Frage könnten wir jetzt Stunden sprechen! Tatsächlich nimmt die Schnelligkeit der Veränderung in der Welt, in der wir leben, zum Teil schon unmenschliche Züge an. Und durch den Wunsch nach Nachhaltigkeit drückt sich aus, dass es die Dimension der Menschlichkeit bei diesem Wandel unbedingt zu bewahren gilt. Nachhaltigkeit hat in dieser Interpretation für die Menschen die Funktion, eine Brücke von der Vergangenheit zum modernen Leben zu bauen.

Frage: Im Sinne einer festen Brücke in einer zunehmend verflüssigten Gegenwart?

Lambert: Eher im Sinne einer sehr flexiblen Brücke. Denn wenn man Nachhaltigkeit als etwas zu Starres definiert, ist sie nur Vergangenheit, Nostalgie und "back to the past". Sie kann aber auch eine eigene Dynamik entfalten, wenn sie etwa mit einem passenden Konzept der Anpassung verbunden wird.

Frage: Ist das nicht ein Gegensatz: Nachhaltigkeit und Anpassung?

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Lambert: Selbst auf den Galapagos-Inseln haben sich die Spezies evolutionär entwickelt. Insofern ist es immer die Frage, wie man Entwicklung mit Nachhaltigkeit in Einklang bringt. Nehmen wir zum Beispiel die Sonnenenergie. Ohne die enorme Entwicklung der Erkenntnisse auf diesem Gebiet wäre der Ausbau der regenerativen Energien überhaupt nicht denkbar. Kapazitäten anzupassen, umzubauen, zu gestalten - das ist kein Gegensatz zur Nachhaltigkeit. Im Gegenteil: Kreativität und Technik müssen einen großen Teil dessen darstellen, was unsere Zukunft ausmacht.

Frage: Bedeutet Nachhaltigkeit demnach, immer wieder neu nachzudenken, um wertvolle Dinge bewahren zu können?

Lambert: Ja, so kann man es verstehen. Nachhaltigkeit heißt, immer wieder über die Konsequenzen meines Tuns zu reflektieren. Man muss eben heute schon daran denken, was die Realitäten für unsere Kinder und Kindeskinder sein werden und wie man hier entsprechend Einfluss nehmen kann. Dies miteinzubeziehen, darin sehe ich den menschlichen Faktor. Dabei wird es für jeden einzelnen Menschen immer schwerer zu erkennen, was sein Beitrag in dieser großen Maschine der Zeit ist. Und noch schwerer ist es, diesen Beitrag 50 oder 100 Jahre nach vorn in die Zukunft zu projizieren. Früher waren die Wirkungen der eigenen Handlungen in der Umwelt noch direkt sichtbar. Diese Möglichkeit ist uns heute aufgrund der Komplexität des Geschehens kaum noch gegeben. Die Folge ist vielfach das wachsende Gefühl, die Zukunft nicht mehr in den eigenen Händen zu halten. Gleichzeitig gab es noch nie ein solches Potenzial, die Welt zu beeinflussen.

Frage: Obwohl die Machbarkeit wächst, schwindet die Planbarkeit?

Lambert: Ja, die Chaostheorie lebt. Nur gibt es heute Millionen Schmetterlinge, deren Flügelschläge alles verändern können. Deshalb sehe ich Planbarkeit auch nicht als das relevanteste Konzept zur Lösung der gegenwärtigen Herausforderungen. Es scheint mir deutlich erfolgversprechender, quasi in Interaktion mit der Zeit zu treten. Denn wenn man schnell reagieren kann, ist es kein Problem, keine Planbarkeit zu haben.

Frage: Allerdings verringern steigende Reaktivität und Multi-Optionalität doch sicher auch die Bereitschaft der Menschen, sich auf etwas einzulassen. Wie passt das zu einer Marke wie Montblanc, deren Produkte ein Leben lang genutzt werden sollen?

