Donnerstag, 17. Oktober 2019

Was Wirtschaftsgrößen und Wissenschaftler lesen Die Lieblingsbücher der Erfolgreichen

2. Teil: Brigitte Lammers, Egon Zehnder: Eine Geschichte des holprigen Glücks

Brigitte Lammers ist Partnerin bei Egon Zehnder und eine der prägenden Persönlichkeiten der internationalen Personalberatung. Sie ist spezialisiert auf Medien, Telekommunikation sowie Familienunternehmen und treibt auf globaler Ebene die Diversity-Aktivitäten voran.
Egon Zehnder
Brigitte Lammers ist Partnerin bei Egon Zehnder und eine der prägenden Persönlichkeiten der internationalen Personalberatung. Sie ist spezialisiert auf Medien, Telekommunikation sowie Familienunternehmen und treibt auf globaler Ebene die Diversity-Aktivitäten voran.

"Seit meinem Jurastudium in Bonn weiß ich, wie begnadet Bernhard Schlink erzählen kann. Aus dem trockensten Vorlesungsstoff konnte er noch etwas Spannendes machen, er war - und ist - immer tiefgründig, detailversessen und hochsympathisch. Sein jüngster Roman mit dem schlichten Titel 'Olga' erzählt die Geschichte einer Frau, der in den fast neunzig Jahren ihres Lebens nie etwas geschenkt wurde und die doch fast alles, was sie wollte, bekommen hat - es ist eine 'Geschichte des holprigen Glücks', wie Olga selbst am Ende sagt.

Buchtipp

Bernhard Schlink:
Olga

Diogenes Verlag AG, 320 Seiten, 12,00 Euro

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In den 1880er Jahren als Waise in einem Dorf in Pommern aufgewachsen, ein Mädchen ohne Mittel, aber mit vielen Talenten, träumt sie davon, Lehrerin zu werden und ein Instrument zu beherrschen; und sie kämpft mit ungeheurem Ehrgeiz, Fleiß und Geschick, bis sich ihr Wunsch erfüllt. Wir alle kennen diese Frauen aus dem vergangenen Jahrhundert, die so viel geleistet, so viele Widrigkeiten überwunden, gegen so viel Dünkel ankämpfen mussten und doch - anders als erfolgreiche Frauen heute - nie gesellschaftliche Anerkennung erfahren haben. Diese Ausdauer, diese Unverzagtheit, die Schlink hier schildert, hat mich sehr beeindruckt. Olga findet einen klugen Umgang mit Limitationen, denen wir auch heute, wenngleich in anderer Form, ausgesetzt sind.

Das Gegenstück zu Olga ist Herbert, der Sohn des örtlichen Gutsbesitzers. Die beiden verlieben sich, aber die Konventionen verbieten die Verbindung und hindern Olga am Glück. Herbert dagegen hat alle Möglichkeiten dieser Welt, er gehört zur Elite des Landes. Doch in seiner Herkunft liegt auch ein Fluch. Denn statt seine Talente für etwas Konstruktives einzusetzen, glaubt er, ein deutscher Held sein zu müssen - ein Mann, der die Geschichte vorantreibt, der das Bismarcksche Kaiserreich und überhaupt das Deutschtum zu neuen Höhen führen muss. Ein normales Sein reicht dem Nietzsche-Leser Herbert nicht. Er meldet sich zur Schutztruppe nach Deutsch-Südwestafrika und nimmt an dem Gemetzel gegen die Herero teil, die er, der Herren- und Übermensch, wie Vieh betrachtet. Schlink gelingt es, dieser Verinnerlichung des sogenannten Deutschtums in der Figur des Herbert eine extreme und gleichzeitig höchst realistische Form zu geben; und tatsächlich gibt es für Herbert ein reales Vorbild.

Olga aber muss ihren Geliebten ziehen lassen. Sie schreibt ihm ihr Leben lang Briefe - und setzt dies auch fort, als er kurz vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr von einer Polarexpedition zurückkehrt. Sie lebt ihren Kummer am Klavier aus, bis sie in ihren Fünfzigern das Gehör verliert - ein weiterer Schicksalsschlag, der sie ebenfalls nicht aus der Bahn wirft. Nach dem Krieg flieht sie nach Heidelberg, wo sie als einfache Näherin arbeitet und einen jungen Mann, Ferdinand, unter ihre Fittiche nimmt. Ferdinand findet nach ihrem Tod 1971 die Briefe Olgas an Herbert. Sie bilden den letzten Teil des Buches, und den Lesern erschließt sich eine weitere und entscheidende Facette ihres Lebens. Sie erfahren, dass Olga an ihrem Ende eine Tat von ganz untypischer, aber durchaus stimmiger Gewaltsamkeit begeht, in der sie mit der dünkelhaften Gesellschaft ihrer Jugend abschließt - mit einer Gesellschaft, die Herbert in Krieg und Tod getrieben und ihre tiefste Lebenserfüllung verhindert hat. Sie will ein Zeichen setzen. Sie hat duldend in Kauf genommen, aber nie vergessen.

Wie Olgas Charakter, so ist auch dieses Buch: sensibel, leise, präzise, klug, keine Effekte, kein Drama. Kein Herbert. An seinem Beispiel beschreibt Schlink, wie die historischen Umstände einen Menschen in die Hybris treiben können. Herbert will Geschichte prägen, dabei prägt die Geschichte ihn. Gesellschaftlich standen ihm alle Türen offen, doch es war Olga, die ihre Ziele erreichte, kraft ihrer Menschlichkeit. Sie bleibt im Machbaren, sie packt die Umstände an und macht aus jeder Situation etwas Positives. So hat Schlink ein Buch über modernes Heldentum geschrieben."

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