Dienstag, 21. Mai 2019

Abenteurer Arved Fuchs über Extremsituationen "Wer keine Angst hat, ist nicht überlebensfähig"

Buchtipp: Arved Fuchs: Grenzen sprengen - Erfahrungen aus Extremsituationen erfolgreich nutzen
Arved Fuchs

manager-magazin.de: Vor zwei Jahren gerieten Sie vor den Falkland-Inseln in schweres Wetter, Windstärke 10, reiner Überlebenskampf, eine elementare Erfahrung, haben Sie gesagt. Warum tun Sie sich das an?

Arved Fuchs: Ich suche nicht die Gefahr, sondern versuche, sie zu minimieren, zu umgehen, wo immer es geht. Aber letztendlich gibt es Expeditionen, wie ich sie mache, nicht zum Risikonulltarif. In einer solchen Situation kommt es darauf an, dass man sein Handwerk beherrscht, weiß, wie man sich zu verhalten hat, ein gutes Team im Hintergrund hat, und das Material stimmt. Das sind Dinge, die man vorher plant. Damit lassen sich dann auch kritische Situationen meistern. Und wer nicht bereit ist, ein gewisses Risiko einzugehen, der bleibt eben zu Hause und dümpelt vor sich hin.

Der Sturm gebiert den Stoiker, heißt es in Joseph Conrads Erzählung Taifun. Sie sagen: Die Kunst sei, den Sturm von den eigenen Nerven fernzuhalten. Sie schulen Manager. Was könnten die von Ihnen im Eis lernen?

Es gibt da eine ganze Menge Analogien. Ich kann einem Unternehmer, einem Banker oder Broker nicht erklären, wie er seine Geschäfte zu führen hat. Davon verstehe ich nichts, aber von Expeditionen, vom Leben im Extremen.

Eissegeln als Coaching?

Im Prinzip geht es ja immer um Menschen, die entscheiden, ob ein Projekt erfolgreich verläuft oder nicht. Glück gehört dazu. Aber keiner ist gut beraten, seine Handlungen allein auf den Faktor Glück abzustellen. Das weiß man. Also, wenn wir unterwegs sind, bekommen wir ja postwendend die Quittung. Bei uns geht nicht um Geld, sondern um das nackte Überleben. Wenn ich einen Fehler mache, ist es der Natur egal. Aber ich habe ein vitales Interesse daran, heil von Punkt A nach B zu kommen. Insofern sind Mechanismen, die ein Projekt erfolgreich gestalten, eigentlich immer die gleichen.

Zum Beispiel?

Teambuilding, wie gehe ich mit Menschen um. Wie gehe ich mit dem Faktor Angst oder Risk Management um? Das sind ja Sachen, die von uns real gelebt werden, sich übertragen lassen.

In extremen Gegenden umkommen, das kann jeder Dummkopf, sagen Sie. Angst ist ok, erst Panik ist gefährlich.

Stimmt.

Eine gewisse Demut brauche man, sagen Sie. Hat man bei Robert Scott am Südpol gesehen: Dünkel und falsches Equipment, Pferde statt Motorschlitten, und man kommt nicht sehr weit. Oder?

Klar. Überheblichkeit, Respektlosigkeit und Routinedenken, das ist gefährlich. Wenn ich in einem Unternehmen bin und meine, das kann ich alles aus dem Handgelenk schütteln, krieg am Ende vielleicht schlechte Zahlen. Was auch schlimm ist, aber daran geh ich nicht zugrunde. Bei uns hat das eine andere Qualität. Wenn ich sage, ach, ich fahr mal durch die Packeisfelder durch, obwohl ich nicht weiß, wie es dahinten aussieht, wird schon gutgehen, bekomme ich von der Natur vielleicht eine Quittung serviert, dass ich Mann, Schiff, vielleicht mehr verliere. So ist meine Verantwortung als Teamführer, dafür zu sorgen, dass alle, nicht nur ich, sicher ankommen. Und was das Thema Angst angeht: Ich verstehe solche Leute nicht, halt sie auch nicht für ehrlich, die sagen, ich kenn keine. Wer keine Angst hat, ist nicht überlebensfähig.

Weshalb?

Angst ist ja eine Schutzfunktion des Körpers, und kein Mensch hat gerne Angst, ich auch nicht, auf der Autobahn gibt es auch immer wieder so Schrecksekunden, dass man sagt: Donnerwetter, das ist ja gut gegangen. Angst gehört zum Leben. Panik ist kontraproduktiv, unterbindet nüchterne Handlungen. Da ist man fahrig, verliert die Nerven, das nützt einem überhaupt nichts. Also ich trenn das. Angst ist ein biochemischer Prozess, der ist wichtig. Ich hab keine vor einem Projekt selbst, sonst würde ich es ja lassen. Aber in bestimmten Situationen, da gehört durchaus mal Angst dazu.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung