Fotostrecke

Stilikone Olivia Putman: Die große Kleine

Foto: Studio Putman

Designerin und Stilikone Olivia Putman Die große Kleine

Seit neun Jahren führt sie das Studio ihrer Mutter Andrée, der Grande Dame des französischen Interieurs - und gilt bereits selbst als Stilikone.
Von Siems Luckwaldt

Durch die großen Fenster der Altbauwohnung von Olivia Putman blickt der Besucher über die Pfarrkirche auf der Place de la Madeleine - wenn er dazu kommt. Gerade flitzen Putmans dreijährige Zwillinge kreischend durch den Salon. Vorbei am Couchtisch und den Bronze-Windhunden vor dem Kamin. Ein Kindermädchen versucht die blonden Jungs aufzuhalten, die nun in den Flur stürmen. Nicht ohne unterwegs sämtliche Schubladen eines Sideboards aufzuziehen und zuzuknallen. "Maman muss jetzt arbeiten", sagt Putman lächelnd. Den Protest dämpft die Tür, die sie mit einem Seufzer hinter den beiden schließt.

Olivia Putman streicht ihr marineblaues Wollkleid glatt. Sie arbeite sich gerade von Schwarz zu "helleren Farben" vor, sagt die 52-Jährige und nimmt auf einem halbrunden Sofa Platz. "Crescent Moon" heißt es, entworfen hat es einst ihre Mutter für Ralph Pucci. Andrée Putman gilt als Legende, sie gestaltete 1984 das Interieur des "Morgans" in New York mit schwarz-weißem Schachbrettboden und großen Bädern - und prägte damit das Bild von Design- und Boutique-Hotels. 1994 entwarf sie im Auftrag von Air France Geschirr und Sitze für den Überschalljet Concorde. Es folgten das Setdesign für Peter Greenaways Film "Die Bettlektüre", Möbel für Poltrona Frau und die Schmuckkollektion "Vertigo" für Christofle.

Olivia Putman trägt auch einen Ring der Traditionsmarke, den sie selbst entworfen hat. So wie die grauen Sessel "Velvet Monsieur" und "Velvet Madame" im Salon, deren sonnengelber Kontrastbezug die beiden Geschlechter symbolisieren soll.

Die Tochter steht ihrer berühmten Maman, die 2013 mit 87 Jahren starb und deren gestalterisches Werk regelmäßig in Schauen gewürdigt wird, in nichts nach. Das asiatische Luxusmagazin "The Peak" nennt Putman die "First Daughter of Design".

Lesen Sie auch: Olivia Putman im Interview mit manager magazin online

"Meine Mutter hat mir ein Alphabet hinterlassen, mit dem ich eigene Wörter bilde", sagt Olivia, die heute das Studio Putman führt. Mit einem sechsköpfigen Team entwickelt sie unterschiedlichste Dinge: einen Flakon für Nina Ricci, eine Cognacflasche für Hine, Glasobjekte für Lalique und Stoffe für Pierre Frey. Dazu die VIP-Lounges der Fluglinie Lantam in Südamerika, das "Sofitel Arc de Triomphe" und zwei weitere Hotels auf Menorca. Daneben immer wieder private Residenzen: eine Hochhausetage in Dubai, das Haus des Slim-Fast-Gründers S. Daniel Abraham in Palm Beach, die teuerste Eigentumswohnung in Paris. Auch Büros reizen Putman: "Am liebsten würde ich den Schreibtisch für Hillary Clinton entwerfen - mit integriertem Spiegel."

Fotostrecke

Putman-Design: Eine Stilikone

Foto: Studio Putman

Für die Armaturenmarke THG Paris entwarf sie unter anderem die Serie "Metamorphose". "Sie verkörpert den Stil einer neuen französischen Klassik", sagt Sophie Durand, bei THG für Designprojekte zuständig. "Olivia bleibt einfachen Formen treu, hat ein untrügliches Gespür für Proportionen und wagt originelle Materialmischungen." Zuletzt kombinierte sie Karbon mit Chrom. Putmans Designs, und auch das ist für ein Unternehmen wie THG nicht ganz unwichtig, sind Bestseller.

