Freitag, 19. Juli 2019

Ökonom Günter Faltin denkt Wirtschaft anders "Gründen muss zum Volkssport werden"

Der Ökonom Günter Faltin (74) fordert mehr Beteiligung an Wirtschaft: Die Gesellschaft brauche Entrepreneure, die nicht nur den Gewinn im Blick haben, sagt er. Mit seinen Studenten hatte Faltin Mitte der 80er Jahre in Berlin die Teekampagne gegründet, die sich zum größten Darjeeling-Importeur in Deutschland entwickelt hat - und ihre Kalkulation inklusive Einkaufspreisen offenlegt.

manager-magazin.de: Herr Faltin, Sie schreiben, Großunternehmen seien Verhinderer. Was verhindern sie denn?

Günter Faltin: Seit Aristoteles war der Mangel das Thema der Ökonomen. Der ist aber beseitigt - wir leben auf einem Konsumniveau wie Kaiser und Könige vor 400 Jahren. Und dieses Konsumniveau ist Vorbild für den Rest der Welt. Unser Zeitalter hat eine neue Aufgabe: die Versöhnung mit der Natur. Wir müssen unseren Ressourcenverbrauch deutlich reduzieren - verantwortungsvolle Ökologen sagen sogar, um 80 Prozent. Das geht nur, wenn wir radikal umdenken. In diesem Sinne sind Unternehmen, die einfach weitermachen wie bisher, Verhinderer.

Trotzdem schlagen die Alarmglocken an, wenn es heißt, das Wirtschaftswachstum gehe zurück.

Weil wir ein Kartenhaus gebaut haben, das auf Wachstum basiert. Einkommen, Steuereinnahmen, Renten - alles hängt davon ab. Die Ökonomie muss sich neu definieren. Wir brauchen jetzt Suffizienzinnovation statt Effizienzinnovation: Angebote, die ohne übermäßigen Ressourcenverbrauch auskommen und trotzdem das Leben besser machen.

Wie soll man den Menschen den Verzicht schmackhaft machen?

Ich will Lebensfülle, nicht Verzicht. Kein schlechteres, sondern ein besseres Leben, und eine Ökonomie, die uns dabei hilft. Ein Mehr an Gütern macht uns nicht glücklicher, noch mehr Materielles anzuhäufen macht keinen Sinn. Aber Konzerne fragen immer noch: Was können wir in den Markt schieben? Und wo kein Mangel mehr herrscht, wird er mit Marketing künstlich erzeugt.

So funktionieren Unternehmen eben.

Deshalb brauchen wir ja Alternativen, neue Sichtachsen, andere Lösungen. Wir sollten die Wirtschaft nicht allein denen überlassen, die Dollarzeichen in den Augen haben. Gewinne sind gut, aber wenn wir mehr Akteure in der Ökonomie haben, kommen daneben auch noch andere Werte in den Blick. Vielen Gründern geht es mehr um Selbstverwirklichung als um Gewinnmaximierung, die wollen stolz auf ihr Ideenkind sein. Ich freue mich sehr, dass die Zahl solcher kleinen Unternehmen zunimmt.

Glauben Sie, dass kleine Unternehmen per se besser sind als große?

Umgekehrt: Große Unternehmen sind schlechter als kleine. Große Unternehmen sind sturmreif, nicht, weil sie schlechte Prozesse haben, sondern weil deren Lösungen nicht mehr zeitgemäß sind. VW baut gute Autos, aber Autos sind keine zeitgemäße Lösung mehr. Entrepreneure dagegen fragen: Wie können wir verträglicher arbeiten? Und um erfolgreich zu sein, brauchen sie nicht unbedingt Größe, sondern die besseren Ideen. Gute Politik gibt es nicht ohne Opposition. Das ist in der Wirtschaft genauso. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaftsopposition, andere Akteure mit anderen Erfahrungshintergründen und anderen Werthaltungen.

Oft wird doch aber aus alternativen Konzepten doch wieder eine profitgetriebene Idee: Aus Couchsurfing wird Airbnb, aus Mitfahrzentralen Uber. Und VW ist mit dem neuen Mobilitätsdienstleister Moia unterwegs.

Es ist beileibe kein Naturgesetz, dass aus einem idealistischen Konzept wie Couchsurfing ein Geschäftsmodell wie Airbnb werden muss oder aus einer freundlichen Mitfahrzentrale ein unsensibler Konzernauftritt. Plattformen wie Stattauto und Couchsurfing gibt es ja immer noch, die stehen nur nicht so im Rampenlicht. Daran haben Sie als Journalisten auch Ihren Anteil.

