Freitag, 18. Oktober 2019

Was Wirtschaftsgrößen und Wissenschaftler lesen Die Lieblingsbücher der Erfolgreichen

10. Teil: Sigrid Nikutta, Berliner Verkehrsbetriebe: Fakten gegen Vorurteile

Sigrid Nikutta ist Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und steht als erste Frau an der Spitze des Unternehmens.
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Sigrid Nikutta ist Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und steht als erste Frau an der Spitze des Unternehmens.

"Vielleicht geht es Ihnen wie mir: ich lese jeden Tag Zeitungen, höre und sehe Nachrichten auf allen digitalen Wegen aus der ganzen Welt und habe darüber hinaus täglich eine Medienauswertung auf meinem Schreibtisch. Ja, ich halte mich, was das Geschehen in der Welt, in meiner Branche und meiner Stadt betrifft, für gut informiert. Ganz bestimmt lasse ich mir nicht so schnell das berühmte X für das noch viel berühmtere U vormachen.

Überzeugt, dass es ja ganz interessant sein kann, über die Irrtümer anderer Leute zu lesen, und dass meine Sicht auf die Welt schon ziemlich in Ordnung ist, wurde ich schon nach den ersten Seiten des Buchs "Factfulness" des schwedischen Professors Hans Rosling eines Besseren belehrt.

Alles beginnt quasi mit einem Multiple-Choice-Fragebogen. Deutlich wird das schon an einer einfachen Frage: Inwieweit hat sich in den letzten 20 Jahren der Anteil extrem armer Menschen verändert? Hat er sich a) fast verdoppelt, b) nicht verändert oder c) deutlich mehr als halbiert? Letzteres ist richtig. Aber spiegelt sich dieses auch in unserem allgemeinen Wissen wieder?

Es wird alles immer schlimmer, eine schreckliche Nachricht jagt die andere: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Es gibt immer mehr Kriege, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen. Wer hinterfragt eigentlich, ob das stimmt? Die Zahlen, Daten, Fakten sagen genau das Gegenteil. Dennoch würden wohl viele Menschen den "Alles wird immer schlimmer-Aussagen" zustimmen. Ich weiß, dass viele Menschen solche beängstigenden Bilder im Kopf haben. Dieser "Instinkt der Negativität", wie er im Buch genannt wird, beeinflusst sogar das Wahlverhalten - und ist - so legt der Autor eindrucksvoll nah - doch falsch.

In Zeiten von Fake News ist es erstaunlich wohltuend, wenn Hans Rosling die Systematik der Informationsaufarbeitung und -darstellung hinterfragt und die Fakten in den Vordergrund rückt. Ganz klar, an sehr prägnanten Beispielen, hinterlegten Statistiken und übrigens durchaus humorvoll und unterhaltend führt uns dieses Buch auf den Weg, die Welt ganz nüchtern so zu sehen, wie sie wirklich ist.

Und so steckt dieses kluge Buch voller Ratschläge, die helfen, nach den relevanten Zahlen zu fragen und sie einzuordnen. Gerade für Entscheidungen in Wirtschaft und Politik ist das unabdingbar.

Nicht, dass unsere Welt heute schon ein idealer Ort für alle Menschen wäre. Wir alle wissen, dass es immer noch Elend, Kriege, Verfolgung von Andersdenkenden und zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten gibt. Wer aber positive Trends ignoriert und an einer dramatischen Weltsicht festhält, verpasst Chancen und erstarrt in dem Standpunkt: Was soll man denn machen? Es wird doch eh alles immer schlimmer. Nein, die Fakten zeigen klar, dass es sich lohnt, in Bildung, Umweltschutz, Gesundheitsfürsorge und Solidarität mit anderen Menschen zu investieren.

Anhand statistischer Daten zeigt der Forscher in diesem Buch, dass es den Menschen insgesamt besser geht. Der Anteil, der in extremer Armut Lebenden hat sich weltweit mehr als halbiert, und 80 Prozent der einjährigen Kinder sind geimpft. In Ländern mit niedrigem Einkommen besuchen inzwischen 60 Prozent der Mädchen die Grundschule.

Buchtipp

Hans Rosling
Factfulness

Ullstein Hardcover; 400 Seiten; 24,00 Euro

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Übrigens beantworteten in Deutschland nur sechs Prozent der an der Umfrage Teilnehmenden diese Frage richtig. Die Mehrzahl der Befragten schätzt, dass es 20 Prozent sind.

Was am Ende bleibt: Die Qualität von Entscheidungen, nicht nur im Management sondern in allen Lebensbereichen, hängt entscheidende davon ab, welche Wahrnehmungs- und Erklärungsmechanismen wir für Informationen haben. Gerade die Fülle von Informationen führt schnell zu deren unreflektierter Internalisierung. Das Buch hat mich ein Stück weit erschüttert und wachgerüttelt!"

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