Mittwoch, 23. Oktober 2019

Was Wirtschaftsgrößen und Wissenschaftler lesen Die Lieblingsbücher der Erfolgreichen

7. Teil: Gerald Hüther, Hirnforscher: Tolstoi - Gier als Falle

Gerald Hüther (68) ist der bekannteste Hirnforscher in Deutschland. Der Neurobiologe und Bestsellerautor lehrte jahrelang an der Universität Göttingen. Hüther ist Initiator und Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung.
www.gerald-huether.de
Gerald Hüther (68) ist der bekannteste Hirnforscher in Deutschland. Der Neurobiologe und Bestsellerautor lehrte jahrelang an der Universität Göttingen. Hüther ist Initiator und Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung.

"Als Schüler habe ich sie zum ersten Mal gelesen und seitdem nie wieder aus den Kopf bekommen: Tolstois kleine Erzählung "Wie viel Erde braucht der Mensch?"

Im letzten Satz steht die Antwort: "Der Knecht nahm die Hacke, grub Pachom ein Grab, genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper, von den Füßen bis zum Kopf, bedeckte - sechs Ellen -, und scharrte ihn ein." Das ist das Ende einer Geschichte, in der Lew Tolstoi beschreibt, wie sich ein einfacher Bauer in einen Landbesitzer verwandelt. Der erwirbt dann mit sprichwörtlicher Bauernschlauheit immer größere Ländereien, wird dabei aber nicht zufriedener, sondern immer gieriger. Getrieben von seiner Gier nach noch mehr Land, lässt er sich schließlich auf einen "Big Deal" mit den Bewohnern einer Steppe ein. Die hatten ihn schnell durchschaut und angeboten, ihm so viel Land zu verkaufen, wie er an einem Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu Fuß umrunden könne.

Buchtipp

Leo Tolstoi
Wieviel Erde braucht der Mensch?

Anaconda; 96 Seiten; 3,95 Euro

Buch kaufen




Weil er immer noch mehr haben will, wird der Bogen, den er abschreitet, immer größer. Als er merkt, dass es eng wird, beginnt er zu rennen, immer schneller, bis die Sonne untergeht und er kurz vor der Umrundung tot auf dem Acker zusammenbricht.

Wahrscheinlich bin ich auch deshalb Hirnforscher geworden, weil es mich so sehr fasziniert hat, dass Menschen in der Lage sind, einer bestimmen Vorstellung - also einer nackten Idee davon, worauf es im Leben ankommt -, so lange und mit solcher Vehemenz nachzurennen, bis sie schließlich als Opfer ihrer eigenen Vorstellung ihr Leben beenden. Eindringlicher lässt sich kaum darstellen, wie sehr wir uns als Suchende in der Welt zurechtzufinden versuchen und wie leicht wir uns dabei verirren können."

Lesen Sie auch: Gerald Hüther über erfolgreiche Führung

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung