Montag, 14. Oktober 2019

Interview mit Dieter Wedel "Piëch ist ein Citizen Kane unserer Tage"

Fotostrecke: Die besten Filme für Manager
Corbis

2. Teil: "Beim Firmenjäger hatte ich wohl einiges vorausgeahnt"

mm: Wer Filme über die Wirtschaftswelt dreht, hat unter seinem Publikum besonders pingelige Kritiker: Manager.

Wedel: Ein Firmenchef hatte mir erzählt, dass er gerade aus dem Hause gehen und den Fernseher ausschalten wollte, als im "Bellheim" plötzlich der Begriff "kapitalersetzendes Darlehen" fiel. Ich hatte - dies nur nebenbei - den "Bellheim" dazu veranlassen wollen, dass er seinem Kaufhaus einen Kredit einräumt, mit dem er seine eigene wirtschaftliche Existenz gefährdet. Meine Informanten hatten mir immer gesagt, dass dies bei einer Aktiengesellschaft aber nicht möglich sei - bis mir schließlich ein Banker den Hinweis gab: Doch, es gehe, und zwar über besagtes kapitalersetzende Darlehen. Ich weiß noch, wie ich es mir unendlich mühsam habe erklären lassen. Was das nun genau ist, habe ich inzwischen auch wieder vergessen. Aber ich hatte den Begriff im Film, und der Firmenchef sagte mir später, dass ihn eben dies dazu veranlasst habe, seinen Mantel wieder auszuziehen, sich hinzusetzen und sich den ganzen "Bellheim" anzusehen mit dem Gefühl: Der Autor weiß Bescheid.

mm: Mit der von Heinz Hoenig gespielten Figur des Karl-Heinz Rottmann hatten Sie einem Millionenpublikum erstmals einen jener skrupellosen Firmenjäger vorgeführt, die man heute als Heuschrecken schmäht. Gab es ein Rollenvorbild in der Wirklichkeit?

Wedel: Da hatte ich wohl nur einiges vorausgeahnt. Der Hintergrund war dieser, dass Kaufhof-Chef Roesch, den ich vorhin schon erwähnt habe, mir erzählt hatte, wie der damalige Chef der Metro - Erwin Conradi hieß der, glaube ich - eines Tages bei ihm im Vorzimmer stand und ihm eröffnete, dass er den Anteil der Commerzbank am Kaufhof übernommen habe und nun über mehr als 25 Prozent am Konzern verfüge. Das war für Roesch so ungefähr die schlimmstmögliche Niederlage: Denn mit der Metro hatte man sich als Handelsherr damals überhaupt nicht abgegeben. Ich bin Erwin Conradi nie begegnet, ich weiß nicht, wie er ist: Aber ich habe mir bei der Figur des Rottmann jemanden wie ihn vorgestellt, einen, der wie ein Haifisch plötzlich zuschnappt.

mm: Selbst Leerverkäufe spielten eine Rolle:"Wir versauen den Kurs, wir knüppeln ihn 'runter", lassen Sie Rottmann in einer Szene sagen. Woher kannten Sie all die schmutzigen Tricks?

Wedel: Das Wissen hatte ich mir hart erarbeitet in vielen Gesprächen mit Unternehmensführern und Managern. Aber es war schon sehr mühsam. Ich erinnere mich an einen Besuch bei Hans Fahning, der damals die Hamburgische Landesbank führte und mir ein paar Dinge erklärt hat. Als ich zu Hause das Band abhörte und anfing, eine Szene zu entwerfen, merkte ich, dass ich es doch nicht begriffen hatte - und dann musste ich wieder zurück, einen neuen Termin machen und es wieder erfragen. Es war schon anspruchsvoll und anstrengend, um eine künstlerisch umsetzbare Vorstellung von Put- und Call-Optionen zu bekommen oder davon, wie man Aktien aufkauft, ohne sie wirklich zu erwerben. Aber die Leute haben mir das wirklich mit ungeheurer Geduld erklärt. Ich erinnere mich noch, dass während des Gesprächs in der Hamburgischen Landesbank plötzlich Kanzler Kohl anrief, und Fahning sagte: Er riefe gleich zurück. Nun, dass der Kanzler warten musste, weil Fahning mir etwas erklären wollte, das hat mich schon beeindruckt.

mm: Fachlektüre half nicht viel bei der Recherche?

Wedel: Mit der reinen, sachlichen Information, das wissen Sie als Journalist ja selbst, ist einem selten gedient. Nein, ich muss den Mann sehen, ich muss dem Mann in die Augen schauen - dann sehe ich auch, wann er schwindelt. Dann sehe ich, wann er etwas verschweigen möchte - zum Beispiel, wenn er darüber spricht, dass eine Bank Kredite an ein Unternehmen gibt und gleichzeitig mit Aktien eben dieses Unternehmens handelt, und wenn er sagt, dass dieses Insiderwissen wegen der sogenannten chinesischen Mauern nicht in die falschen Hände gerät. Aber sind die wirklich so sicher? Was ist, wie ich es gezeigt habe, wenn eine Wertpapier-Beraterin ein Verhältnis mit einem Kollegen aus der Kreditabteilung hat und dadurch an Informationen kommt?

mm: Kein Film hat das Bild des Bankers so geprägt wie "Wall Street" von Oliver Stone, der mit "Geld schläft nicht" jüngst eine Fortsetzung drehte.

Wedel: "Wall Street" ist ein wunderbarer Film! Er beruht ja auf wahren Begebenheiten und hat auch meine Arbeit beeinflusst. Ich hatte damals, wie Stone, auch das Buch "Mr. Diamond" gelesen über den Börsenspekulanten Ivan Boesky, den man Ivan den Schrecklichen nannte und der Insiderinformationen von einem Broker benutzt hatte, der den Codenamen Mister Diamond trug. Aus dem Buch habe ich zum Beispiel den Satz: "Die wertvollste Ware ist die Information." Er taucht auch in "Wall Street" auf, ebenso wie der Satz:"Gier ist gut." Beides sind Zitate von Ivan Boesky. Wer die Wirklichkeit beschreibt, darf sie auch zitieren. Ich weiß noch, als mich der heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, ein besonders netter Mann übrigens, einmal gefragt hat: Können Sie nicht mal einen Film drehen, wo die Banker ein bisschen besser wegkommen? Nun, wenn ich den "Bellheim" jetzt gemacht hätte, dann würden sie wahrscheinlich noch schlechter wegkommen.

Seite 2 von 3

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung