Fotostrecke

Elbsegelei: Holger Brauns ist der einzige Segel-Skipper in Hamburg

Jobwechsel: Aus dem Tonstudio auf die Elbe Unter Segeln durch die Großstadt

Holger Brauns hat nach zwei Hörstürzen beherzt den Beruf gewechselt. Jetzt sitzt er nicht mehr im Tonstudio, sondern segelt über die Elbe.

Holger Brauns, 42, ist der einzige Skipper, der auf der Elbe ab Hamburg geführte Sightseeing-Törns anbietet, Hafenrundfahrten inklusive. Wer an Bord geht, darf segeln helfen, muss aber nicht. Die erste Saison liegt hinter ihm, in die neue Saison ab Mitte April startet er mit einer neuen, größeren Yacht: Die "Zandaam" ist ein gut 13 Meter langer Bavaria 42-3 Cruiser.

manager-magazin.de: Sie sind der einzige Skipper, der in Hamburg Sightseeing-Törns auf einer Segelyacht anbietet. Warum hat das vor Ihnen noch keiner gemacht?

Holger Brauns: Die Hürden sind hoch. Man muss das Boot so ausrüsten, dass die Berufsgenossenschaft Verkehr es zulässt. Das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie muss die nautische Anlage abnehmen. Man muss sich mit dem Hafenamt einig werden, man muss alle möglichen Berechtigungen und Scheine beibringen. Der Papierkrieg im Vorfeld hat sechs Monate gedauert. Und teuer war es auch. Wenn man keine klare Vision hat, sondern das nur ausprobieren will, steht das in keinem Verhältnis. ich glaube, auf der Elbe gibt es einen Klüngel wie auf dem Kiez: Da gönnt keiner dem anderen das Schwarze unterm Fingernagel. Man muss feinfühlig agieren, und trotzdem: Als ich anfing, wurde ich erst einmal wiederholt bei der Wasserschutzpolizei angezeigt, dabei hatte ich alle nötigen Berechtigungen.

mm.de: Wie sind Sie auf die Elbsegelei gekommen?

Brauns: Ich bin Tontechniker und Musikproduzent. Seit meiner Kindheit hatte ich immer zwei Themen: Musik und Segeln. Beides habe ich sehr früh auf hohem Niveau gemacht, Segeln als Leistungssport bis hin zur Europameisterschaft, dazu Geige, Klavier und Chor. Meine Eltern haben beides gefördert, das ist immer parallel gelaufen. Mit 20 hat mir der Kaderchef des Segelverbands gesagt: Du musst dich für eine Sache entscheiden, sonst läuft das nicht. Damals habe ich mich für die Musik entschieden und sie zu meinem Beruf gemacht. Gesegelt bin ich nur noch in der Freizeit.

mm.de: Was haben Sie beruflich gemacht?

Brauns: Ich kam nach Hamburg und gründete meine erste Produktionsfirma. Als Künstler habe ich Platten produziert, ich hatte mehrere Label, ich war als Liveact und DJ unterwegs. Aber auf Dauer richtig auskömmlich davon leben können nur ganz wenige - das ist ein hartes Geschäft. In den vergangenen Jahren habe ich als Sounddesigner rechnerbasierte Musikinstrumente mitentwickelt. Ich habe vier, fünf Jahre lang im Studio gesessen und selektiv Töne gehört. Da steht dann ein Geiger und spielt Halbton für Halbton in allen Dynamiken, Techniken und Variationen, und dann muss man jeweils den besten Ton finden, schneiden und perfektionieren. Wenn man sich über Jahre diese Töne ins Ohr pfeift, dann ist irgendwann der Dispo an Lärm aufgebraucht. Ich hatte mich weit von meinem Traum entfernt, Musik zu machen, habe nur noch unter Zeitdruck Töne bearbeitet. Dann kam vor zweieinhalb Jahren unser Sohn auf die Welt, ich wollte auch noch der perfekte Vater sein. Ich hatte dann zwei Hörstürze und noch einen Tinnitus, die haben mir signalisiert: Du musst da raus.

"Ich habe gezielt nach einer Nische gesucht"

mm.de: Und dann?

