Montag, 22. April 2019

Abenteurer Arved Fuchs über Extremsituationen "Wer keine Angst hat, ist nicht überlebensfähig"

Buchtipp: Arved Fuchs: Grenzen sprengen - Erfahrungen aus Extremsituationen erfolgreich nutzen
Arved Fuchs

2. Teil: "Was wir machen, können eben nicht viele machen"

Sie sind mit einem Faltkajak um Kap Hoorn gefahren, einem der stürmischsten Enden der Erde, segeln gerade mit einem fast 90 Jahre alten Haikutter, der Dagmar Aaen, durch die Arktis. Muss das sein?

Na, was ich mache, sind ja keine Kreuzfahrten. Was ich gesucht habe, ist die Unmittelbarkeit zur Natur. Und das ist ein Riesenunterschied, ob Sie Grönland oder die Antarktis aus den Panoramascheiben eines Kreuzfahrtschiffes betrachten, die ganze Unwirtlichkeit einer Region ausfiltern, das ist ein wenig, wie eine wunderschön gemachte BBC-Dokumentation im Fernsehen gucken. Oder ob Sie die Natur in ihrer ganzen Konsequenz erfahren, sich ihren Widrigkeiten stellen, die Kälte ertragen.

Es gibt nur falsche Kleidung?

Genau. Das ist nun mal eben das Entree, die Eintrittskarte, um diese einmalig schönen Landschaften in ihrer ganzen Komplexität zu erleben und auch zu verstehen. Deshalb geht es mir nicht mehr darum, von A nach B zu kommen. Da könnte ich auch fliegen, sondern um diese archaische Erfahrung, mit einem traditionellen Segler die Ozeane zu passieren, die größten Naturlandschaften, die wir haben. Und wenn Sie von Hamburg nach Patagonien segeln, da sind Sie drei Monate unterwegs. Wenn Sie fliegen, sind Sie ein paar Stunden da, physisch. Aber mental haben Sie im Grunde nicht begriffen, wo Sie sind. Wenn Sie segeln, drei Monate lang, dann haben Sie begriffen, wie groß die Erde ist und ihre Ozeane.

Bei Kreuzfahrten gibt es beide Trends, noch mehr Luxus oder Nostalgie - wie auf der MS Nordstjernen von Hurtigruten, nur ein Hauch dessen, was Sie machen. Oder?

Na, was wir machen, können eben nicht viele machen. In vier Jahrzehnten baut man ein großes Erfahrungspotential auf und wächst an den Aufgaben. Deshalb sind heute Projekte möglich, die es früher nicht waren. Wer mal abseits vom Luxustourismus unterwegs sein möchte, wählt eine Expedition light. Darum geht es, das ist dann von professionellen Teams geführt, aber man hat dann nicht den Whirlpool, die Kart-Bahn. Es ist ein bisschen back to the roots. Weil nicht der Luxus im Vordergrund steht, sondern das Naturerlebnis, und darum geht es doch - oder sollte es gehen. Warum fährt man denn nach Spitzbergen oder in die Antarktis? Das ist doch auf möglichst bescheidene Art viel intensiver.

Sie haben im Jahr 2000 die Shackleton-Südpol-Reise wiederholt. Re-Enactment nennt man das. Ihr großes Vorbild ist Fridtjof Nansen. Das ist ja schon sehr mutig, das noch mal zu machen, in einem ähnlichen Boot. Ist das dann eher ein Kampf mit sich?

Ich muss mir alles, das Eis erarbeiten. Ich hatte 1989 die Antarktis durchquert, in 92 Tagen, das war eigentlich Shackletons Idee, die er nie hat umsetzen können, weil er vorher sein Schiff verloren hat. Nach der Durchquerung hab ich mir gesagt, dass die Rettungsaktion, die sich aus dem Untergang des Schiffes ergab, viel schwierig war als die Antarktisdurchquerung. Ich hab lange gebraucht, das nachzuvollziehen. Das ist auch eine Gratwanderung, das muss man ohne Schnörkelei so sagen.

Weshalb?

Man kann auf so einem kleinen Boot in schweres Wetter geraten. Man weiß nicht, wie heftig die Stürme ausfallen werden, wie lange sie dauern. Aber dass man Stürme abreiten, abwettern muss, auf einer solchen Route, das ist sicher. Ich wollte es auch nicht machen, um zu sagen, ich kann das alles genauso gut wie Shackleton, vielleicht schneller. Mich hat die Person Shackletons fasziniert. Es ging auch um eine Hommage an diesen großen Polarfahrer, den ich ob seiner Fähigkeiten sehr respektiere. Und um Fragen, die nur beantworten kann, wer sich in vergleichbare Situationen begibt.

Jetzt schreiben Sie in Ihren Büchern: Der Wind ist mein Freund, der mich vorantreibt, und mein Gegner, der mich umbringt. Mit dieser Ambivalenz leben wir. Braucht man in unserer Zeit, immer auf Empfang, das Extrem, das Eis, um sich wieder spüren zu können?

Na, bei mir ist es immer so gewesen. Ich war ja nie ein Aussteiger, ich arbeite und lebe hier in Deutschland, und das sehr, sehr gerne. Aber ich weiß auch, dass es nach einer gewissen Zeit wieder kribbelt und ich raus muss in die, wie ich es immer bezeichne, große Natur. Ich bin ein Wanderer zwischen Welten, dem Leben, was jeder andere auch führt, und dort, wo ich ganz andern Gesetzmäßigkeiten unterworfen bin. Wo diese ganzen eitlen Versatzstücke, mit denen wir uns hier umgeben, überhaupt keine Rolle spielen. Der Natur ist es egal, ob ich das neuste Smartphone, den schicksten Fernseher habe. Das kann da nicht gebrauchen. Da geht es um ganz andere Dinge, elementare. Und man wird ein bisschen geerdet - im wahrsten Sinne des Wortes zurückgeführt auf die Dinge, die wirklich wesentlich sind.

Als Sie mit Reinhold Messner Weihnachten 1989 allein im Zelt lagen, am Südpol, was braucht man da?

Ach, das war auch ein Tag, wo man unterwegs gewesen ist auf dem Inlandeis, aber man sagt, heute ist Weihnachten, da müssen wir uns das schon mal ein bisschen schön machen. Aber die Möglichkeiten sind extrem eingeschränkt, weil man ja keinen Ballast mit sich schleppt. Also wir haben versucht, aus Schokolade einen Kuchen zu machen und haben einen kleinen Schnaps getrunken, und das wars dann auch. Aber man ist immer wieder erstaunt, mit wie wenig man zufrieden und glücklich sein kann. Dieses immer mehr Aufhäufen, naja. Also, wir haben uns an diesem Abend sehr wohl gefühlt.

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