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Fotostrecke: Sri Sri Ravi Shankar bei der Arbeit

Foto: Cirstin Ehlers/ Art of Living

Sri Sri Ravi Shankar Guru mit Gespür fürs Geschäft

Der indische Gelehrte Sri Sri Ravi Shankar ist nicht nur in seiner Heimat ein spiritueller Star. Als Guru wie als Geschäftsmann exportiert er seine Lehren bis in den Schwarzwald - und zum Weltwirtschaftsforum nach Davos. Eine Audienz beim "Höchsten Lehrer der Erleuchtung".
Von Kristian Klooß

Bangalore - Die langen schwarzen Haare Sri Sri Ravi Shankars liegen dünn und federleicht auf seinen Schultern. Sein Vollbart hingegen ist groß, kräftig und schwarz. Schultern und Oberkörper hat er eingewickelt in ein weißes Gewand. Dessen Nähte und Ränder sind purpurrot, so wie auch Kissen und Saum des Stuhls, auf dem er sitzt. Eigentlich ist es mehr ein Thron, der in der Mitte des Raumes steht.

Die Audienz, die er der Gruppe aus Deutschland an diesem Tag gewährt, findet in einem Rondell auf einem Hügel seines Meditationszentrums, des Aschrams, statt. In tiefen Sofas auf dicken Teppichen haben es sich die Gäste gemütlich gemacht. Im Rund des Raumes stehen Regale und Vitrinen aus dunklem Holz, gefüllt mit Büchern, Vasen, Blumengirlanden, Bildern und kleinen goldenen Statuen, zwischen denen auch ein blauroter Papa Schlumpf von einem Wandregal auf jene Pfauenfeder hinabblickt, die aus der Rückenlehne des Sessels von "Seiner Heiligkeit" hinausragt.

Der Guru lächelt. Die Fragen, die die Besucher ihm heute stellen werden, sind eher grundlegender Natur. Wie er, Sri Sri Ravi Shankar, die Welt verbessern wolle, möchte einer von ihnen wissen.

Der Guru lacht, atmet einmal tief ein und sagt: "Um die Welt zu verbessern, muss man nicht alles neu erfinden." Dann schließt er die Augen. An einer Wand schlägt leise das Pendel einer Standuhr. "Um die Welt zu verbessern", sagt Shankar, "muss man auch nicht alles anders machen." Während er so spricht, schweben seine Hände und Finger vor ihm in der Luft, schmiegen sich seine Gesten an seine Worte und Sätze.

Mit der Unesco Bäume gepflanzt

Sein Beitrag für ein besseres Leben der Menschen, sagt Shankar, liege vor allem in praktischer Lebenshilfe. "Der Fokus unserer Yoga-Schule liegt darin, den Menschen Atemübungen und Methoden der Stressbewältigung zu lehren." Dies sei der beste Weg, das Leben der Menschen zu verbessern.

Bei der Verbreitung dieser Lehren seien er und seine Mitarbeiter auf einem guten Weg. So sei seine Yoga-Schule, die "Art of Living School", lange nicht in islamischen Ländern akzeptiert worden. Und auch Unternehmen hätten zunächst kein Interesse an seinen Lehren gezeigt. "Heute hat sich das aber ein wenig geändert", sagt Shankar.

Der Grund dieses Erfolgs: Die vom Guru vor drei Jahrzehnten gegründete "Art of Living Foundation", die satzungsgemäß menschliche Werte und interreligiöse Harmonie fördert, hat sich mittlerweile, dank Sri Sri Ravi Shankar, in 151 Ländern der Welt einen Namen gemacht. Im Namen Seiner Heiligkeit und mit einem Beraterstatus der Vereinten Nationen geadelt, hat die Nichtregierungsorganisation beispielsweise gemeinsam mit der Unesco Bäume gepflanzt und gemeinsam mit der indischen Regierung daran gearbeitet, ehemalige Milizen durch Anti-Stress-Training wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

In Sachen Marketing hat sich Sri Sri Ravi Shankar dabei seinen Lehrmeister, den Guru Maharishi, zum Vorbild genommen. Dieser half einst den Beatles zur Erleuchtung - und wurde so nicht nur weltberühmt, sondern auch reich.