"Meine Mutter hat mir ein Alphabet hinterlassen, mit dem ich eigene Wörter bilde"

Das britische Luxusmagazin "how to spend it" beschrieb Putmans Stil einmal als "simple luxe". Was das bedeutet, erklärt die Gestalterin so: "Ich sehe keinen Sinn darin, wenn man einen Stuhl nicht mehr als Stuhl erkennt. Design um des Designs willen, das hasse ich." Aus ihrer Konsole "Gingko" etwa wachsen metallene Blätter. Die sind nicht bloß Dekoration, sondern dienen als Schalen für Schlüssel und anderen Kleinkram.

Putman war wie ihre Zwillinge ein wildes Kind. "Mit 15 steckte mich meine Mutter in ein Internat, nachdem sie herausgefunden hatte, dass ich im vorangegangenen Schuljahr nicht ein einziges Mal im Unterricht gewesen war." Olivia hing lieber mit ihrer Clique ab und feierte in Pariser Clubs wie dem "Le Palace" die Nächte durch. Andy Warhol war damals auch dabei und Yves Saint-Laurent. "Ich dachte, das sei das echte Leben."

Zu der Zeit traf sie ihren heutigen Mann, einen Auktionator für Antiquitäten. Ein Paar wurden sie erst 25 Jahre und eine Ehe mit zwei weiteren Söhnen später. Mit dem Gatten teilt Olivia Putman die Liebe für die schönen Dinge. Wenngleich sein letzter Kauf, ein Walrossschädel mit japanischer Schnitzerei, ihr nicht sonderlich gefällt. Der Salon ist grob in ihre und seine Hälfte geteilt. Auf ihrer: altgriechische Statuen, ein Basquiat und ein französisches Schränkchen aus dem 17. Jahrhundert, geerbt von Andrée.

Aufgewachsen ist Olivia Putman mitten in Paris, in der Nähe von Pont Neuf. Früh merkte sie, dass ihre Mutter keiner der Mamas ihrer Freundinnen glich: Andrée kleidete sich extravagant, in ihrem Haus diskutierte das intellektuelle Paris bis in die Morgenstunden. "Sie backte sonntags keinen Schokoladenkuchen, dafür gingen wir zu Pink Floyd, als ich sechs war", erzählt Olivia. "Irgendwann wurde mir klar, was für Chancen dieser Lebensstil bot."

Die Mutter schleppte sie am Wochenende auf Flohmärkte und machte daraus ein Abenteuer: "Du musst alles finden und mir zeigen, was blau ist", sagte sie. Vater Jacques, ein Rechtsanwalt und Kunstliebhaber, führte sie durch den Louvre - mit verbundenen Augen. Er war Belgier, stammte wie seine Frau aus wohlhabendem Haus und hatte den Kontakt zu seiner konservativen Familie abgebrochen. "Er brachte mir bei, frei zu sein, genau zu beobachten."

Jacques Putman war es, der schon Andrée für die Kunst begeistert hatte. Für Design interessierte die sich zwar schon als Mädchen, schmiss einmal alle Möbel aus ihrem Zimmer, weil sie nur Entwürfe von Mies van der Rohe um sich haben wollte. Doch erst mit 53 Jahren begann sie, als Designerin und Inneneinrichterin zu arbeiten. Irgendwann kam die Trennung: "Mein Vater entschied sich für eine jüngere Frau und bekam mit ihr einen Sohn. Meine Mutter fühlte sich verraten." Schlimmer noch: Andrée Putman konnte von ihrem Fenster direkt ins Wohnzimmer von Jacques und seiner neuen Familie blicken. Sie flüchtete sich in die Arbeit.

