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Show-Paar: Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg inszenierten kurz vor dem Erscheinen des Buchs ihre Einigkeit
Show-Paar: Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg inszenierten kurz vor dem Erscheinen des Buchs ihre Einigkeit
Foto: Kevin Dietsch / Getty Images

Buchtipp "Inside Facebook" Die hässliche Wahrheit über Facebook

Dieses Buch führt ins Innere von Facebook wie keins zuvor. Die "New York Times"-Journalistinnen Sheera Frenkel und Cecilia Kang liefern neue Details über das größte soziale Netzwerk der Welt und sein einziges Ziel: Wachstum um jeden Preis.
Von Christian Schütte aus manager magazin 8/2021

Dieses Recherchepaket ist konkurrenzlos. Zwei „New York Times“-Reporterinnen, die Facebook seit vielen Jahren begleiten, haben mit über 400 Insidern und Experten gesprochen. Entstanden ist eine Chronique scandaleuse, erzählt aus dem Innersten des so streng verschlossenen Unternehmens.

Von null auf über 2,8 Milliarden ist die Zahl der Facebook-User explodiert. Doch zwei Grundprobleme durchziehen die Erfolgsstory: Facebook erfasst die Daten und das Leben naiver Nutzer so total, wie es eine Superstasi nie gekonnt hätte. Zugleich ist das Netzwerk ein gigantischer Verstärker für Polemik und Propaganda.

Dem Unternehmen wächst damit beispiellose politische Macht zu. Sein ikonisches Führungsduo zeigt sich dieser Verantwortung oft nicht gewachsen.

Gründer Mark Zuckerberg (37) und Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg (51) – die Gespräche für das Buch ablehnten – sind zwar brillante Köpfe und guten Willens. Er der visionäre Technerd, sie die perfekte Managerin mit dem Gespür für das Soziale. Aggressives Wachstum bleibt aber ihr oberstes Ziel. So entsteht eine wiederkehrende Abfolge von Übergriffigkeit, Entschuldigungen und bloß halbherziger Korrektur.

Ein völlig neues Bild des Imperiums zeichnet das Buch zwar nicht. Aber es entschlüsselt den Konzern durch faszinierende Details aus der engsten Führungsspitze. Für das „New York Times“-Team ist Zuckerberg ein Trump-Helfer. Er selbst beruft sich auf libertäre Argumente. Mündige Bürger dürften in der Tat längst wissen, dass Facebook Daten rigoros ausweidet und auch fragwürdige Inhalte duldet.

Mehr über Zuckerberg und Sandberg

Mark Zuckerberg ist der Inbegriff des Nerds im Hoodie: Technologiebesessen, menschenscheu und gnadenlos kompetitiv. "Buy or Bury – Kaufen oder Plattmachen" ist die interne Devise gegenüber potenziellen Angreifern. Aus dem Alltagsgeschäft zog sich der mächtige Gründer-CEO, der noch immer mehr als die Hälfte der stimmberechtigen Aktien kontrolliert, schon mit Mitte 20 zurück – "damit ich mich mehr auf die coolen Ideen konzentrieren kann". Als COO für das Operative gewann er 2008 Sheryl Sandberg, damals noch keine 40 und einer der Stars bei Google.

Sandberg gilt als herausragende Managerin mit politischem Netzwerk und ausgeprägter sozialer Antenne – "Mozart der menschlichen Beziehungen" nannte sie ein Ex-Kollege. Mit ihrem Buch "Lean In: Women, Work, and the Will to Lead" (2013) hat sie einen neuen Business-Feminismus geprägt. Ihre Karriere begann sie einst im Stab von Larry Summers, dem Harvard-Ökonomen, der unter Präsident Bill Clinton US-Finanzminister wurde. In Washington ergaben sich dann auch die ersten Kontakte zu Google.

Sandberg hat Facebook auf profitables hohes Wachstum getrimmt, indem sie Googles Erfolgsrezept konsequent auf ihr neues Unternehmen übertrug: Umfassende Nutzerdaten werden dazu verwendet, möglichst gezielte Werbung zu verkaufen.

