Sonntag, 21. April 2019

Die philosophische Frage Was ist privat, Clueso?

Clueso: Der 34-jährige Sänger, Produzent und Autor heißt eigentlich Thomas Hübner. Statt Friseur zu werden, widmete er sich der Musik und ist heute einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Sänger. Sein jüngstes Album heißt "Stadtrandlichter".

Was ist privat? Sänger Clueso über den Spagat zwischen Zeigelust und den Schutz des eigenen Ichs - im Protokoll der Philosophie-Zeitschrift "Hohe Luft".

Ich stehe in der Öffentlichkeit. Deswegen ist das Private etwas, über das ich immer wieder nachdenken muss. Es ist die Grenze, die mich vor Blicken schützt.

Für mich besteht meine Privatsphäre aus verschiedenen Kreisen: Da sind Menschen, von denen ich mich erkannt fühle, die mir nahestehen, etwa meine Familie. Bei ihnen kann ich sein, wie ich bin, Sachen machen, die sonst niemanden etwas angehen.

Gefunden in
Hohe Luft
Heft 1/2015

Wir müssen reden!*
*Wie wir mit Sprache die Welt verändern

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Mit dem nächsten Kreis teile ich einiges von mir, aber nicht alles. Das sind vielleicht Kollegen, mit denen ich schon lange zusammenarbeite. Es ist eine Verlockung, diesen Kreis zu erweitern, denn es fühlt sich gut an, mit Menschen Privates zu teilen. So sind die Grenzen beweglich.

Doch außerhalb meiner Privatsphäre mache ich mir immer bewusst, was ich von mir zeige. Ich habe sozusagen eine Außenbordkamera an - und der Aufnahmeknopf ist gedrückt. Vor drei Jahren habe ich mich bewusst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Es ging mir nicht so gut, manchmal war mir alles zu viel. Mir fehlte die Zeit für meine Leidenschaften. Ich fühlte mich so fremdbestimmt wie während meiner Lehre zum Friseur, die ich abgebrochen habe.

Also habe ich mich sortiert - und erkannt, dass ich Musik machen will, open end, und mit Freunden ein eigenes Label gegründet. Wir wollten kein großes Plattenlabel mehr haben, das in den Mails immer "auf cc" ist. Denn ich will das Kind sein dürfen, das spielt, und keiner soll mir sagen, wann Schluss ist. Ich habe viel Zeit mit meinem Opa verbracht. Von ihm habe ich gelernt zu schauen, was der Tag bringt. Manchmal haben wir einfach nur gequatscht, dann etwas Musik zusammen aufgenommen. So ist ein Album entstanden, ein Projekt nur von uns, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. So ist das Private auch ein Rückzugsraum, in dem ich Kraft schöpfen kann.

Eine große, verrückte Wohngemeinschaft

Heute lebe ich in einer großen, verrückten Wohngemeinschaft in Erfurt - aus Musikern und anderen Künstlern. Da entsteht eine ansteckende Energie. Es sind meine ältesten Freunde, die meisten von ihnen kenne ich seit über 15 Jahren. Ich mag es, sie um mich zu haben. Zugleich muss ich lernen, mich abzugrenzen.

Doch wo fängt das Private an? Ist es privat, wie es mir heute geht? Wo ich gestern übernachtet habe? Ich finde es schwer, da eine Grenze zu ziehen, und verlasse mich auf mein Gefühl. Ich will bestimmte Informationen bewahren. Man könnte sagen: mein anderes Ich beschützen.

Warum? Weil es nicht leicht ist, mit den Reaktionen aus der Öffentlichkeit umzugehen. In Erfurt werden etwa Geschichten über mich erzählt, die nie passiert sind. Wenn ich diese Gerüchte höre, frage ich mich, wie die Leute darauf kommen. Es wäre ein Horror, wenn sich das Bild, das andere von mir haben, verselbstständigt.

Deswegen versuche ich, nah bei mir zu sein, nichts über mich hinzuzudichten und lieber einige Sachen wegzulassen. Damit geht es mir gut. Mark Zuckerberg, der Facebook-Gründer, hält das Private für ein Auslaufmodell. Tatsächlich war die Zeigelust ja schon immer da. Doch Facebook verführt uns, immer mehr preiszugeben, weil es so einfach ist - und weil man für jeden "post" sofort Bestätigung erhält.

Mich stört es nicht, solange ich selbst festlegen kann, wie hoch die Hecke ist, die mich vor fremden Blicken schützt. Doch wir verlieren inzwischen die Kontrolle darüber, haben unsere Daten nicht mehr selbst in der Hand. Das zeigen etwa die Nacktbilder von den US-Schauspielerinnen, die aus der Cloud verschwunden sind. Ich finde, dass das Recht auf eine selbstbestimmte Privatsphäre etwas ist, für das es sich auf die Straße zu gehen lohnt. Das Internet sollte man benutzen können wie einen Toaster. Wenn man es nicht mehr braucht, macht man es aus.

Gefunden in
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Protokoll: Janis Voss

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