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Fotostrecke: Die besten Filme für Manager

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Interview mit Dieter Wedel "Piëch ist ein Citizen Kane unserer Tage"

Wer Filme über die Wirtschaftswelt dreht, hat besonders pingelige Kritiker. Regisseur Dieter Wedel spricht im Interview mit manager magazin über die Aktualität des "Großen Bellheim" und des "Schattenmann" - und erklärt, warum er gern noch einen Film über Ferdinand Piëch drehen würde.
Von Klaus Boldt

mm: Herr Wedel, Sie haben vor 18 Jahren den großen "Bellheim" gedreht. Noch zufrieden mit Ihrer Arbeit?

Wedel: Ja, natürlich. Als kürzlich in Stuttgart um das Bahnhofsprojekt gestritten wurde, da hat man Heiner Geißler, den Schlichter, in Zeitungs- und Fernsehkommentaren als "Bellheim" bezeichnet - ohne, dass erklärt werden musste, woher dieser Name kommt. Mehr kann man sich für einen Film nicht wünschen. Natürlich haben sich inzwischen Erzählrhythmen verändert. Aber die erzählerische Freiheit, die ein Mehrteiler damals bot, war natürlich beträchtlich und bekam besonders den Nebenfiguren gut, die man besser charakterisierten konnte, weil man nicht auf die 89:30 Minuten begrenzt war: Der Film war einfach so lange, wie er sein musste.

mm: Ihr "Bellheim" hat erstaunliche Aktualität gewonnen durch die Pleite von Karstadt - mit dem Unterschied, dass die "Bellheim"- Kaufhäuser in Ihrem Film von ein paar alten Hasen gerettet werden konnten.

Wedel: Damals waren die sogenannten Märkte auf der grünen Wiese aufgekommen, sie machten den traditionellen Kaufhäusern das Leben schwer. Die Situation war also etwas anders als heute. Was aber wahrscheinlich immer noch gilt, ist, was mir bei meinen Recherchen der damalige Kaufhof-Vorstandschef Friedrich Roesch gesagt hatte, der vom einfachen Ladenschwengel zum Warenhaus-Vorstand aufgestiegen war:Wer nie hinterm Ladentisch gestanden habe, der könne auch einen Kaufhauskonzern nicht richtig führen.

mm: Der "Bellheim" war Wirtschaftskrimi und Intrigenspiel, aber auch eine Parabel über das Alter und davon, dass Tatkraft und Mut nicht vom Geburtsjahr abhängen.

Wedel: Das stimmt. Als ich mit dem Drehbuch zwei Jahre vor der Produktion begann, hatte ich im "Spiegel" einen Artikel darüber gelesen, dass man das Rentenalter vorziehen wolle, um Arbeitsplätze zu schaffen. Das war damals ja der Glaube. In derselben Ausgabe, nur ein paar Seiten weiter, stand ein anderer Beitrag, in dem es, glaube ich, um die moderne Medizin und die Möglichkeiten der Kardiologie ging und darum, dass die Lebenserwartung weiter steigen werde. Da habe ich mich natürlich gefragt: Wer soll denn die Renten finanzieren? Und soll das Nicht-mehr-im-Beruf-sein-Dürfen, das Abgeschoben-Sein die längste Strecke im ganzen Leben werden? Das floss alles in den "Bellheim" ein.

mm: Es waren vor allem diese Bezüge zur Gesamtlage, die in Verbindung mit den Marotten und Eigenarten der Protagonisten für Authentizität sorgten.

Wedel: Natürlich. Kaufhof-Chef Roesch hatte mir zum Beispiel erzählt, dass er sich immer darüber gewundert habe, dass in seinen Kaufhäusern so häufig La Paloma gespielt wurde. Erst nach seinem Rücktritt hatte man ihm gebeichtet, dass dieses Lied das Erkennungszeichen war für: Achtung, der Chef ist im Haus.

mm: Diese Szene kommt im "Bellheim" vor.

Wedel: Neben einigen anderen. Der Publizist und Medienmanager Diether Stolze, der ein guter Freund von mir gewesen war, hatte mir beispielsweise berichtet, dass er bei Aufsichtsratssitzungen immer Schachfiguren vor sich aufgestellt habe. Beim "Bellheim" habe ich eben dies den Will Quadflieg tun lassen. Wie Theodor Fontane sagt: Es ist besser zu finden als zu erfinden.

mm: Zuletzt haben Sie mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle die Geschichte eines Wirtschaftsbetrügers verfilmt, hinter dem unschwer der Gernegroß und Knastbruder Jürgen Harksen zu erkennen war. Was macht es künstlerisch so reizvoll, Filme über Wirtschaft zu drehen: Habgier und Hochstapelei?

