Montag, 18. November 2019

Lebenswege - Deutschbanker goes Nightlife "Wenn dich dein Job stört, warum hältst du daran fest?"

Club 20457: Wie Antonio Fabrizi vom Deutschbanker zum Clubbetreiber wurde
Joerg Lang

2. Teil: "Ich arbeite diszipliniert. Das habe ich als Banker getan, das tue ich jetzt"

mm.de: Wie wurden Sie Clubbetreiber?

Fabrizi: Ich war immer extrem gut vernetzt. Ich war im Vorstand der Werbegemeinschaft der Hafencity. Beim ersten Weihnachtsmarkt drosch die Presse auf uns ein: Reichenghetto, Friedhof, traurigster Weihnachtsmarkt Hamburgs. Ich habe dann eine Lounge in einem leerstehenden Laden angeboten. Wir haben in drei Wochen elf Live-Auftritte gehabt, und die Sache kam in Schwung. Es war Halligalli. Großartig! Aus drei Wochen wurden acht Monate. Morgens Deutsche Bank, abends Clubbetreiber.

mm.de: Lassen Sie mich raten: Keine Familie, keine Kinder?

Fabrizi: (lacht) Genau. Habe ich heute auch nicht. Das ginge gar nicht. Es war eine mordsmäßige Belastung, aber es fühlte sich so verdammt gut an.

mm.de: Was blieb auf der Strecke?

Fabrizi: Das Privatleben, natürlich. Aber wenn man etwas macht und es macht einem Spaß, spielt das keine so große Rolle.

mm.de: Wie lange haben Sie gebraucht, um sich von Ihrem sicheren Job zu trennen?

Fabrizi: Einen Tag. Acht Monate war alles gut gegangen, obwohl wir keine Konzession hatten. Dann aber gab es eine Kontrolle; eine Entscheidung musste her, weil es den Laden offiziell gar nicht gab. Ich hätte sagen können: Das war eine tolle Erfahrung, und jetzt zurück zum Finanzgeschäft. Oder man sagt: Scheiß drauf. Und macht weiter. Das habe ich getan.

mm.de: Was haben Sie in den vergangenen vier Jahren gelernt?

Fabrizi: Die Theke ist ein Spiegelbild des Lebens. Eine eigene Welt - und auch eine Bühne. In gelockerter Atmosphäre und mit etwas Alkohol wagen es manche Leute erst, sich echte Sinnfragen zu stellen. Mir rechnen hier 30-Jährige vor: Ich muss jetzt noch 20 Jahre durchziehen, dann habe ich fünf Jahre bis zum Vorruhestand, und wenn dazwischen was kommt, kriege ich eine Abfindung.

Die sitzen hier und jammern, dass ihr Chef so scheiße ist, das Leben so hart, und ich denke dann: Mimimimi! Du könntest jetzt auch auf dem Mittelmeer in einem Schlauchboot sitzen mit zwei kleinen Kindern, worüber jammerst du? Wenn dich dein Job stört, warum hältst du daran fest? Da merke ich aber auch die Spiegelung von Befürchtungen, die ich früher selbst hatte. Ich war ja genauso in diesem Konstrukt drin. Heute würde ich darüber lachen.

mm.de: Sie mögen es aber nicht, wenn man Sie als Aussteiger betrachtet.

Fabrizi: Nein. Ich arbeite diszipliniert. Das habe ich als Banker getan, das tue ich jetzt. Ich halte hier bis morgens um vier Uhr durch, weil ich keinen Alkohol hinter der Theke trinke. Ich habe als Banker mehr getrunken als jetzt. Ein Ex-Banker übt auf viele Leute irgendwie dieselbe Faszination aus wie ein Ex-Knacki: Die andere Welt macht viele neugierig. Aber man kann auch als Banker moralisch sauber arbeiten und Dienstleister sein, genau wie in meinem neuen Geschäft. Beides hat mit Vertrauen zu tun. Bei mir gilt das Thekengeheimnis genauso wie vorher das Bankengeheimnis.

mm.de: Warum ist der Club 20457 ein Raucherlokal?

Fabrizi: Das passt zu meiner Lebensauffassung. Rauchen gehört dazu. Und ich kann ja nicht in meinem eigenen Laden immer rausgehen, wenn ich mal eine rauchen will. Wenn Veranstaltungen sind, wird hier aber nicht geraucht. Ich denke oft: Wie cool ist das, du hast deinen eigenen Laden, du hast viel mit Musik zu tun, du kannst Künstler ausstellen, alles, was du willst. Herrlich!

mm.de: Angeblich kann man in Ihrem Club als Gast fünf Level erreichen?

Fabrizi: Stimmt, und meine Stammgäste arbeiten sogar an Level sechs! Wir haben hier zwei spezielle Drinks: Den Schweizer Kopfschuss und den Burning Finger. Es kommen sehr viele in den Club, die hier sitzen und herumdrucksen. Weil man den Burning Finger nicht bestellen, sondern nur dazu eingeladen werden kann. Man taucht den Finger in Sambucca, zündet ihn an, steckt ihn in den Mund. Nächster Level: Man gurgelt damit und zündet ihn im Mund an. Mit Zimt kann man dann einen irren Funkenregen erzeugen, wir dimmen dafür das Licht. Was der Schweizer Kopfschuss ist, verrate ich nicht.

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