Sri Sri Ravi Shankar hingegen hat sich nicht auf Popstars, sondern vor allem auf Politiker und Manager spezialisiert.

Ein Aschram als Gegenentwurf zu Bangalore

So empfing er vor drei Jahren den damals noch amtierenden baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger in seinem Aschram in Südindien. Kurz darauf lud Ex-EU-Kommissar Günther Verheugen den Friedensprediger ins EU-Parlament ein.

Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit gehörte auch schon zu den Gastgebern des Gurus. Von der EU-Abgeordneten Erika Mann wurde der 55-Jährige gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Als der Guru davon erfuhr, soll er gelächelt haben.

Auch in Indien kann sich Seine Heiligkeit auf die Politik verlassen - und diese auf ihn. So verlieh ihm der ehemalige indische Präsident Giani Zail Singh einst den Titel "Höchster Lehrer der Erleuchtung". Und erst vor wenigen Monaten zeigte Shankar, warum er diesen Namenszusatz verdient hat - als Unterhändler in einem für die indische Regierung delikaten Fall. Denn dank der Hilfe des Gurus beendete der in den indischen Medien schon als "neuer Gandhi" gefeierte 74-jährige Anna Hazare einen dreizehntägigen Hungerstreik, den er aus Protest gegen die Korruption im Land begonnen hatte.

Vor der UN-Versammlung sprach Sri Sri Ravi Shankar im Übrigen zur Feier ihres 50. Gründungsjahres. Dass er im Januar dieses Jahres auch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mitdiskutierte, versteht sich da von selbst.

Welches Gesellschaftssystem ist das beste?

"Welches Gesellschaftssystem halten Sie für das beste?", fragt einer der Gäste, die dem Meister jetzt in seinem kleinen Besucherrondell gegenübersitzen. Shankar atmet tief ein. Dann streicht er sich durch den Bart. "Nun", sagt er mit butterweicher Stimme. "Nehmen Sie den Kapitalismus. Nehmen Sie den Kommunismus. Sie alle haben Fehler." Es gehe am Ende darum, von allen Systemen das Beste herauszulösen. Diese Elemente müssten dann für die Gesellschaft verfügbar gemacht werden. Kapitalismus bringe einerseits Wettbewerb und andererseits Unternehmertum. "In dieser Region hier gibt es aber auch viele Gemeindeversammlungen", was wiederum dem maoistischen Einfluss in Indien geschuldet sei. "Auch wir geben den Menschen hier kostenlos zu essen und eine kostenlose Bildung", sagt der Guru und lächelt.

Er weiß, wovon er spricht. Denn in seiner Rolle als Prediger hat Shankar einen Aschram erschaffen, der wie ein Gegenentwurf der nahe gelegenen grellen, lauten und schnellen Boomstadt Bangalore wirkt. Die Stadt, im Süden Indiens ist die drittgrößte des Subkontinents. Sie ist das Zentrum für Raumfahrt, IT und Biotechnologie, und ein zugleich Zentrum des indischen Kapitalismus'.

Auf den Hügeln und in den Tälern und Wäldern des Aschrams, die sich über rund 40 Hektar erstrecken, stammt hingegen alles aus kontrolliert biologischem Anbau - vom Apfel bis zum Zitronensaft. Es herrschen Rast und Ruhe.

Die Methoden, mit denen Sri Sri Ravi Shankar diese alternative Welt geschaffen hat, sind indes durchaus vergleichbar mit jenen, mit denen auch die Manager in Bangalore ihre Geschäfte aufziehen.

