IAA Zwischen Tradition und Trend

Wer in diesem Jahr über die IAA schlendert, könnte so manches Déjà-vu-Erlebnis haben. Denn vom Mercedes SLS und dem Fiat 500 Cabrio bis hin zum Rolls-Royce Ghost oder dem neuen Melkus erinnern viele Neuheiten an alte Legenden - die allerdings dem Zeitgeist und den neuen Anforderungen angepasst wurden.

Limburg/Pforzheim - "Von klassischem Retrodesign würde ich dabei allerdings nicht sprechen", sagt Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics in Limburg, der diese Autos eher in die Rubrik Kult als Kopie sortieren würde. Allerdings sei die Experimentierfreude in Zeiten wie diesen sicher eingeschränkt: "Wer da auf bewährte Rezepte setzt, hat das geringere Risiko, kommt schneller zu einem Ergebnis und spart obendrein noch viel Geld in der Entwicklung und der Kundenforschung."

Diesem Rat folgen auf der IAA offenbar viele Hersteller: Der neue Supersportwagen SLS der sportlichen Mercedes-Tochter AMG erinnert ganz bewusst an den legendären 300 SL aus den 50er Jahren, wenngleich AMG-Chef Volker Mornhinweg angeblich nie ein Retroauto im Sinn hatte. Selbst auf die Flügeltüren seien die Entwickler erst im Lauf ihrer Arbeit gekommen, sagt der Ziehvater des neuen Silberpfeils.

Bentley und Rolls-Royce mühen sich mit ihren neuen Modellen Mulsanne und Ghost um einen Kompromiss zwischen Tradition und Trend und haben deshalb die alten Formen im Windkanal ein wenig effizienter gestaltet. Porsche bringt eine auf 250 Exemplare limitierte Sonderserie des 911 als "Sport Classic" mit dem Entenbürzel des Carrera RS 2.7 aus dem Modelljahr 1973 und verdoppelt dafür mal eben den Preis. Und Fiat feiert mit dem Cabrio des neuen 500ers vollends die Rückkehr der Legende. Schließlich wurde das Original von 1957 ausschließlich mit einem Rolldach ausgeliefert.

Auch Minidesigner Gert Hildebrand hat in den Geschichtsbüchern geblättert, als er sich Anregungen für neue Varianten des Kleinwagens geholt und die Studien von Coupé und Roadster vorbereitet hat. Von Retro will er dabei allerdings nichts wissen: "Wir holen jetzt nur peu à peu die Entwicklung nach, die Mini die ersten 40 Jahre ausgelassen hat", rechtfertigt er den Blick zurück. "Schließlich wären wir nach normalen Maßstäben jetzt bei der sechsten oder siebten statt der dritten Generation."

Mehr als reines Retro

Dieselbe Lücke musste der Designprofessor Lutz Fügener füllen, als er für die Sportwagenschmiede Melkus aus Dresden die Neuauflage des einzigen DDR-Sportwagens entwarf. "Ohne ein paar Parallelen zum Original hätten wir diese Idee nicht transportieren können", sagt der Professor an der Fachhochschule Pforzheim.

Dass sich die Formgeber gegen den Begriff Retrodesign sperren, hat einen einfachen Grund: "In der Regel führen reine Retroautos in eine Sackgasse", sagt Fügener. Denn ganz egal, wie erfolgreich eine Klassikerkopie im ersten Anlauf auch ist, es sei fast nicht möglich, so ein Fahrzeug in einem kontinuierlichen Prozess weiterzuentwickeln.

Nicht umsonst lassen die Nachfolger für die Retroautos der ersten Welle wie den VW Beetle oder den Chrysler PT Cruiser noch immer auf sich warten. Die Weiterentwicklung eines Designs, das sich zum Beispiel auf die 70er bezieht, lande irgendwann zwangsläufig in den 80ern oder 90ern. "Aber die Autos aus dieser Zeit stehen im Moment bei den Gebrauchtwagenhändlern und sind mithin alles andere als hip."

Dass man beim Messerundgang in Frankfurt trotzdem viele vertraute Formen finden wird, hält Fügener für ganz normal: "Die Kollegen entwickeln ihre Designsprache kontinuierlich weiter und bedienen sich dabei natürlich der bewährten Elemente ihrer aktuellen Modelle." Nur sei das vielen Beobachtern in Zeiten wie diesen zu wenig: "Sie erwarten von den Designern ähnlich große und gewagte Schritte, wie sie die Techniker beim Sprung zu Hybrid- oder Elektroantrieb machen."

An der Kreativität dafür mangele es den Stylisten sicher nicht, glaubt Fügener. Nicht umsonst haben Studien wie die "Vision Efficient Dynamics" von BMW so gar nichts, was an die Vergangenheit erinnert. Doch bei den Serienfahrzeugen fehle nicht nur den Herstellern meist der Mut zu solchen Designsprüngen. Auch die Käufer ziehen da nicht mit: "Springt man zu weit in die Zukunft, ist die Kontinuität verschwunden und mit ihr die Stammkundschaft."

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