Freitag, 23. August 2019

Gallianos Schimpf-Tiraden Absturz des Paradiesvogels

John Galliano: Vom Wunderknaben zum Pöbler
Reuters

2. Teil: Kritik der Kollegen

Es ist ein tiefer Fall für den Senkrechtstarter Galliano, der von "Who's Who" in der Liste der "einflussreichsten Designer des 20. Jahrhunderts" geführt wird, bei dem sich aber augenscheinlich die Grenzen zwischen professioneller Provokation und privatem Wahnwitz vermischen. Die Affäre, just zum Auftakt der Prêt-à-Porter-Schauen, erschütterte nicht nur die vornehme Welt des "Tout-Paris", sondern bedrohte vorübergehend die Präsentation des Hauses Dior im Musée Rodin.

Neben den Laufstegen wird allerdings getuschelt, dem Modehaus käme der Vorfall nicht ungelegen - man habe sich schon länger von dem schillernden Galliano trennen wollen. Fans und Freunde des Designers bestreiten diese Version und wollen dessen Gemeinheiten mit Überarbeitung erklären.

Dauerstress gehört gewiss zu einer Branche, in der zwischen London, Paris und Mailand mittlerweile jährlich dutzendfach neue Kollektionen produziert werden - vom Prêt-à-Porter der Textilketten bis zu den unerschwinglichen Modellen der Modehäuser. Doch Pierre Bergé, der langjährige Lebensgefährte des verstorbenen Modeschöpfers Yves-Saint Laurent, tut diese Erklärung als unredliche Ausrede ab.

"Eine Arbeit in der Fabrik, ein Flugzeug zu steuern oder eine Lokomotive zu bedienen, ist sicher schwieriger und anspannender", so Bergé im französischen Radio. "Der Job eines Couturiers ist ein goldener Kreuzweg, man wird gut bezahlt und ist eine Berühmtheit." Mit deutlicher Abneigung gegenüber Galliano sagt Bergé: "Also da kann ich nur lachen, wollen wir doch den armen kleinen Herzchen keine Träne nachweinen, die ein paar Mal pro Jahr eine Kollektion entwerfen."

Und mit einem Seitenhieb auf die Branche, in der sich die Stars vor allem um das eigene Image sorgen, sagt der Szenekenner: "Für die Couturiers, die für sich eine Persönlichkeit erfinden, habe ich nicht viel Respekt." Modeschöpfer, die er gekannt habe, wie Chanel, Dior oder Saint-Laurent, hätten das nie getan. "Sie bedurften weder Handschuhen, Ringen, Pferdeschwanz oder sonst was, um zu existieren", so Bergé, "ihnen genügte einfach nur ihr Talent."

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