Samstag, 20. April 2019

Abenteurer Arved Fuchs über Extremsituationen "Wer keine Angst hat, ist nicht überlebensfähig"

Buchtipp: Arved Fuchs: Grenzen sprengen - Erfahrungen aus Extremsituationen erfolgreich nutzen
Arved Fuchs

3. Teil: "Die Arktis nur als Entertainment-Faktor verstehen, das ist unwürdig"

Sie haben bei den Inuit gelebt. Was haben Sie von ihnen gelernt?

Man muss die Kälte zulassen, akzeptieren. Die Inuit leben damit seit tausenden von Jahren. Das ist etwas, das man lernen kann. Ich friere wie jeder andere auch, aber wenn das in den Hintergrund tritt, dann ist es, als ob jemand ein Fenster aufstößt zu einer ganz wunderbaren, bizarren Welt mit eigenen Gesetzen.

Wird es bald zu voll im Eis?

Der Massentourismus nimmt zu, das will ich einräumen. Aber da muss man unterscheiden. Wenn ich höre, dass sich Leute zum Südpol oder Nordpol einfliegen lassen, eine Polar-Urkunde und ein Champagnerfrühstück sich nehmen, dann ist das dummes Zeug. Oder die letzten 60, 80 Kilometer laufen mit Hilfe von Guides, großer Infrastruktur. Es ist nicht der Punkt als solches, sondern der Weg dorthin. Und das können wirklich nur ganz wenige. Das macht ja auch das Besondere aus. Man lässt sich ja auch nicht auf den Mount Everest bis kurz unter den Gipfel fliegen.

Soll man auf Polar-Kreuzfahrten verzichten?

Da muss man differenzieren. Große Schiffe, die sich ohne Eisklasse sehr weit vorwagen, halte ich für bedenklich, wenn etwas passiert, sind gleich ein paar tausend Menschen gefährdet, denn die Infrastruktur einer Rettung besteht da oben fast gar nicht. Und das andere: die Arktis nur als Entertainment-Faktor verstehen, das ist unwürdig. Damit wird man den Landschaften nicht gerecht. Aber es gibt durchaus kleinere Schiffe, wie die Noorderlicht, die Fram, die sehr professionell unterwegs sind, das Naturerlebnis in den Fokus stellen, Vorträge anbieten und ein interessiertes Publikum an Bord haben. Dass man ihm den Zugang zu solchen Landschaften verbietet, wer will das tun? Ich kann nur das lieben, schützen, was ich kenne. Es ist ein bisschen Lobbyarbeit auch für die Natur.

Sie nennen Ihre Arktis-Törn "Ocean Change - turn the page", sind vom Extremsportler zum Umweltschützer geworden. Sind Sie mit 65 auch deshalb nochmal aufgebrochen?

Ich bin einfach zum Zeitzeugen geworden, hab meine Unbefangenheit schon vor 10, 15 Jahren verloren, als wir uns gefragt haben, wie kann das sein, dass die eine oder andere Passage plötzlich befahrbar ist. Ich bin seit in 40 Jahren im arktischen Raum unterwegs, das mag jetzt viel klingen, aber klimatechnisch ist das nicht mal ein Wimpernschlag. Und was sich in dieser Zeit verändert hat da oben, das ist unglaublich.

Zum Beispiel?

Diese Nordpol-Expedition, die ich 1989 von Kanada übers Packeis 1000 Kilometer zum Nordpol gemacht habe, ist quasi nicht mehr möglich. Weil das Eis nicht mehr trägt. Wenn Sie in Grönland sind, sehen Sie, wie sich Gletscher nicht einfach nur zurückziehen, sie verdoppeln ihre Fließgeschwindigkeit und entleeren mehr als die doppelte Menge Eis ins Meer. Das ist messbar. Ich habe viele Freunde unter der indigenen Bevölkerung, Jäger, die mir von Wintern der Eltern, Großeltern erzählen, ja auch eine Datenbank an Erfahrung verwalten. Da fühle ich mich auch in der Pflicht. Da kann ich nicht zurückfahren und sagen: alles schön. Ich misch mich ein. Aber nicht nur sagen, wie furchtbar alles ist: Lösungen bieten. Wenn man über Klimawandel redet, merk ich ja, werden die meisten schon fast depressiv. Muss ja nicht sein. Wir haben die Möglichkeit, es zu ändern.

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