Prozessbeginn in London Boris Beckers Richterin schwört Jury auf Objektivität ein

Mit ernster Miene und in dunklem Anzug ist Boris Becker zum Auftakt seines Strafprozesses in London erschienen. Dem Ex-Tennisstar wird mangelnde Kooperation in seinem Insolvenzverfahren vorgeworfen, es droht jahrelange Haft. Becker bestreitet die Vorwürfe.
Dunkler Anzug, ernste Miene: Boris Becker am Montag in London auf dem Weg ins Gericht

Dunkler Anzug, ernste Miene: Boris Becker am Montag in London auf dem Weg ins Gericht

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PETER NICHOLLS / REUTERS

Boris Becker reihte sich mit ernster Miene in die Schlange vor dem Southwark Crown Court ein. Der Blick des einstigen Tennisstars ging immer wieder gen Boden, als er in Begleitung seiner Lebensgefährtin vor dem Gerichtsgebäude im Zentrum von London auf den Sicherheitscheck wartete. Dann begann der Prozess gegen den 54-Jährigen, für den enorm viel auf dem Spiel steht.

Insgesamt 24 Anklagepunkte sollen unter Leitung von Richterin Deborah Taylor in den kommenden drei Wochen abgeklopft werden – dann könnte feststehen, ob Becker seine bisherige Lebensweise unbescholten fortsetzen kann. Wegen des Vorwurfs mangelnder Kooperation in seinem Insolvenzverfahren drohen ihm im schlimmsten Fall bis zu sieben Jahre Haft. Der gebürtige Leimener weist die Vorwürfe zurück.

Becker, der in einem dunkelblauen Mantel und mit lila-kariertem Schal an der Seite seiner Freundin Lilian de Carvalho Monteiro zum Auftakt erschien, will in dem Prozess selbst aussagen. Er nimmt trotz seines guten Englisch einen Übersetzer in Anspruch. Taylor sagte, dass er möglicherweise Hilfe bei "technischem Vokabular wie juristischen Begriffen" benötige.

Die Jury forderte sie auf, Beckers Status als prominente Persönlichkeit zu ignorieren: "Sie müssen alles beiseitelassen, was Sie über diesen Fall gehört haben, auch alles über den Angeklagten und mit einer leeren Seite beginnen", sagte die Richterin zu den Geschworenen.

Noch immer ein hochgeschätzter Tennis-Experte

"Ich bin froh, dass der Prozess jetzt endlich losgeht und das Gericht ein Urteil sprechen wird. Die vergangenen fünf Jahre waren verdammt lang, die härtesten meines Lebens", hatte Becker zuletzt der Bild am Sonntag gesagt. 2017 war er für zahlungsunfähig erklärt worden, seine Außenstände wurden damals auf bis zu 50 Millionen Pfund (59 Millionen Euro) geschätzt. Dann soll Becker im anschließenden Insolvenzverfahren laut Ansicht der Anklage Vermögenswerte verschleiert und Informationspflichten nicht eingehalten haben.

Er habe "in Bezug auf eine Reihe seiner Vermögenswerte unehrlich gehandelt", sagte Staatsanwältin Rebecca Chalkley am Montag, er habe sie "versteckt oder nicht zugänglich gemacht". Es geht um Immobilien, vermeintliche Zahlungen an seine Ex-Frauen und um die Sporttrophäen des sechsmaligen Grand-Slam-Siegers, der im Tennis noch immer ein hochgeschätzter Experte ist. Abseits der Center Courts der Tour geriet er nach dem Ende seiner Karriere aber immer wieder in die Schlagzeilen.

Im Jahr 2002 wurde Becker von einem deutschen Gericht wegen Steuerhinterziehung in Höhe von rund 1,7 Millionen Euro zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Auch die spanische und die Schweizer Justiz nahmen ihn zeitweise ins Visier. Nun steht er in London vor Gericht.

"Auch bei mir muss die Unschuldsvermutung gelten", sagte Becker vor Prozessbeginn: "Natürlich werde ich jedes Urteil akzeptieren. Aber ich hoffe, dass die Richterin und die zwölf Geschworenen ein gerechtes Urteil fällen."

cr, SID