CEO und COO tauschen sich jede Woche zweimal aus, immer montags und freitags. Laut "New York Times" hat ihr Verhältnis zuletzt aber gelitten. Zuckerbergs Denken ist stark beeinflusst von Peter Thiel, dem libertären Investor, der 2004 als Erster bei Facebook einstieg. Thiel positionierte sich in den vergangenen Jahren als der Verbindungsmann der Tech-Welt zu Donald Trump. Sandberg galt stets als Hoffnungsträgerin der Demokraten. Unmittelbar vor dem Erscheinen des Enthüllungsbuchs zeigte sich das Facebook-Spitzenduo immerhin demonstrativ einig in der Öffentlichkeit.

Facebook und die Politik

Die politischen Probleme des Unternehmens haben sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Erste Kartellklagen mit dem Ziel der Zerschlagung des Konzerns wurden in den USA zwar jüngst abgewiesen. Die Marktkapitalisierung übersprang kurz darauf die Marke von 1000 Milliarden US-Dollar. Heftig umstritten bleibt aber Facebooks Umgang mit dubiosen Inhalten, der im Buch von Frenkel/Kang breiten Raum einnimmt. Im US-Wahlkampf 2016 erkannten Facebooks interne Kontrollsysteme schon früh russische Aktivitäten auf der Plattform, das Unternehmen griff aber nicht entschieden ein. Zuckerberg weigerte sich später auch, das manipulierte Video einer Rede der Trump-Gegenspielerin Nancy Pelosi zu sperren. Beschwerden der Politikerin wies er ab.

Nach der Präsidentschaftswahl 2020 und den Unruhen am Washingtoner Kapitol hat Facebook allerdings den Account Donald Trumps gesperrt. Kürzlich wurde diese Sperre bis Anfang 2023 verlängert. Facebooks Newsfeed wurde außerdem so verändert, dass mehr "inspirierende Inhalte" an die Stelle politischer Reizthemen treten sollen.

Hierzulande ist die Rechtslage seit Ende 2017 grundlegend anders als in den USA. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) – oft auch "Facebook-Gesetz" genannt – verpflichtet kommerzielle Betreiber großer sozialer Netzwerke, Inhalte zu prüfen, Beschwerden nachzugehen und gegebenenfalls Sperrungen zu verhängen. Liberale Kritiker sehen darin eine Gefahr für die Meinungsfreiheit und eine Form von privatisierter Zensur.

Facebook hat die Lobbyausgaben in Washington stark gesteigert und gibt dafür inzwischen mehr aus als jedes andere Big-Tech-Unternehmen. Wichtige PR-Posten wurden neu besetzt. "Außenminister" des Konzerns ist seit 2018 Nick Clegg (54), ehemals britischer Vize-Premierminister und Parteichef der Liberal Democrats.

Auch in Deutschland hat Facebook seine Präsenz gestärkt: Neue Cheflobbyistin in Berlin ist seit dem Frühjahr Julia Reuss, die zuvor im Kanzleramt das Büro der Staatsministerin für die Digitalisierung, Dorothee Bär (CSU), geleitet hat. Privat ist Reuss mit Andreas Scheuer (CSU) liiert, dem Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur.

"Das Hässliche"

Das Frenkel/Kang-Buch heißt im Original "An Ugly Truth" (dt. Untertitel: "Die hässliche Wahrheit"). Der Titel spielt an auf ein berühmt-berüchtigtes internes Memo , das einer der engsten Vertrauten Zuckerbergs 2016 verfasste. Unter der Überschrift "The Ugly" argumentierte Andrew ("Boz") Bosworth, Facebook müsse für seine große Mission – die Vernetzung aller Menschen – auch zum Teil extrem schädliche Nebeneffekte hinnehmen: "Alles was es uns erlaubt, mehr Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, ist de facto gut." Nach Ansicht der Kritiker belegt das Memo, dass die Facebook-Führung die Gefahren ihres Produkts schon lange erkennt – dem Wachstum aber skrupellos Vorrang gegeben hat. Bosworth selbst distanzierte sich später von dem Text: Er habe "The Ugly" nur als zugespitzten Denkanstoß geschrieben.

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