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Buchtipp: Arved Fuchs: Grenzen sprengen - Erfahrungen aus Extremsituationen erfolgreich nutzen

Foto: Brigitte Ellerbrock

Abenteurer Arved Fuchs über Extremsituationen "Wer keine Angst hat, ist nicht überlebensfähig"

Von Viola Keeve

manager-magazin.de: Vor zwei Jahren gerieten Sie vor den Falkland-Inseln in schweres Wetter, Windstärke 10, reiner Überlebenskampf, eine elementare Erfahrung, haben Sie gesagt. Warum tun Sie sich das an?

Arved Fuchs: Ich suche nicht die Gefahr, sondern versuche, sie zu minimieren, zu umgehen, wo immer es geht. Aber letztendlich gibt es Expeditionen, wie ich sie mache, nicht zum Risikonulltarif. In einer solchen Situation kommt es darauf an, dass man sein Handwerk beherrscht, weiß, wie man sich zu verhalten hat, ein gutes Team im Hintergrund hat, und das Material stimmt. Das sind Dinge, die man vorher plant. Damit lassen sich dann auch kritische Situationen meistern. Und wer nicht bereit ist, ein gewisses Risiko einzugehen, der bleibt eben zu Hause und dümpelt vor sich hin.

Der Sturm gebiert den Stoiker, heißt es in Joseph Conrads Erzählung Taifun. Sie sagen: Die Kunst sei, den Sturm von den eigenen Nerven fernzuhalten. Sie schulen Manager. Was könnten die von Ihnen im Eis lernen?

Es gibt da eine ganze Menge Analogien. Ich kann einem Unternehmer, einem Banker oder Broker nicht erklären, wie er seine Geschäfte zu führen hat. Davon verstehe ich nichts, aber von Expeditionen, vom Leben im Extremen.

Eissegeln als Coaching?

Im Prinzip geht es ja immer um Menschen, die entscheiden, ob ein Projekt erfolgreich verläuft oder nicht. Glück gehört dazu. Aber keiner ist gut beraten, seine Handlungen allein auf den Faktor Glück abzustellen. Das weiß man. Also, wenn wir unterwegs sind, bekommen wir ja postwendend die Quittung. Bei uns geht nicht um Geld, sondern um das nackte Überleben. Wenn ich einen Fehler mache, ist es der Natur egal. Aber ich habe ein vitales Interesse daran, heil von Punkt A nach B zu kommen. Insofern sind Mechanismen, die ein Projekt erfolgreich gestalten, eigentlich immer die gleichen.

Zum Beispiel?

Teambuilding, wie gehe ich mit Menschen um. Wie gehe ich mit dem Faktor Angst oder Risk Management um? Das sind ja Sachen, die von uns real gelebt werden, sich übertragen lassen.

In extremen Gegenden umkommen, das kann jeder Dummkopf, sagen Sie. Angst ist ok, erst Panik ist gefährlich.

Stimmt.

Eine gewisse Demut brauche man, sagen Sie. Hat man bei Robert Scott am Südpol gesehen: Dünkel und falsches Equipment, Pferde statt Motorschlitten, und man kommt nicht sehr weit. Oder?

Klar. Überheblichkeit, Respektlosigkeit und Routinedenken, das ist gefährlich. Wenn ich in einem Unternehmen bin und meine, das kann ich alles aus dem Handgelenk schütteln, krieg am Ende vielleicht schlechte Zahlen. Was auch schlimm ist, aber daran geh ich nicht zugrunde. Bei uns hat das eine andere Qualität. Wenn ich sage, ach, ich fahr mal durch die Packeisfelder durch, obwohl ich nicht weiß, wie es dahinten aussieht, wird schon gutgehen, bekomme ich von der Natur vielleicht eine Quittung serviert, dass ich Mann, Schiff, vielleicht mehr verliere. So ist meine Verantwortung als Teamführer, dafür zu sorgen, dass alle, nicht nur ich, sicher ankommen. Und was das Thema Angst angeht: Ich verstehe solche Leute nicht, halt sie auch nicht für ehrlich, die sagen, ich kenn keine. Wer keine Angst hat, ist nicht überlebensfähig.

Weshalb?

Angst ist ja eine Schutzfunktion des Körpers, und kein Mensch hat gerne Angst, ich auch nicht, auf der Autobahn gibt es auch immer wieder so Schrecksekunden, dass man sagt: Donnerwetter, das ist ja gut gegangen. Angst gehört zum Leben. Panik ist kontraproduktiv, unterbindet nüchterne Handlungen. Da ist man fahrig, verliert die Nerven, das nützt einem überhaupt nichts. Also ich trenn das. Angst ist ein biochemischer Prozess, der ist wichtig. Ich hab keine vor einem Projekt selbst, sonst würde ich es ja lassen. Aber in bestimmten Situationen, da gehört durchaus mal Angst dazu.

"Was wir machen, können eben nicht viele machen"

Sie sind mit einem Faltkajak um Kap Hoorn gefahren, einem der stürmischsten Enden der Erde, segeln gerade mit einem fast 90 Jahre alten Haikutter, der Dagmar Aaen, durch die Arktis. Muss das sein?