Die gesamte Wertschöpfungskette abgedeckt

Nichts überlässt Sri Sri Ravi Shankar dem Zufall. Um die Ausbildung seiner Jünger zu koordinieren, hat er einen Kindergarten, eine Schule, ein College und eine Universität auf dem Gelände seines Meditationszentrums errichten lassen.

Neues Saatgut für biologisch einwandfreie Früchte und Gemüse werden vom Sri Sri Institute of Agricultural Science & Technology Trust entwickelt. Sie werden auf dem Aschram angebaut und vertrieben.

Die Geschäfte des Gurus decken allerdings nicht nur die komplette Wertschöpfungskette der Lebensmittelversorgung ab. Auch die Gesundheit seiner Anhänger liegt ihm am Herzen. So lässt er in einer kleinen Fabrik ayurvedische Arznei herstellen. Auch ein Krankenhaus, wo diese verabreicht wird, findet sich auf dem Gelände des Aschrams.

Fragen, wie viel Geld seinen Projekten aus politischen Quellen zufließt, wie viel von Privatspendern und Aschram-Besuchern, um Tempelbauten, Schulen und Krankenstationen zu finanzieren, lächelt der Meister beiseite. Denn anders als bei klassischen Unternehmen üblich, sind Gurus wie er nach indischem Gesetz von Bilanzierungspflichten weitgehend entbunden. Dass die Gelder indes nicht aus dem Verkauf von Orangensaft stammen, wird jedem klar, der einen Blick auf die Preisliste seiner Yoga-Kurse wirft.

Europas Zentrum der Stressfreiheit liegt im Schwarzwald

Im indischen Aschram des Gurus müssen westliche Yoga-Touristen rund 75 Euro am Tag zahlen, mehr als ein Durchschnittsinder im Monat verdient. Allerdings inklusive einfacher indischer Kost, Logis und abendlichem Satsang - der täglichen Anti-Stress- und Erleuchtungs-Zeremonie im großen Tempel.

In Europa befindet sich das Zentrum der Stressfreiheit hingegen in Bad Antogast, einem kleinen Ort im Schwarzwald. In einem alten Kurhotel, das der Guru und seine Mitarbeiter vor einigen Jahren zur Pilgerstätte umgebaut haben, sind Wochenaufenthalte für gut 700 Euro zu haben. Auf dem Programm stehen Schweigekurse, Atemtrainings und Ayurvedamassagen.

Dazu kommen Großveranstaltungen. Im Sommer vergangenen Jahres lauschten trotz Regenwetters rund 25.000 Anhänger im Berliner Olympiastadion den Lehren des Gurus. Bis zu 100 Euro hatten sie für ein Zwei-Tages-Ticket gezahlt, um beim World Culture Festival dem Ehrengast aus Indien zu lauschen.

Wieviel Umsatz Sri Sri Ravi Shankar mit dem Export seiner Lebensweisheiten erwirtschaftet, lässt sich nur erahnen. Allein in Deutschland sollen es allerdings mehr als eine Million Euro im Jahr sein.

Ein Klang wie aus tausend Orgelpfeifen

"Isch verstieh ein bisschen deutsch", sagt der Guru seinen deutschen Gästen, woraufhin alle lachen. Dann wird es aber wieder ernst. Auf die Frage, wie nahe er selbst dem Nirwana, der Erlösung sei, lacht Sri Sri Ravi Shankar leise in sich hinein. Dann schweigt er einen Moment. Blickt auf den Boden. Zupft sich den Bart. "Ja, ach wissen Sie", nuschelt er. Dann lacht er wieder leise. "Das ist eine philosophische Frage." Dann schweigt er wieder einen Moment und blickt zu Boden. Als er wieder aufblickt, sagt er: "Wissen Sie, als ich vier Jahre alt war, konnte ich die gesamte Gita auswendig rezitieren." Dann schließt er wieder die Augen.