Wedel: Wissen Sie, ich glaube, dass die Königsdramen von Shakespeare heute in der Welt der Börsen, Banken und Konzernzentralen spielen würden. Letztlich ähnelt ihnen sogar die Martialität der Sprache: Wenn man von Übernahmeschlachten spricht oder dem Kampf um Märkte oder der Eroberung von Marktanteilen. Früher fanden diese Dramen übrigens auch im Western ihren Niederschlag - eine Tatsache, die mich offenbar besonders fasziniert hat: Denn sowohl im "Schattenmann" als auch im "Bellheim" kommt es am Ende zu einem klassischen Showdown, wenn die Gegenspieler sich treffen und den Revolver ziehen. Das war mir übrigens bei der Inszenierung gar nicht bewusst. Ich habe dies erst, mit einiger Verblüffung, in einer wissenschaftlichen Arbeit gelesen, die man über die Filme verfasst hatte.

"Beim Firmenjäger hatte ich wohl einiges vorausgeahnt"

mm: Wer Filme über die Wirtschaftswelt dreht, hat unter seinem Publikum besonders pingelige Kritiker: Manager.

Wedel: Ein Firmenchef hatte mir erzählt, dass er gerade aus dem Hause gehen und den Fernseher ausschalten wollte, als im "Bellheim" plötzlich der Begriff "kapitalersetzendes Darlehen" fiel. Ich hatte - dies nur nebenbei - den "Bellheim" dazu veranlassen wollen, dass er seinem Kaufhaus einen Kredit einräumt, mit dem er seine eigene wirtschaftliche Existenz gefährdet. Meine Informanten hatten mir immer gesagt, dass dies bei einer Aktiengesellschaft aber nicht möglich sei - bis mir schließlich ein Banker den Hinweis gab: Doch, es gehe, und zwar über besagtes kapitalersetzende Darlehen. Ich weiß noch, wie ich es mir unendlich mühsam habe erklären lassen. Was das nun genau ist, habe ich inzwischen auch wieder vergessen. Aber ich hatte den Begriff im Film, und der Firmenchef sagte mir später, dass ihn eben dies dazu veranlasst habe, seinen Mantel wieder auszuziehen, sich hinzusetzen und sich den ganzen "Bellheim" anzusehen mit dem Gefühl: Der Autor weiß Bescheid.

mm: Mit der von Heinz Hoenig gespielten Figur des Karl-Heinz Rottmann hatten Sie einem Millionenpublikum erstmals einen jener skrupellosen Firmenjäger vorgeführt, die man heute als Heuschrecken schmäht. Gab es ein Rollenvorbild in der Wirklichkeit?

Wedel: Da hatte ich wohl nur einiges vorausgeahnt. Der Hintergrund war dieser, dass Kaufhof-Chef Roesch, den ich vorhin schon erwähnt habe, mir erzählt hatte, wie der damalige Chef der Metro - Erwin Conradi hieß der, glaube ich - eines Tages bei ihm im Vorzimmer stand und ihm eröffnete, dass er den Anteil der Commerzbank am Kaufhof übernommen habe und nun über mehr als 25 Prozent am Konzern verfüge. Das war für Roesch so ungefähr die schlimmstmögliche Niederlage: Denn mit der Metro hatte man sich als Handelsherr damals überhaupt nicht abgegeben. Ich bin Erwin Conradi nie begegnet, ich weiß nicht, wie er ist: Aber ich habe mir bei der Figur des Rottmann jemanden wie ihn vorgestellt, einen, der wie ein Haifisch plötzlich zuschnappt.

mm: Selbst Leerverkäufe spielten eine Rolle:"Wir versauen den Kurs, wir knüppeln ihn 'runter", lassen Sie Rottmann in einer Szene sagen. Woher kannten Sie all die schmutzigen Tricks?

