Wankender Immobilienriese Insolvenzantrag gegen Evergrande "in spätestens zwei Wochen"

Anleihegläubiger des chinesischen Immobilienriesen werden von ihrem Investment wohl kaum etwas wiedersehen, schätzt der Kreditanalyst und Evergrande-Gläuiger Marco Metzler. In Kürze werde er Insolvenzantrag gegen Evergrande einreichen - und spricht bereits von "Insolvenzverschleppung".
"Missmanagement und halsbrecherische Expansion" wirft Chinas Zentralbank dem Immobilienriesen Evergrande vor. Ob es sich um einen "Einzelfall" in Chinas Immobilienwirtschaft handelt, wollen Anleger nicht recht glauben

"Missmanagement und halsbrecherische Expansion" wirft Chinas Zentralbank dem Immobilienriesen Evergrande vor. Ob es sich um einen "Einzelfall" in Chinas Immobilienwirtschaft handelt, wollen Anleger nicht recht glauben

Foto: via www.imago-images.de / imago images/Kyodo News

Staatliche Emissäre aus Peking sind bereits in die Führungsetage des mit 300 Milliarden Dollar verschuldeten Konzerns Evergrande eingezogen - wohl um das Schlimmste zu verhindern. Eine unkontrollierte Insolvenz des Immobilienriesen könnte einen Flächenbrand auf dem chinesischen Immobilienmarkt auslösen - dies will Peking durch eine rechtzeitige Restrukturierung der Schulden des Unternehmens unbedingt verhindern. Der ehemalige Fitch-Ratings-Analyst Marco Metzler hat bereits vor Wochen im Interview mit manager magazin vor einem Zahlungsausfall von Evergrande gewarnt. Er hat angekündigt, für die deutsche DMSA und die Liechtensteiner Financial Market Partners Capital Consulting AG (FMPC) als öffentlicher Anleihegläubiger Insolvenzantrag gegen das chinesische Unternehmen zu stellen.

Der Insolvenzantrag ist vorbereitet, ein möglicher Insolvenzverwalter auf den Cayman Islands ist jetzt gefunden. Dort ist die Evergrande-Holding registriert. Fünf Tage weilte Metzler in George Town, der Hauptstdt der Inselgruppe, um letzte Details zu regeln. Jetzt setzt die Deutsche Marktscreening Agentur (DMSA) auf mögliche Mitstreiter, die sich dem Verfahren anschließen, bevor der Verwalter den Antrag bei Gericht einreicht. "Um das Kostenrisiko zu senken", wie Metzler im Gespräch mit manager magazin begründet. Auch wenn sich keine weiteren Investoren finden, die von Zahlungsausfällen betroffen sind, werde der Insolvenzantrag aber "spätestens in zwei Wochen" bei Gericht gestellt, versichert der Kreditanalyst.

Dass der Antrag angenommen und das Insolvenzverfahren dann auch eingeleitet wird, davon ist Metzler überzeugt. "Die Insolvenzverschleppung ist bereits eingetreten und wir haben gute Anwälte mit viel Erfahrung in derlei Verfahren auf den Cayman Islands", sagt Metzler, der zugleich Verwaltungsratsvorsitzender der FMPC ist.

Der Fall Luckin Coffee als Blaupause?

Als mögliche Blaupause für das weitere Vorgehen bei Evergrande sieht DMSA-Geschäftsführer Michael Ewy das Insolvenzverfahren um den ehemaligen chinesischen Starbucks-Herausforderer Luckin Coffee , der im Februar dieses Jahres Konkurs angemeldet hatte. Auch Luckin ist auf den Cayman Islands registriert. Das ermöglicht den Zugang zu dem dort gesetzlich vorgesehenen Restrukturierungsverfahren. Die vorläufigen Insolvenzverwalter von Luckin hätten mitgeteilt, dass eine Umstrukturierungsvereinbarung mit Anleihegläubigern bestehe. „Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass Evergrande nicht in der Lage sein wird, den gleichen Weg zu gehen“, sagt Metzler.