Na, was ich mache, sind ja keine Kreuzfahrten. Was ich gesucht habe, ist die Unmittelbarkeit zur Natur. Und das ist ein Riesenunterschied, ob Sie Grönland oder die Antarktis aus den Panoramascheiben eines Kreuzfahrtschiffes betrachten, die ganze Unwirtlichkeit einer Region ausfiltern, das ist ein wenig, wie eine wunderschön gemachte BBC-Dokumentation im Fernsehen gucken. Oder ob Sie die Natur in ihrer ganzen Konsequenz erfahren, sich ihren Widrigkeiten stellen, die Kälte ertragen.

Es gibt nur falsche Kleidung?

Genau. Das ist nun mal eben das Entree, die Eintrittskarte, um diese einmalig schönen Landschaften in ihrer ganzen Komplexität zu erleben und auch zu verstehen. Deshalb geht es mir nicht mehr darum, von A nach B zu kommen. Da könnte ich auch fliegen, sondern um diese archaische Erfahrung, mit einem traditionellen Segler die Ozeane zu passieren, die größten Naturlandschaften, die wir haben. Und wenn Sie von Hamburg nach Patagonien segeln, da sind Sie drei Monate unterwegs. Wenn Sie fliegen, sind Sie ein paar Stunden da, physisch. Aber mental haben Sie im Grunde nicht begriffen, wo Sie sind. Wenn Sie segeln, drei Monate lang, dann haben Sie begriffen, wie groß die Erde ist und ihre Ozeane.

Bei Kreuzfahrten gibt es beide Trends, noch mehr Luxus oder Nostalgie - wie auf der MS Nordstjernen von Hurtigruten, nur ein Hauch dessen, was Sie machen. Oder?

Na, was wir machen, können eben nicht viele machen. In vier Jahrzehnten baut man ein großes Erfahrungspotential auf und wächst an den Aufgaben. Deshalb sind heute Projekte möglich, die es früher nicht waren. Wer mal abseits vom Luxustourismus unterwegs sein möchte, wählt eine Expedition light. Darum geht es, das ist dann von professionellen Teams geführt, aber man hat dann nicht den Whirlpool, die Kart-Bahn. Es ist ein bisschen back to the roots. Weil nicht der Luxus im Vordergrund steht, sondern das Naturerlebnis, und darum geht es doch - oder sollte es gehen. Warum fährt man denn nach Spitzbergen oder in die Antarktis? Das ist doch auf möglichst bescheidene Art viel intensiver.

Sie haben im Jahr 2000 die Shackleton-Südpol-Reise wiederholt. Re-Enactment nennt man das. Ihr großes Vorbild ist Fridtjof Nansen. Das ist ja schon sehr mutig, das noch mal zu machen, in einem ähnlichen Boot. Ist das dann eher ein Kampf mit sich?

Ich muss mir alles, das Eis erarbeiten. Ich hatte 1989 die Antarktis durchquert, in 92 Tagen, das war eigentlich Shackletons Idee, die er nie hat umsetzen können, weil er vorher sein Schiff verloren hat. Nach der Durchquerung hab ich mir gesagt, dass die Rettungsaktion, die sich aus dem Untergang des Schiffes ergab, viel schwierig war als die Antarktisdurchquerung. Ich hab lange gebraucht, das nachzuvollziehen. Das ist auch eine Gratwanderung, das muss man ohne Schnörkelei so sagen.

Weshalb?

Man kann auf so einem kleinen Boot in schweres Wetter geraten. Man weiß nicht, wie heftig die Stürme ausfallen werden, wie lange sie dauern. Aber dass man Stürme abreiten, abwettern muss, auf einer solchen Route, das ist sicher. Ich wollte es auch nicht machen, um zu sagen, ich kann das alles genauso gut wie Shackleton, vielleicht schneller. Mich hat die Person Shackletons fasziniert. Es ging auch um eine Hommage an diesen großen Polarfahrer, den ich ob seiner Fähigkeiten sehr respektiere. Und um Fragen, die nur beantworten kann, wer sich in vergleichbare Situationen begibt.

Jetzt schreiben Sie in Ihren Büchern: Der Wind ist mein Freund, der mich vorantreibt, und mein Gegner, der mich umbringt. Mit dieser Ambivalenz leben wir. Braucht man in unserer Zeit, immer auf Empfang, das Extrem, das Eis, um sich wieder spüren zu können?

Na, bei mir ist es immer so gewesen. Ich war ja nie ein Aussteiger, ich arbeite und lebe hier in Deutschland, und das sehr, sehr gerne. Aber ich weiß auch, dass es nach einer gewissen Zeit wieder kribbelt und ich raus muss in die, wie ich es immer bezeichne, große Natur. Ich bin ein Wanderer zwischen Welten, dem Leben, was jeder andere auch führt, und dort, wo ich ganz andern Gesetzmäßigkeiten unterworfen bin. Wo diese ganzen eitlen Versatzstücke, mit denen wir uns hier umgeben, überhaupt keine Rolle spielen. Der Natur ist es egal, ob ich das neuste Smartphone, den schicksten Fernseher habe. Das kann da nicht gebrauchen. Da geht es um ganz andere Dinge, elementare. Und man wird ein bisschen geerdet - im wahrsten Sinne des Wortes zurückgeführt auf die Dinge, die wirklich wesentlich sind.