Dass er als Vierjähriger Teile der Bhagavad Gita, eine altindische Schrift, zu rezitieren vermochte, und dass ihn seine Eltern oft in Meditation versunken sahen, gehört zu den Standardinformationen in fast Werbebroschüre und in beinahe jedem Imagefilmen der Art of Living Foundation. Auch dass sein erster Lehrer Sudhakar Chaturvedi war, der einst Mahatma Gandhi begeleitet hatte, gehört dazu. Ebenso wie sein Studienabschluss in vedischer Literatur und Physik, den er 1973 als Siebzehnjähriger machte. Nicht zu vergessen seine zehntätige Periode des Schweigens im Jahre 1981. Seither, verriet er im vergangenen Sommer der "Zeit", habe er keinen Stress mehr empfunden.

Die Antwort auf die Frage nach dem Nirwana bleibt der Meister schuldig. Nach ein, zwei weiteren Fragen stellt er schließlich selbst eine Frage an seine Besucher: "Haben Sie die Elefanten gesehen?" Es ist seine Art, zu sagen, dass sich das Gespräch jetzt dem Ende zuneigen sollte.

Mit Wagen und Sirene zum Tempel

Draußen vor dem Rondell warten schon die zwei Dickhäuter. Der 16-jährige Indrani, ein grauer Riese, und die 13-jährige Maheshwala, eine etwas zierlichere indische Elefantin mit bunt verziertem Rüssel. Sri Sri Ravi Shankars hat sie vor vier Jahren gekauft. Zuvor hatten sie jahrelang gefällte Baumstämme durch Wälder geschleppt.

Mit einem herzlichen "Guten Tag" verabschiedet sich der Meister schließlich von seinen Gästen. Dann steigt er in einen weißen Toyota, auf dessen Dach eine kleine rote Sirene angebracht ist. Der Wagen braust den schmalen, wenige Hundert Meter langen Weg vom Rondell auf dem Hügel zur großen Tempelanlage im Tal hinunter. Dort zieren Lichterketten die Kanten der Treppenstufen zum Eingangsportal. Sie führen hinein in den Tempel, der von Außen so aussieht wie eine mintfarbene Hochzeitstorte, unten rund und breit, nach oben hin in fünf immer engere Etagen auf eine gläserne Kuppel zulaufend, die mal gelb, mal türkis, mal violett beleuchtet wird.

Im Inneren des Tempels wird Seine Heiligkeit in wenigen Minuten das abendliche Satsang abhalten. Rund 800 Menschen haben sich im Halbrund vor der Bühne und auf der Empore versammelt. Die Männer zur Rechten Seiner Heiligkeit, die Frauen zu seiner Linken. Gemeinsam werden Sie singen und meditieren. "Aaaatmet ein, aaaatmet aus", wird der Meister immer wieder sagen. Und schließlich wird die Gruppe in einem wie tausend tiefe Orgelpfeifen vibrierenden "Ommmmmmmmmm" versinken, während sich draußen der Abenddunst über das Tal legt und die hellrote Sonne, verschleiert von zarten Wolkenbändern, versinkt.

Wozu muss ich Geld verdienen?

Drinnen werden schließlich auch die Anhänger des Gurus Fragen an ihn richten: Was ist der Unterschied zwischen Zuneigung und Liebe, Meister? Wozu muss ich Geld verdienen? Ich bin Ärztin und habe das Gefühl, alles getan zu haben, was ich im Leben tun kann - was spricht dagegen, dass ich jetzt sterbe? Mein Sohn will diese Frau hier neben mir heiraten - sage uns, Meister, was die richtige Entscheidung wäre.

Manchmal lachen die Anhänger des Gurus herzlich, nachdem eine Frage gestellt wurde. Manchmal klatschen sie, nachdem der Guru geantwortet hat. Manchmal gnuckst der Meister vor lachen über seine eigenen Weisheiten. Nach der letzten Frage wird es dann still. Eine Glocke erklingt. Eine Frau beginnt zu singen. Die Menschen klatschen in die Hände. Dann stimmt auch Sri Sri Ravi Shankar in den Gesang des indischen Volksliedes ein.

Draußen ist es inzwischen Nacht.

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