Nachdem bis vergangenen Dienstag laut Bloomberg zwei Inhaber von US-Dollar-Anleihen der Evergrande-Tochter Scenery Journey nach Ablauf der 30-tägigen Nachfrist keine Zinszahlungen erhalten hätten, erklärten Analysten der Ratingagentur S&P, eine Zahlungsunfähigkeit von Evergrande erscheine "unvermeidlich". Evergrande selbst hatte am vergangenen Freitag in einer Mitteilung an die Börse Hongkong – der Heimatbörse der Holding – erstmals offiziell eingeräumt, es gebe keine Garantie dafür, dass die Gruppe über ausreichende Mittel verfüge, um ihren finanziellen Verpflichtungen weiterhin nachzukommen. Daraufhin hat nun auch der Kreditwächter Fitch das Rating für Evergrande auf "teilweisen Zahlungsausfall" gesenkt.

Nach Ansicht von Metzler stellen die offizielle Erklärung des Konzern vom vergangenen Freitag sowie der endgültige Ausfall der Zinszahlung am 6. Dezember für die Anleihe der Evergrande-Tochter gleich zwei Ausfallereignisse für alle 23 ausstehenden internationalen Anleihen des Evergrande-Konglomerats dar. Diese internationalen Anleihen haben einen Nominalwert von 23,7 Milliarden US-Dollar. „Fast alles davon wird verloren sein“, befürchtet Metzler.

"Um zu retten, was zu retten ist"

Angesichts dieser Einschätzung stellt sich die Frage, warum DMSA und FMPC, die am 1. November dieses Jahres 200 Evergrande-Anleihen für 50.000 Dollar kauften, mit dem angestrebten Insolvenzverfahren ein weiteres, mindestens ebenso hohes Kostenrisiko eingeht. Andere Evergrande-Gläubiger, die deutlich mehr Geld im Feuer haben, schrecken vor diesem Schritt offenbar zurück. Der Antrag werde gestellt, "um für die FMPC und andere internationale Gläubiger zu retten, was zu retten ist", sagt DMSA-Geschäftsführer Ewy.

Das mag altruistisch klingen, soll es aber nicht sein. Denn Metzler und seinem Team geht es "um das Prinzip und um Transparenz", wie er sagt. Große Unternehmen dürften nicht einfach Unmengen an Schulden anhäufen und diese dann im nächsten Moment nicht zurückzahlen. Zugleich würden sich Clearstream und die Citibank als Zahlstellen der Anleihen in diesem Prozess "völlig intransparent" verhalten, kritisiert Metzler. Eine offizielle Anfrage der FMPC bei beiden Stellen sei bislang nicht beantwortet worden.

Zum Hintergrund: Die DMSA ist laut eigenen Angaben ein unabhängiger Datendienst, der Informationen zu Unternehmen, Produkten und Dienstleistungen sammelt und bewertet. Sie verdient ihr Geld mit Marktstudien. Das Research-Haus hat mit der Familie Metzler denselben Eigentümer wie die FMPC Consulting AG. Die DMSA arbeitet bei Bedarf der FMPC zu. Letztere wiederum ist ein private Investment- und Beratungsfirma mit Sitz in Liechtenstein. Die FMPC Consulting AG investiert als Single Family Office ausschließlich eigene Mittel ihres Eigentümers, der Familie Metzler.

Evergrande steckt bereits seit Monaten in einer tiefen Krise und gilt als das weltweit am höchsten verschuldete Immobilienunternehmen. Mehr als zwei Drittel der Verbindlichkeiten von Evergrande werden laut Metzler von anderen Not leidenden Immobilienentwicklern und Unternehmen innerhalb der Lieferkette geschuldet. Eine Pleite von Evergrande könnte die Zahlungsunfähigkeit seiner direkten und indirekten Zulieferer verursachen und damit den befürchteten Flächenbrand lostreten.

Auch viele andere chinesische Immobilienunternehmen sind hoch verschuldet. Eine ganze Reihe von ihnen hat ebenfalls davor gewarnt, dass sie die Bezahlung ihrer Schulden nicht garantieren könnten. Allein die Auslandsschulden der chinesischen Immobilienentwickler betragen laut Goldman Sachs rund 197 Milliarden US-Dollar. Der überhitzte chinesische Immobiliensektor stand zuletzt für bis zu 30 Prozent der Wirtschaftsleistung Chinas.

rei