Brauns: Habe ich gezielt nach einer Nische gesucht. Ich bin mit Leib und Seele Unternehmer. Mit Anfang 20 habe ich mich als Firmengründer natürlich mehr selbst belogen als ich es jetzt mit 42 tue, aber ich habe immer großes Interesse gehabt, etwas aufzubauen. Und das Schiff hatten wir ja schon. Ich habe jetzt die erste Saison hinter mir, 120 Tage, 400 Gäste an Bord. Ich mache seit 17 Monaten jeden Tag nichts anderes, als mich um die neue Firma zu kümmern, auch im Winter, wenn ich nicht auf dem Wasser bin. Die Zahlen in meinem Businessplan stimmen. Das zweite Jahr hat gut begonnen. Jetzt will ich sechsstellig werden.

mm.de: Klingt anstrengend. Hatten Sie nicht ursprünglich mal mit dem Elbsegeln angefangen, weil ihr anderer Job zu stressig war?

Brauns: Ich muss da schon aufpassen. Ich habe dieses Signal im Ohr. Ich bin schon ein Typ, der sich oft unter Druck setzt. Ich hoffe aber, dass es jetzt positiver Stress ist. Wenn ich zu viele Baustellen habe, meldet sich der Tinnitus und zeigt mir, dass ich mich mehr zurücknehmen muss. Das ist mein großes Problem: 24/7, immer ist die Rübe an, das ist einfach so als Selbständiger. Es ist unheimlich schwer, loszulassen. Ich versuche zu lernen, besser abzuschalten. Sport hilft.

mm.de: Gab es einen Plan B?

Brauns: Nein. Der einzige Beruf, den ich nach meinem nichtbestandenen Abitur gelernt habe, ist Physiotherapeut, aber das war keine Option mehr.

mm.de: Sie wirken zielstrebig und ehrgeizig. Dass Sie die Schule abgebrochen haben, überrascht mich.

Brauns: Ich hatte die 12. Klasse wiederholt, um in der 13. auch nochmal zu scheitern. Das war der Musik geschuldet. Für mich war das Schulsystem nie das Richtige. Und jetzt bin ich quasi zurückgegangen zu der Kreuzung von vor 20 Jahren, als ich mich zwischen Segeln und Musik entscheiden musste, und bin diesmal den anderen Weg gegangen. Mir geht es nicht ums große Geld. Ich will zufrieden und glücklich sein, und es macht mich sehr zufrieden, zu sehen, wie die Leute glücklich von Bord gehen.

"Segeln in Metropolen ist ein heißes Thema"

mm.de: Wer sind Ihre Kunden?

Brauns: Am ehesten Best Ager. Ich hatte auch schon 70- und 80-jährige an Bord. 30-jährige sind seltener, 40 plus die Regel. Zwei Drittel der Buchungen laufen über Frauen, viele verschenken den Törn an ihre Männer und kommen dann selbst mit. Eine meiner anfänglichen Sorgen war, ob die zahlenden Gäste achtsam mit meinem Boot umgehen. Es war ja unser perfekt gepflegtes Familienschiff, das ich mir für dieses Projekt genommen habe. Es hat erstaunlicherweise funktioniert. Die Leute waren respektvoll dem Schiff gegenüber, respektvoll mir gegenüber, meist sehr an meiner Geschichte interessiert und über die Maßen hilfsbereit. Und es waren alles Leute, die ich gerne an Bord hatte.

mm.de: Wie geht es weiter?

Brauns: Segeln in Metropolen ist ein heißes Thema, und ich schließe nicht aus, das noch auszuweiten auf andere Standorte, aber wie gesagt: Ich muss aufpassen, dass ich nicht zuviel mache. Mit dem größeren Schiff will ich mich jetzt auch mehr auf Firmenkunden konzentrieren. Segeln ist ideal für Teambuilding und Coaching. Man kann die Uhr danach stellen: Spätestens nach 20 Minuten fallen bei allen, die an Bord kommen, alle Themen ab, die sonst einengen, und man öffnet sich schnell. Auch für abhörsichere Meetings oder Führungskräftetreffen ist eine Segelyacht ideal.

mm.de: Ihre Törns finden ja immer auf denselben Strecken satt. Wird Ihnen das nicht langweilig?

Brauns: Fragen Sie mich das in zehn Jahren nochmal. Aber jeder Yachteigner weiß: Die Elbe wird nie langweilig. Man sieht immer wieder etwas Neues, ob es Seehunde sind, die im Mühlenberger Loch herumlungern, oder Schweinswale, die manchmal bis Finkenwerder kommen und den Stint wegfressen. Und als Skipper bin ich gefordert: Die Elbe ist wegen der vielen Schiffe, die da unterwegs sind, eines der komplexesten Segelreviere. Man muss sich 100 Prozent konzentrieren, aber es ist eine angenehme Konzentration.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.