"Die Früchte des technischen Fortschritts werden uns vorenthalten", schreiben Sie. Welches "wir" ist da gemeint?

"Wir" sind alle, die etwas kaufen. Man könnte die meisten Produkte sehr viel preiswerter anbieten, weil die Herstellung dank des technischen Fortschritts immer weniger Kosten verursacht. Warum haben wir also nicht deutlich niedrigere Preise? Den Preis treibt das, was ich den Marketingrucksack nenne: Die Kosten dafür, den Leuten das Produkt schmackhaft zu machen und den höchsten Preis zu erzielen, den der Markt hergibt. Jeder Geldschein ist ein Stimmzettel. Aber: Zum Abstimmen brauche ich Alternativen. Deshalb brauchen wir Menschen, die Wirtschaft anders angehen.

Sie spielen auf Konzepte wie die Teekampagne an, die Sie 1985 gemeinsam mit Studenten gründeten…

Wir sind mit unserem Konzept - höchste Qualität, faire Bezahlung für die Produzenten, Offenlegung der Chemierückstände, Wiederaufforstung, trotzdem niedrige Preise für den Verbraucher - erfolgreich geworden. Die Teekampagne ist heute der größte Tee-Versandhändler in Deutschland, und wir waren gegen große Unternehmen wie Unilever und Twinings angetreten. Wir waren ein Drittel so teuer wie der damalige Marktführer, weil wir auf den Marketingrucksack verzichtet haben. Der Glaube, dass man, wenn man sozialer handelt, im gnadenlosen Wettbewerb verliert, stimmt einfach nicht.

Kann der Wandel, den Sie sich wünschen, nicht auch innerhalb großer Unternehmen passieren?

Durchaus. Oft kommen Leute mit neuen Ideen in großen Unternehmen aber nicht durch. Und wir brauchen auch die Menschen, die es bisher ablehnen, in der Wirtschaft zu arbeiten. Neue Tendenzen werden oft von Menschen begründet, die erst einmal als krasse Außenseiter, ja als Spinner gelten.

Sie arbeiten seit Jahrzehnten daran, die Wirtschaft zu verändern. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Lebenswerk?

Die Teekampagne ist ein Erfolgsbeispiel. Das Interesse an diesem Modell ist stetig gewachsen. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass der Mainstream umschlägt. Das hat er nicht getan. Aber mein Buch "Kopf schlägt Kapital" ist mit 150.000 verkauften Exemplaren das meistverkaufte Gründerbuch. Auch die Idee , dass man als Gründer nicht unbedingt Alleskönner sein muss, sondern sich Komponenten einkauft, statt selbst firm in allen Themen sein zu wollen, hat sich durchgesetzt. Stichwort: Arbeitsteilung - auch beim Gründen. Das senkt die Schwelle, selbst zu gründen, erheblich.

Buchtipp

Günter Faltin
David gegen Goliath:
Wir können Ökonomie besser

Haufe; 264 Seiten; März 2019, 16,95 Euro

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Warum brauchen wir mehr Gründer?

Die Vermögensungleichheit wird dazu führen, dass der Kitt unserer Gesellschaft auseinanderbricht. Das fliegt uns um die Ohren. Zu wenige Menschen sind an Unternehmen beteiligt. Das ändert sich nur, wenn Gründen zum Volkssport wird. Etwa dadurch, dass man die Beziehung zu den Produzenten nicht den Marken überlässt, sondern selbst einen Pakt mit den Herstellern eingeht - etwa als Sammelbesteller, consumer to factory. Klug einkaufen. Gründen muss nicht heißen, dass man gleich ein ganzes Unternehmen stemmt. Es kann auch eine Ecke in der Schule sein, im Café. Die Ökonomie muss bunter werden und viel mehr Teilhabe bieten. Entrepreneurship gehört sehr viel breiter angelegt. Tut euch zusammen und geht zum Hersteller! Geht an den Marken vorbei! Ein Beispiel: Kaffee wird nicht besser, wenn man ihn in kleine Kapseln presst, für deren Herstellung man riesige Mengen Wasser verbraucht. Da ist nicht der Kunde König, sondern der Wunsch, Kaffee so teuer wie möglich zu verkaufen. Besser wäre es, der ökologischen Vernunft eine Bresche zu schlagen.

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