Die Mutter brauchte den Applaus, die Tochter macht ihre Arbeit

Olivia studierte derweil Kunstgeschichte an der Sorbonne. Im November 1987 lernte sie Jean-Michel Basquiat kennen, zog mit ihm durch Paris. Im darauffolgenden Frühjahr besuchte sie den Künstler in New York, verbrachte die letzten Monate mit ihm. Im August starb Basquiat, Olivia kehrte nach Paris zurück, begann, leerstehende Häuser in Ateliers umzuwandeln. Eine erste Annäherung an das Metier der Mutter.

Dann studierte sie Gartenarchitektur, inspiriert durch ihren Freund, den Schuhdesigner und Hobby-Botaniker Christian Louboutin. Olivia wirkte unter anderem an der Neugestaltung der berühmten Tuilerien mit, begrünte das Pagoda House in Tel Aviv, den Pariser Store von Marc Jacobs - und entwarf gelegentlich Gärten für Kunden des Studio Putman.

Ihr Tag beginnt oft schon zwischen fünf und sechs Uhr. Wenn die Kinder noch schlafen, blättert Putman ihre Agenda durch. Zum Studio in einem Dachgeschoss in der Rue Chauchat geht sie nach dem Frühstück zu Fuß. In ihrem Büro fällt der Blick auf eine Steinskulptur aus Afrika, auf einen Dankesbrief von Keith Haring an die Mama und auf eine 40-jährige Yuccapalme. Skizzen von Andrée hängen gerahmt an den Wänden. Das Familienerbe ist nicht zu übersehen.

Olivia Putmans engster Verbündeter ist Sébastien Grandin, CEO des Studios. Er arbeitete bereits für ihre Mutter. "Olivia geht flexibler mit Kundenwünschen um, passt ihre Konzepte bis zu einem gewissen Punkt an. Andrée hat ihre Vision immer mit Verve verteidigt, wollte ihr Gegenüber weiterbilden."

Manche Kunden fordern allerdings selbst Olivias Entspanntheit heraus. Jene Hausherrin etwa, deren Mobiliar täglich mit dem Millimetermaß zurechtgerückt werden musste. Oder die Millionärin, die in ihrem Luxusloft wie auf einer Müllkippe lebte: leere Joghurtbecher neben Jugendstil.

Der Übergang von der Mutter zur Tochter hat das Studio vor neun Jahren gespalten. 2007 stieß Olivia als Creative Director hinzu. Die Kollegen fürchteten um Chancen und nahmen sie zunächst nicht ernst, weil ihr ein Designdiplom fehlte. "Ich habe stattdessen 40 Jahre meine Mutter studiert", sagt Putman. Andrée kämpfte zuletzt mit Demenz. Lange gingen ihre Symptome als Schrullen durch, Andrées Exzentrik war berüchtigt. Olivia stand ihr im Stillen bei, wollte verhindern, dass Andrées Ruf litt. 2009 nahm sie an einem internationalen Designwettbewerb von Nespresso teil - ohne Mithilfe ihres Studioteams. Sie gewann mit ihrem schlichten Entwurf eines Service in der Form von Kaffeekapseln. Das war ihr Durchbruch.

"Olivia Putman hat ihre eigene Flugbahn erreicht, die sich von der Linie ihrer Mutter unterscheidet und doch deren Weg fortsetzt. Ihre Designs sind oft nicht sonderlich anspruchsvoll in der Form - aber dafür in den Details", urteilte ein chinesischer Stilkritiker kürzlich über eine Putman-Werkschau in Hongkong.

Gerade arbeitet Olivia am Weinkeller eines Münchner Kunden. Ein Gentlemen's Club mit jeansblauen Stoffen schwebt ihr vor. "Mittlerweile spreche ich mit Elektrikern, Steinmetzen, Textilfabrikanten, Klempnern und Architekten in einer Sprache. Es ist mein tägliches Geschäft", sagt Putman. Als ich im Studio anfing, hätte ich das nicht für möglich gehalten." Andrée Putman sagte oft: "Du könntest mir ruhig mal sagen, wie du meine Arbeit findest." Sie brauchte den Applaus. Die Tochter macht einfach ihre Arbeit.

Video: Das sind die bestbezahlten Toten 2016

manager-magazin.de / Wochit
Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.