Wedel: Das Wissen hatte ich mir hart erarbeitet in vielen Gesprächen mit Unternehmensführern und Managern. Aber es war schon sehr mühsam. Ich erinnere mich an einen Besuch bei Hans Fahning, der damals die Hamburgische Landesbank führte und mir ein paar Dinge erklärt hat. Als ich zu Hause das Band abhörte und anfing, eine Szene zu entwerfen, merkte ich, dass ich es doch nicht begriffen hatte - und dann musste ich wieder zurück, einen neuen Termin machen und es wieder erfragen. Es war schon anspruchsvoll und anstrengend, um eine künstlerisch umsetzbare Vorstellung von Put- und Call-Optionen zu bekommen oder davon, wie man Aktien aufkauft, ohne sie wirklich zu erwerben. Aber die Leute haben mir das wirklich mit ungeheurer Geduld erklärt. Ich erinnere mich noch, dass während des Gesprächs in der Hamburgischen Landesbank plötzlich Kanzler Kohl anrief, und Fahning sagte: Er riefe gleich zurück. Nun, dass der Kanzler warten musste, weil Fahning mir etwas erklären wollte, das hat mich schon beeindruckt.

mm: Fachlektüre half nicht viel bei der Recherche?

Wedel: Mit der reinen, sachlichen Information, das wissen Sie als Journalist ja selbst, ist einem selten gedient. Nein, ich muss den Mann sehen, ich muss dem Mann in die Augen schauen - dann sehe ich auch, wann er schwindelt. Dann sehe ich, wann er etwas verschweigen möchte - zum Beispiel, wenn er darüber spricht, dass eine Bank Kredite an ein Unternehmen gibt und gleichzeitig mit Aktien eben dieses Unternehmens handelt, und wenn er sagt, dass dieses Insiderwissen wegen der sogenannten chinesischen Mauern nicht in die falschen Hände gerät. Aber sind die wirklich so sicher? Was ist, wie ich es gezeigt habe, wenn eine Wertpapier-Beraterin ein Verhältnis mit einem Kollegen aus der Kreditabteilung hat und dadurch an Informationen kommt?

mm: Kein Film hat das Bild des Bankers so geprägt wie "Wall Street" von Oliver Stone, der mit "Geld schläft nicht" jüngst eine Fortsetzung drehte.

Wedel: "Wall Street" ist ein wunderbarer Film! Er beruht ja auf wahren Begebenheiten und hat auch meine Arbeit beeinflusst. Ich hatte damals, wie Stone, auch das Buch "Mr. Diamond" gelesen über den Börsenspekulanten Ivan Boesky, den man Ivan den Schrecklichen nannte und der Insiderinformationen von einem Broker benutzt hatte, der den Codenamen Mister Diamond trug. Aus dem Buch habe ich zum Beispiel den Satz: "Die wertvollste Ware ist die Information." Er taucht auch in "Wall Street" auf, ebenso wie der Satz:"Gier ist gut." Beides sind Zitate von Ivan Boesky. Wer die Wirklichkeit beschreibt, darf sie auch zitieren. Ich weiß noch, als mich der heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, ein besonders netter Mann übrigens, einmal gefragt hat: Können Sie nicht mal einen Film drehen, wo die Banker ein bisschen besser wegkommen? Nun, wenn ich den "Bellheim" jetzt gemacht hätte, dann würden sie wahrscheinlich noch schlechter wegkommen.

"Geschichte über Wirtschaftsverbrechen und Waffenhandel"

mm: Interessieren sich Fernsehsender noch für komplizierte Wirtschaftsstoffe?

Wedel: Daran habe ich meine Zweifel. Der Publikumsgeschmack hat sich sehr geändert. Ich habe in der "FAZ" gerade kürzlich einen Artikel gelesen über die von der Kritik hochgelobte Krimiserie "Im Angesicht des Verbrechens" von Dominik Graf, die beim Publikum nicht so angekommen ist, wie sie es verdient hätte. Andererseits müsste man, um im Theater 1,5 Millionen Zuschauer zu haben, etwa zehn Jahre lang vor ausverkauftem Haus spielen, um so viele Menschen zu erreichen. Aber für die Sender ist das wenig. Ich glaube, dass die Bereitschaft der Zuschauer, sich auf komplizierte Sachverhalte und auf viele Akteure in einem Stück einzulassen, sehr abgenommen hat. Natürlich bin ich der Überzeugung, dass man trotzdem solche Filme machen muss, weil sie wichtig und weil die Millionen, die vor dem Fernseher sitzen, doch immer noch eine unvorstellbar hohe Zahl sind. Doch wenn man unbedingt fünf oder sechs Millionen erreichen will, dann muss man wie beim "Tatort" immer wieder die gleiche Erzählkonstruktion verwenden. Das Publikum will nicht mehr überrascht werden. Wenn die Leute den "Tatort" einschalten, dann wissen Sie: in den ersten fünf Minuten geschieht der Mord, dann geht einer herum und fragt: Wo waren Sie am Mittwochabend? Und am Ende weiß man, wo er am Mittwochabend war.

