Aussteiger Lieber Freiheit statt Bürgertum

Vom Aussteigen träumen viele. In etlichen Fernsehsendungen erleben wir mit, wie gut oder schlecht es denen geht, die es tatsächlich wagen. Doch was treibt diejenigen an, die es in aller Stille tun? Jan Grossarth wollte es wissen, lebte drei Monate mit Aussteigern und hielt seine Erfahrungen in einem Buch fest.
Der "Waldmensch": Wolfgang Hamacher lebt seit mehr als acht Jahren allein in einem Bauwagen und will, außer durch die Natur, durch nichts mehr bestimmt werden

Der "Waldmensch": Wolfgang Hamacher lebt seit mehr als acht Jahren allein in einem Bauwagen und will, außer durch die Natur, durch nichts mehr bestimmt werden

Foto: DPA

Berlin - Der Pole Pawel Jósef (29) nennt sich nur noch Elf Pavlik, lebt seit zwei Jahren ohne Geld und ernährt sich von dem, was er in den Müllcontainern von Supermärkten findet. Ist er verrückt? Der ehemalige Polizist Silvio Roßberg und seine Frau Catrin wollen auf einem Gehöft in Thüringen ins Mittelalter zurückkehren. Spinner? Eine Gemeinschaft im Piemont hat sich eine eigene Währung geschaffen, ein eigenes politisches und ein eigenes Rechtssystem. Sie hat ein eigenes Katastrophenhilfswerk, eigene Schulen, eine eigene Zeitrechnung, eigene religiöse Riten und einen eigenen Tempel. Eine "irre Psychosekte", wie die "Bild" schreibt?

Wer der bürgerlichen Welt den Rücken kehrt, wer einfach leben will und selbstbestimmt, wer anders denkt, der wird von denen, die zurückbleiben, schnell als weltfremd abgetan, als fanatisch, faul oder wahnsinnig. Aber warum? Aus Angst vor diesem Anderssein? Oder aus Eifersucht, weil diesen Menschen Wohlstand und Macht nichts bedeutet? Und wer sind diese Andersdenkenden, die Missachtung von Nachbarn, Freunden, vielleicht der eigenen Familie in Kauf nehmen, um nach ihren Idealen zu leben?

Der Wirtschaftsjournalist Jan Grossarth wollte es wissen - und ist selber ausgestiegen. Allerdings nur auf Zeit. Für drei Monate hängte er seinen Job in der Redaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" an den Nagel, kündigte seine Krankenversicherung und reiste zu denen, die sich gegen ein bürgerliches Leben entschieden haben. Zu "Menschen, die ein einfaches Leben wagen", wie es im Untertitel seines Buches "Vom Aussteigen & Ankommen" heißt.

Geleitet wurde der Autor dabei von Foucault, der in seinem Werk "Wahnsinn und Gesellschaft" schrieb: "Dass die selbst ernannten Vernünftigen denen nicht mehr ernsthaft zuhören, die sie als verrückt bezeichnen, kann beiden nicht weiterhelfen und der Wahrheit nicht dienen." Und so hört Grossarth denen zu, denen sonst vielleicht keiner zuhören will.

Der selbst ernannte Elf war einmal Programmierer

Dem selbst ernannten Elfen zum Beispiel, der in seinem früheren Leben Programmierer war. Ohne Geld zu leben und das zu essen, was andere wegschmeißen, findet der Elf korrekt. Weil er auf diese Weise die Nachfrage nach konventionellen Lebensmitteln nicht erhöht - und somit auch nicht deren Produktion. Der Elf sagt: "Ich glaube, dass ich kein Suchender mehr bin, sondern schon sehr viel gefunden habe."

Oder dem Waldmensch vom Westerwald. Seit mehr als acht Jahren lebt er allein in einem Bauwagen, duscht nur zwei- oder dreimal im Jahr und will, außer durch die Natur, durch nichts mehr bestimmt werden. "Ich bin Einsteiger", sagt der Waldmensch. "Der, der Fortschritt produziert. Mit minimalem Energieaufwand auskommt. Das ist Zukunft."

Insgesamt hat Grossarth an 13 Orten haltgemacht. In Deutschland, Italien und der Schweiz lässt er sich ein auf immer neue, immer wieder interessante Ideen vom alternativen Leben.

Da ist der ehemalige Richter aus der Schweiz, der teure Kleidung und teures Essen gegen ein karges Leben bei den Jesuiten in Nürnberg getauscht hat. Oder Sabine und Thomas. Als nach der Wende "alle dem Geld hinterherliefen", flohen sie aus Ostberlin auf einen alten Hof und gehören seither einem Tauschring an. Da gibt einer Gemüse, ein anderer hilft bei der Ernte. Da bietet einer Brot, ein anderer Fleisch, wieder andere Reiturlaub, holzgeschnitzte Löffel und Messer, Sprachkurse oder Bauarbeiten. Den Preis der Dinge bestimmen dort nicht Angebot und Nachfrage, sondern die eingesetzte Arbeitszeit. Zwölf Uckertaler haben einen Wert von einer Stunde Arbeit.