Lambert: Ich denke, dass es für den einzelnen Menschen gerade entscheidend ist, sich auf bestimmte Dinge und Ideen einzulassen, um die Vielfalt der Möglichkeiten überhaupt beherrschen zu können. So ist das Schreiben mit einem exzellenten Gerät natürlich auch eine Lust, durch die sich das eigene Denken in all seinen Facetten materialisieren kann. Das reduziert ja nicht die Möglichkeiten, sondern gibt ihnen einen Raum. Sie konstituieren durch das Objekt eine Welt, die Kontinuität und Stabilisierung, einen Rahmen und Struktur im Wandel ermöglicht. Das geht sogar so weit, dass das Interesse an Produkten, die länger da sind als man selbst, stetig wächst.Hier spielt die Sehnsucht nach einer Zeitlosigkeit, die man fast als Ewigkeit bezeichnen könnte, eine große Rolle, die für die Menschen in einer sich rasant verändernden Umwelt einen wichtigen Gegenpol darstellt.

Frage: Für unsere Generation mag das Bleibende von Bedeutung sein. Doch wird das auch für künftige Generationen noch gelten?

Lambert: Ich sehe in dem Bleibenden schon einen besonderen Schatz. Sehen Sie, ich muss extrem viel reisen und bin häufig alle zwei Tage in einer anderen Stadt. Ich kann Ihnen sagen: Nach einer bestimmten Zeit ist der Reiz dessen doch ziemlich begrenzt. Entsprechend bin ich sicher, dass kaum jemand das Vergnügen austauschen möchte, in seinen Garten zu gehen und dort zu sehen, wie die Bäume ihre Farbe verändern, gegen die Tätigkeit, in einem Hotel-Gym in Peking auf dem Laufband zu laufen. Unsere Aufgabe bei Montblanc sehen wir entsprechend darin, diesen besonderen Schatz des Bleibenden zu pflegen.

Frage: Da sind Sie ja fast ein Widerstandskämpfer. Per Hand zu schreiben scheint doch eine deutlich nachlassende Tätigkeit zu sein.

Lambert: Wir sehen uns da eher als Schatzbewahrer, die zu diesem Zweck aber auch die Mittel von heute nutzen. Wenn jemand schreibt, und er hat dabei ein gutes Gefühl, sehen Sie auf seinem Gesicht ein Leuchten. Das ist für uns die größte Befriedigung, Menschen dieses Gefühl zu ermöglichen. Ich denke, jedes Unternehmen braucht dazu sein Manifest. Es muss für etwas stehen, das gehört einfach zur Persönlichkeit des Hauses. Bei uns ist das eben das Vergnügen zu schreiben.

Frage: Macht so ein Manifest die Seele des Unternehmens aus?

Lambert: Ich kann mich an einen Brief erinnern, der bei einem Uhrenunternehmen, für das ich früher gearbeitet habe, eintraf. Es war ein Schreiben darüber, wie ein Objekt Menschlichkeit unterstützen kann, von einer Person, die eine schwere Zeit in einem Gefängnislager erlebt hat - in einem schwarzen Raum, in dem es für drei Monate keinen Tag und keine Nacht gab. Normalerweise ist man da sehr schnell "von Sinnen". Der einzige Fehler, den die Verantwortlichen damals machten, war, dem Häftling seine Uhr zu lassen. Die konnte er zwar nicht sehen, aber dafür konnte er das Ticken hören. Für ihn bedeutete dieses Ticken die Konstanz der Zeit und damit sein Überleben. Mit 90 Jahren schickte uns dieser Mann voller Dankbarkeit seine Uhr, weil sie für ihn sein Leben bedeutete. Er sah sie als seinen Lebensretter an, den er nun zurückgeben wollte. Wenn man mit solchen Erfahrungen konfrontiert wird, weiß man, man hat eine Aufgabe, man hat eine echte Verantwortung.

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