mm: Böten die Karrieren von Wirtschaftsgrößen wie Josef Ackermann oder Thomas Middelhoff nicht guten Filmstoff?

Wedel: Durchaus. Wobei der eine eine beeindruckende Figur ist und der andere eine eher ärgerliche, der Firmen in den Abgrund geführt und Eigentümer, die ihm vertraut haben, in die Armut getrieben hat. Aber so eine ähnliche Geschichte habe ich ja schon gedreht. Oder finden Sie, dass so ein Riesenunterschied ist zwischen einem wie Middelhoff und dem Dieter Glanz in meiner Hochstaplergeschichte? Aber natürlich würde mich noch viel mehr so eine überlebensgroße Figur wie Ferdinand Piëch interessieren. So lange ich lebe, verfolge ich, wie Piëch am Ende alle Gefechte gewinnt, zuletzt gegen Wiedeking. Dabei hat ihm vielleicht die Wirtschaftskrise etwas geholfen - aber egal wie: Er hat immer gewonnen. In seinem strategischen Geschick und seiner Weitsicht ähnelt er einem großen Feldherrn wie Napoleon. Ein Citizen Kane unserer Tage.

mm: Garniert mit den Pikanterien der VW-Affäre wäre das großes Kino.

Wedel: Ich habe Berge von Material dazu. Piëch Sicherheitschef - der übrigens mein Berater beim "Schattenmann" gewesen war, als er noch die Abteilung Organisierte Kriminalität in Hamburg geleitet hatte - erzählte mir faszinierende Geschichten: Immer geprägt von unglaublichem Respekt und großer Bewunderung für Piëch. Aber in einem Spielfilm kann man die Automarke nicht einfach "VW" nennen. Dann stünde ich vermutlich mit beiden Beinen sofort in Bergen von Einstweiligen Verfügungen. Und ich weiß nicht, wie man ein Synonym für "VW" finden soll.

mm: Verlegen Sie den Stoff in eine andere Branche.

Wedel: Das wäre vielleicht möglich. Denn man kann keine Automarke erfinden, ohne dass dies albern wirkte.

mm: Wirtschaftsthemen haben es Ihnen immer noch angetan?

Wedel: Ich sitze an einer Geschichte über Wirtschaftsverbrechen, auch über Waffenhandel. Vor allem aber interessiere ich mich für Biopiraterie ...

mm: Den Schmuggel genetischer Ressourcen vor allem aus Schwellenländern.

Wedel: Das ist ein unglaublich spannendes Thema. Es geht da um Leute, die im Auftrag von Pharmaunternehmen verschiedene Pflanzen etwa aus dem Kongo beschaffen, weil aus denen neue Medikamente zu gewinnen sind. Diese Pflanzen stellen so etwas dar wie unersetzbare Bodenschätze. Aber es ist ein gefährliches Geschäft: Auf die illegale Ausfuhr steht die Todesstrafe, und das, obwohl der Kongo selbst diese Ressourcen nicht nutzen kann, weil es dort keine Möglichkeiten gibt, die Wirkung dieser Pflanzen zu erforschen.

mm: Werden sie produziert?

Wedel: Um das zu beantworten, muss ich erst noch ein bisschen recherchieren und ein paar Geschichten entwickeln. Dann sehen wir weiter. Die Vorstellung meiner Auftraggeber ist, dass ich so etwas Ähnliches entwickle für die Gegenwart wie das Anfang der 80er Jahre Dieter Meichsner bei "Schwarz Rot Gold" mit Uwe Friedrichsen als Zollbeamter Zaluskowski gemacht hat. Bei den ersten drei "Schwarz- Rot- Gold"-Filmen habe ich Regie geführt.

Großes Kino: Filme für Manager

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