Als Sie mit Reinhold Messner Weihnachten 1989 allein im Zelt lagen, am Südpol, was braucht man da?

Ach, das war auch ein Tag, wo man unterwegs gewesen ist auf dem Inlandeis, aber man sagt, heute ist Weihnachten, da müssen wir uns das schon mal ein bisschen schön machen. Aber die Möglichkeiten sind extrem eingeschränkt, weil man ja keinen Ballast mit sich schleppt. Also wir haben versucht, aus Schokolade einen Kuchen zu machen und haben einen kleinen Schnaps getrunken, und das wars dann auch. Aber man ist immer wieder erstaunt, mit wie wenig man zufrieden und glücklich sein kann. Dieses immer mehr Aufhäufen, naja. Also, wir haben uns an diesem Abend sehr wohl gefühlt.

"Die Arktis nur als Entertainment-Faktor verstehen, das ist unwürdig"

Sie haben bei den Inuit gelebt. Was haben Sie von ihnen gelernt?

Man muss die Kälte zulassen, akzeptieren. Die Inuit leben damit seit tausenden von Jahren. Das ist etwas, das man lernen kann. Ich friere wie jeder andere auch, aber wenn das in den Hintergrund tritt, dann ist es, als ob jemand ein Fenster aufstößt zu einer ganz wunderbaren, bizarren Welt mit eigenen Gesetzen.

Wird es bald zu voll im Eis?

Der Massentourismus nimmt zu, das will ich einräumen. Aber da muss man unterscheiden. Wenn ich höre, dass sich Leute zum Südpol oder Nordpol einfliegen lassen, eine Polar-Urkunde und ein Champagnerfrühstück sich nehmen, dann ist das dummes Zeug. Oder die letzten 60, 80 Kilometer laufen mit Hilfe von Guides, großer Infrastruktur. Es ist nicht der Punkt als solches, sondern der Weg dorthin. Und das können wirklich nur ganz wenige. Das macht ja auch das Besondere aus. Man lässt sich ja auch nicht auf den Mount Everest bis kurz unter den Gipfel fliegen.

Soll man auf Polar-Kreuzfahrten verzichten?

Da muss man differenzieren. Große Schiffe, die sich ohne Eisklasse sehr weit vorwagen, halte ich für bedenklich, wenn etwas passiert, sind gleich ein paar tausend Menschen gefährdet, denn die Infrastruktur einer Rettung besteht da oben fast gar nicht. Und das andere: die Arktis nur als Entertainment-Faktor verstehen, das ist unwürdig. Damit wird man den Landschaften nicht gerecht. Aber es gibt durchaus kleinere Schiffe, wie die Noorderlicht, die Fram, die sehr professionell unterwegs sind, das Naturerlebnis in den Fokus stellen, Vorträge anbieten und ein interessiertes Publikum an Bord haben. Dass man ihm den Zugang zu solchen Landschaften verbietet, wer will das tun? Ich kann nur das lieben, schützen, was ich kenne. Es ist ein bisschen Lobbyarbeit auch für die Natur.

Sie nennen Ihre Arktis-Törn "Ocean Change - turn the page", sind vom Extremsportler zum Umweltschützer geworden. Sind Sie mit 65 auch deshalb nochmal aufgebrochen?

Ich bin einfach zum Zeitzeugen geworden, hab meine Unbefangenheit schon vor 10, 15 Jahren verloren, als wir uns gefragt haben, wie kann das sein, dass die eine oder andere Passage plötzlich befahrbar ist. Ich bin seit in 40 Jahren im arktischen Raum unterwegs, das mag jetzt viel klingen, aber klimatechnisch ist das nicht mal ein Wimpernschlag. Und was sich in dieser Zeit verändert hat da oben, das ist unglaublich.

Zum Beispiel?

Diese Nordpol-Expedition, die ich 1989 von Kanada übers Packeis 1000 Kilometer zum Nordpol gemacht habe, ist quasi nicht mehr möglich. Weil das Eis nicht mehr trägt. Wenn Sie in Grönland sind, sehen Sie, wie sich Gletscher nicht einfach nur zurückziehen, sie verdoppeln ihre Fließgeschwindigkeit und entleeren mehr als die doppelte Menge Eis ins Meer. Das ist messbar. Ich habe viele Freunde unter der indigenen Bevölkerung, Jäger, die mir von Wintern der Eltern, Großeltern erzählen, ja auch eine Datenbank an Erfahrung verwalten. Da fühle ich mich auch in der Pflicht. Da kann ich nicht zurückfahren und sagen: alles schön. Ich misch mich ein. Aber nicht nur sagen, wie furchtbar alles ist: Lösungen bieten. Wenn man über Klimawandel redet, merk ich ja, werden die meisten schon fast depressiv. Muss ja nicht sein. Wir haben die Möglichkeit, es zu ändern.