Dienstag, 19. November 2019

Bernanke, Geithner und Paulson Die Retter der Finanzwelt schlagen Alarm

Die Autoren Henry Paulson, Ben Bernanke und Tim Geithner (von links, Archivaufnahme 2008)

Eigentlich war doch schon alles gesagt. Sogar von allen. Jeder der drei Autoren von "Firefighting", Ex-Fed-Chef Ben Bernanke und die beiden Ex-US-Finanzminister Tim Geithner und Henry Paulson, hat bereits einzeln Bücher über seinen Kampf gegen die weltweite Krise vorgelegt, die ab 2007 zunächst die Finanzmärkte und später die Weltwirtschaft erschütterte. Nun also noch einmal ein gemeinsames Werk über Subprime-Hypotheken und komplizierte Finanzprodukte, Lehman Brothers und Bear Stearns, Rettungsschirme und Schuldenschnitte. Warum?

Einerseits wollen sich "BGP", wie Nobelpreisträger Paul Krugman das Trio in seiner Besprechung des Buchs in der "New York Times" nennt, erklären; andererseits wollen sie einige Schlüsselerfahrungen weitergeben, "in der Hoffnung, dass sie die Erinnerung frisch halten und den Feuerwehrleuten der Zukunft helfen, Wirtschaften vor den Verheerungen von Finanzkrisen zu beschützen", wie sie schreiben. Kritisch betrachten sie dabei etwa die weltweit niedrigen Leitzinsen und die freigiebige Haltung der Regierung Trump.

Die Autoren halten sich relativ kurz: Keine 130 Seiten brauchen sie für einen technisch nichts desto weniger detaillierten Ritt durch die Krisenmonate zwischen Herbst 2007 und Frühjahr 2009.

Buchtipp

B. Bernanke, T. Geithner, H. Paulson:
Firefighting: The Financial Crisis and Its Lessons

Penguin Books, 240 Seiten, 11,39 Euro

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Wirtschaftswissenschaftler mögen hier wenig Neues finden; für alle anderen ist "Firefighting" allerdings ein fachlich verständlicher, gut strukturierter Einstieg in die Krise. Alle wichtigen Faktoren finden Erwähnung: die Blase am US-Immobilienmarkt, gehebelte, hochkomplizierte Finanzprodukte auf Basis von Hypotheken, fehlende Kompetenzen der Aufsichtsbehörden, allzu positiv gestimmte Ratingagenturen, dazu ein politisches System, das staatlichem Ausbügeln privatwirtschaftlichen Fehlverhaltens hochgradig skeptisch gegenübersteht.

Das Ende ist bekannt: BGP haben es mithilfe einer liberalen Auslegung ihrer eigenen Befugnisse geschafft, die Welt nicht untergehen zu lassen. So sehen es natürlich die Autoren selbst, so sehen es die meisten Experten. Nun wähnen BGP allerdings ihr Erbe in Gefahr. Zwar seien die Brandschutzmaßnahmen des Weltfinanzsystems auch dank ihrer Bemühungen aktuell besser als 2007; die Feuerwehr habe aber weniger Mittel zur Verfügung, Krisen zu bekämpfen, wenn sie denn erst losgebrochen seien.

Nobelpreisträger Krugman nennt das entsprechende Kapitel "geradezu erschreckend". Fed und Finanzministerium könnten heute etwa ihre Befugnisse weniger flexibel auslegen als noch 2007, um einzelne Banken zu retten. Zudem seien die Leitzinsen aktuell bereits so niedrig, dass eine weitere Absenkung in Krisenzeiten nur wenig stimulierend wirken könne. Auch sei der amerikanische Staat wesentlich verschuldeter als noch 2007 - die Autoren kritisieren diese "Dessert-vor-dem-Abendessen"-Haltung der amerikanischen Regierung denn auch stark.

In dieser Kritik sieht Krugman allerdings ein - wohl beabsichtigtes - Versäumnis von Bernanke, Geithner und Paulson. "Die Autoren sind zu nett, um es zu sagen, aber die heutigen Top-Ökonomen scheinen systematisch aus den Rängen derer rekrutiert worden zu sein, die in der Krise alles falsch gemacht haben": David Malpass, den Donald Trump jüngst an die Spitze der Weltbank gesetzt hat, war Chefökonom bei Bear Stearns. Larry Kudlow, heute oberster Wirtschaftsberater in Washington, hatte warnende Stimmen zum US-Immobilienmarkt einst als "Schwachköpfe" verspottet.

Fazit: Mit "Firefighting" liefern Bernanke, Geithner und Paulson ein lesbares, fachlich verständliches und thematisch erschöpfendes Übersichtswerk zu einer der turbulentesten Epochen der jüngeren Finanzgeschichte. Das Buch liest sich allerdings nicht von selbst; wer das Thema leichtgängiger angehen will, ist bei Michael Lewis' "Big Short" besser aufgehoben.

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