Mittwoch, 23. Oktober 2019

Was Wirtschaftsgrößen und Wissenschaftler lesen Die Lieblingsbücher der Erfolgreichen

6. Teil: Marion Büttgen, Universität Hohenheim: "Ein wirkliches Lehrstück großartiger Führung"

Marion Büttgen ist Inhaberin des Lehrstuhls für Unternehmensführung an der Universität Hohenheim.

"Was bedeutet gute, verantwortungsvolle Führung? Oder genauer gefragt: was macht eine wahrhaft großartige Führungsperson aus? Als ich auf meiner Reise durch Patagonien Anfang dieses Jahres auf das Buch 'Mit der Endurance ins ewige Eis' von Sir Ernest Shackleton aufmerksam wurde, hatte ich vieles erwartet, aber nicht unbedingt, über Führung mehr zu lernen als aus nahezu jedem Buch, das ich bisher zu dem Thema gelesen habe.

Buchtipp

Ernest Shackleton
Mit der Endurance ins ewige Eis

NG Taschenbuch; 288 Seiten; 15,00 Euro

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Sir Ernest Shackleton berichtet in diesem tagebuchartigen Bericht über seine gescheiterte Antarktisexpedition in den Jahren 1914 - 1917, in der - trotz sorgfältigster Planung, bestmöglicher personeller und materieller Ausstattung und gewissenhafter Umsetzung - nahezu alles schiefgeht. Die Expedition war darauf ausgerichtet, die Antarktis erstmals vollständig zu durchqueren. Wer schon einmal in dieser Region war, weiß um die extrem widrigen Umstände, die dort herrschen: extreme Kälte, extreme Wetterumschwünge, extrem komplexe Navigationsbedingungen und nahezu keine Vorhersehbarkeit der Naturereignisse. Eine Art VUCA-Umwelt der Schifffahrt vor 100 Jahren. Wer sich zu dieser Zeit auf eine solche Expedition begibt, muss schon ein besonderer Typus Mensch sein, aber vielleicht nicht unbedingt eine begnadete Führungspersönlichkeit. Sir Ernest Shackleton war aber genau das: eine begnadete Führungspersönlichkeit, von der aus meiner Sicht auch in der heutigen Zeit jede Führungskraft sehr viel lernen kann!

Nachdem die Endurance, das Expeditionsschiff, in festes Packeis gerät, sich nicht mehr befreien lässt und schließlich in diesem zerquetscht wird, beginnt für den Kapitän und seine Mannschaft eine unvorstellbare Odyssee, die heutzutage vermutlich kaum jemand überleben würde. Meist recht nüchtern-sachlich schildert Shackleton, wie er und sein Team, dem er größte Wertschätzung entgegenbringt, dessen Leistung und Engagement er immer wieder betont und für das er ein uneingeschränktes, selbstaufopferndes Verantwortungsbewusstsein empfindet, immer wieder aufs Neue die Herausforderungen und scheinbar ausweglosen Situationen meistern. Dabei ist er stets derjenige, der die größten Strapazen auf sich nimmt, gleichzeitig immer Stärke und Zuversicht vermittelt, "Herr" der Lage bleibt und seine Mannschaft durch wohldurchdachte, im Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten eingesetzte Anreize motiviert (Fußballspielen auf der Eisscholle, Sonderrationen an Essen an besonders harten Tagen etc.).

Mehrfach muss die Mannschaft bei dem verzweifelten Versuch, sich an Land zu retten, aufgeteilt werden, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben und immer wieder müssen Männer zurückgelassen werden, stets aber mit der erforderlichen Basisausstattung versorgt, die ihr Überleben sicherstellen soll. Auf jeder der immer härter werdenden Etappen bis zum rettenden Ziel, einer Walfangstation auf South Georgia, beschreibt Shackleton in bewundernswert nicht-narzisstischer Weise seine Hauptantriebskraft für den unmenschlichen Einsatz, den er an Tag legt: Er muss ankommen und Hilfe organisieren, da sonst sein Team, das er zurücklassen musste, verloren ist. Dieses Verantwortungsbewusstsein kennzeichnet sein Verhalten während der gesamten Expedition. Und sein Team erwidert seinen Einsatz durch absolutes Vertrauen, bedingungslose Einsatzbereitschaft und maximale Leistung. So gelingt es, dass am Ende alle überleben.

Bemerkenswert an diesem Mann und seinem Führungsstil finde ich auch, dass nie der Eindruck von hierarchischem Denken oder gar einem Überlegenheitsgefühl entsteht. Im Gegenteil: Er stellt immer wieder die große Leistung seiner Mannschaft heraus, während er seinen eigenen Einsatz offensichtlich als Selbstverständlichkeit ansieht. Dies wird bereits in seinem Vorwort deutlich: "Doch auch wenn dieses Buch vom Fehlschlagen des eigentlichen Unternehmens berichten muss, so erzählt es dennoch von atemberaubenden Abenteuern und einzigartigen Eindrücken. Vor allem aber zeugt es von der unbeugsamen Entschlossenheit, unerschütterlichen Treue und großartigen Entschlossenheit meiner Männer".

Ein wirkliches Lehrstück großartiger Führung, wenn auch aus einer anderen Zeit!"

Marion Büttgen im Interview: Wie Frauen in Führungspositionen ticken

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