Donnerstag, 12. Dezember 2019

Was Wirtschaftsgrößen und Wissenschaftler lesen Die Lieblingsbücher der Erfolgreichen

9. Teil: Curt Diehm, Max Grundig Klinik: "Dieser Autor ist einfach eine coole Socke"

Medizinprofessor Curt Diehm(70) ist ärztlicher Direktor der Max Grundig Klinik, Bühlerhöhe, und Autor zahlreicher Bücher. Für sein ehrenamtliches medizinisches Engagement in etlichen Gremien und Gesellschaften erhielt er 2014 das Bundesverdienstkreuz.

In unserer Bücherschau verraten Wirtschaftsgrößen, Wissenschaftler und andere interessante Persönlichkeiten, welche Lektüre für sie prägend war - und welche Bücher Sie weiterbringen können. In der nächsten Folge verrät Valerie Holsboer, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, ihr Lieblingsbuch. Wenn Sie mit dieser Liste fertig sind und immer noch Lektüre brauchen, gibt es Nachschub - hier lesen Sie, was Joe Kaeser, Wolfgang Schäuble und Co. bereits empfohlen haben. Und hier ist die exklusiv für manager magazin ermittelte Bestsellerliste der Wirtschaftsbücher.

Curt Diehm, Max Grundig Klinik: "Dieser Autor ist einfach eine coole Socke"

"Ich muss gestehen, als Mediziner komme ich leider nur wenig zum Bücherlesen. Ärzte müssen ihr Leben lang Fachliteratur büffeln und als Mitherausgeber von drei medizinischen Fachzeitschriften bin ich auch als Lektor beansprucht. Hinzu kommen zwei Sonntagszeitungen, die ich überfliege und selektiv lese sowie Tageszeitungen frühmorgens auf dem Tablet. Mehr als 6 bis 8 Bücher jährlich sind da nicht drin, um meiner Fachidiotie und allgemeinen Verdummung vorzubeugen.

Umso glücklicher war ich über das Buch "Kaffee und Zigaretten", das ich an zwei Tagen und teilweise auch den beiden Nächten ausgelesen und verinnerlicht habe. Inhalt sind kurze, meist autobiographisch Erzählungen. Fast egal, wo man anfängt oder aufhört, Ferdinand von Schirach fesselt als genialer Erzähler kurzer Episoden. Seine Notizen, Apercus und Feuilletons sind nie langweilig, nie belehrend, nie selbstinszenierend, nie selbstverliebt. Von Schirach schreibt mit einem sachlichen, fast kühlen Stil. "Cool" würde man heute sagen und "Kaffee und Zigaretten" ist dabei so autobiografisch wie nie zuvor.

Buchtipp

Ferdinand von Schirach
Kaffee und Zigaretten

Luchterhand Literaturverlag; 192 Seiten; 20,00 Euro

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Ich stalke von Schirach seit 2010 nach der Lektüre seines Buches "Schuld", höre Podcasts und schaue mir in Mediatheken Talkshows mit ihm an. Faszinierend für mich als Kliniker mit Mitverantwortung für psychisch kranke Patienten ist seine seit frühen Lebensphasen skeptische und depressive Grundhaltung. Schon als Internatsschüler im Schwarzwald lebte er ständig in trauriger Blues-Stimmung, damals schon ein grübelnder Melancholiker. Sein Vater stirbt, als Ferdinand 15 Jahre alt war. Dann ein, Gott sei Dank, missglückter Selbstmordversuch im Alkoholrausch auf elterlichem Grundstück. Sein Glück: Er hatte volltrunken vergessen, die Schrotflinte zu laden. So findet ihn der Gärtner am nächsten Morgen schlafend unter einem Baum.

Kritisch und distanziert, wütend und schamhaft zugleich ist seine Einstellung gegenüber seinem Großvater Baldur von Schirach, verantwortlich für die Deportation von so vielen Juden aus Wien.

Seine Herkunft ist für den Autor gleichsam Fluch und Segen. Einerseits erlebt von Schirach eine höchst unglückliche Jugend- und Familienzeit, andererseits hat ihn diese harte Zeit reifen lassen. Und letztlich weiß er auch die Privilegien seiner Herkunft zu schätzen. All das formte diesen Rechtsanwalt und Autor, der heute einfach eine coole Socke ist!"

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