Es ist eine wunderbar erkenntnisreiche Reportagereise, auf die Jan Grossarth seine Leser mitnimmt. Voll kluger, kauziger, engstirniger oder wohltuender Stimmen. Einige wird man - wie der Autor - sicher hinterfragen, manche vielleicht auch ablehnen. Doch auch wenn man am Ende des Buches vielleicht nichts findet, für das man seine eigene Lebensform verlassen würde, so bringt es einen doch immer wieder zum Grübeln über diese. Wie Jan Grossarth, der nach seiner Reise feststellt, "dass die bürgerliche Welt genauso verrückt, normal oder vernünftig ist wie die Lebenswelten von Menschen, die Bürger als verrückt bezeichnen".

Interview mit Jan Grossarth

Im Interview spricht der Autor Jan Grossarth über die Motive, über alternative Lebensformen und die Frage, ob Aussteiger glücklicher sind als Normalbürger.

Frage: Herr Grossarth, was treibt Menschen heutzutage dazu, auszusteigen?

Grossarth: Viele Motive dieser Menschen, die ich besucht habe, sind eigentlich keine neuen, sondern welche, die man in den vergangenen 150 Jahren immer wieder beobachten kann. Da ist der Wunsch nach mehr Freiheit und Unabhängigkeit, wie wir ihn von der Hippie-Bewegung kennen. Dann habe ich ein Kloster besucht, das ist ja die Urform des Aussteigens eigentlich. Und dann gibt es Aussteiger, die in die heutige Zeit passen, die typische Motive haben für diese Zeit.

Frage: Welche sind das?

Grossarth: Eine Form, die typisch ist und die auch immer mehr kommt, sind Gemeinschaftsbewegungen. Die entstehen in ganz Europa und nennen sich Ökodörfer. Das Besondere daran ist: Die Menschen dort wollen so nachhaltig leben wie möglich. Mit viel mehr Muskelkraft und mit Sonnenkraft und mit zentral erzeugter Energie. Das ist die eine Seite. Die zweite Seite ist, dass die Leute weg wollen von dieser radikalen Individualisierung, dieser totalen Flexibilität und Mobilität, die wir heute fast als Dogma in den Lebensläufen haben. Sie suchen Formen von Großfamilie. Das ist eigentlich ein freiwilliger Kommunismus, weil die Leute ihr Vermögen da reingeben und sich wieder abhängig machen von kleinen Gemeinschaften.

Frage: Welchen Preis zahlen die Menschen dafür, auszusteigen?

Grossarth: Sie zahlen einen sehr hohen Preis. Nicht nur, dass sie mit weniger leben müssen. Das ist ganz klar der Deal eines Aussteigers. Er verzichtet auf Komfort, Lebensstandard, auf Sicherheit. Aber er verzichtet tatsächlich auf mehr. Er verzichtet auf die Anerkennung der bürgerlichen Gesellschaft. Und er verzichtet oft sogar überhaupt auf Kommunikation mit den Bürgern. Weil diese auf merkwürdige Weise den Aussteiger nicht an sich heranlassen. Das ist wahrscheinlich der größte Verzicht, den ein Aussteiger leisten muss. Er muss damit leben, dass die Leute ihn nicht mehr für voll nehmen. Obwohl er ein sehr konsequenter und ein sehr mutiger Mensch ist.

Frage: Warum ist das so?

Grossarth: Ein Aussteiger ist ein radikaler Wahrheitssucher, der auch radikal nach den Wahrheiten, die er gefunden hat, lebt. Das macht der Bürger nicht. Sein Lebensmodell ist eins, das auf Kompromissen beruht. Deswegen gibt es starke Abwehrreflexe. Der Bürger qualifiziert den Aussteiger oft mit Vorurteilen ab - wie "dieser Spinner" oder so. Damit ist dann alles gesagt, man muss dem Aussteiger nicht mehr zuhören. Und damit ist die Kommunikation unterbrochen.

Frage: Sind Aussteiger die glücklicheren Menschen?

Grossarth: Das Kochrezept, das zum Glück führt, ist Aussteigen sicher nicht. Es ist mit vielen Risiken verbunden und mit Frustration. Doch es ist wahrscheinlich möglich, als Aussteiger glücklicher zu sein. Denn es geht dabei um Selbstbestimmung, dass man tun kann, was man sinnvoll findet. Um das sinnvolle Einbringen der eigenen Talente. Der Aussteiger macht alles selber, vom Garten bis zum Hausbau bis zur Kindererziehung. Man kann sagen, er hat weniger Verantwortung als beispielsweise ein leitender Angestellter, und vieles, was er macht ist auch etwas dilettantisch. Aber andererseits kann man auch sagen: Er ist verantwortlicher, weil er alles im Blick hat, nicht nur seinen Mikrokosmos.

Frage: Was haben Sie für sich von dieser Reise mitgenommen?

Grossarth: Grundsätzlich die Erfahrung, dass man mit sehr sehr wenig leben kann in diesem Land. Und dass das sogar Vorteile hat und gar nicht so schlimm ist. Diese Erfahrung ist geeignet, Ängste für die Zukunft abzuschwächen. Zweitens denke ich, dass meine Toleranz in dieser Zeit unheimlich geschult wurde.

Silke Katenkamp, dpa
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