Herbstgutachten Corona trifft deutsche Wirtschaft 2020 härter als gedacht

Es kommt nicht so schlimm wie in der Finanzkrise, doch senken die führenden Ökonomen im Herbstgutachten ihre Prognose für die deutsche Wirtschaft für 2020 und 2021. Eine gute Nachricht haben sie trotzdem parat.
Die deutsche Wirtschaft wird sich von der Corona-Krise wohl langsamer erholen als zunächst angenommen

Die deutsche Wirtschaft wird sich von der Corona-Krise wohl langsamer erholen als zunächst angenommen

Foto: Stephan Wallocha/ imago images

Die Deutsche Wirtschaft bricht in diesem Jahr wegen der Coronavirus-Pandemie stärker ein als noch im Frühjahr erwartet. In ihrem am Mittwoch veröffentlichten Herbstgutachten senkten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um mehr als einen Prozentpunkt auf minus 5,4 Prozent. Im Frühjahr waren sie noch von einem Minus von 4,2 ausgegangen. Während der Finanzkrise 2009 war die Wirtschaft um 5,7 Prozent eingebrochen.

Für das nächste Jahr rechnen die Forscher nun mit einem Zuwachs von 4,7 Prozent, zuvor hatten sie ein Plus von 5,8 Prozent für 2021 vorausgesagt.

"Ein Gutteil des Einbruchs aus dem Frühjahr ist zwar schon aufgeholt, aber der verbleibende Aufholprozess stellt die mühsamere Wegstrecke zurück zur Normalität dar", sagte Stefan Kooths (51) Konjunkturchef des IfW Kiel.

Für 2022 erwarten die Forscher einen BIP-Anstieg von 2,7 Prozent. "Erst Ende 2022 dürfte die deutsche Wirtschaft wieder normal ausgelastet sein." Gebremst werde die Erholung durch Branchen, die in besonderem Maße auf soziale Kontakte angewiesen seien - etwa Gaststätten und Tourismus, das Veranstaltungsgewerbe oder der Luftverkehr. "Dieser Teil der deutschen Wirtschaft wird noch längere Zeit unter der Corona-Pandemie leiden", sagte Kooths. Eine Belebung werde es hier erst geben, "wenn Maßnahmen zum Infektionsschutz weitgehend entfallen, womit wir erst im nächsten Sommerhalbjahr rechnen".

Forscher sehen keine neue Finanzkrise aufziehen

Doch trotz der Risiken für das Bankensystem durch die Corona-Krise sehen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute keine neue Finanzkrise heraufziehen. Für die kommenden Monate seien zwar merklich steigende Insolvenzzahlen zu erwarten, schreiben die Institute. Doch angesichts der guten Kapitalausstattung vor der Krise und der ergriffenen Maßnahmen zur Überwachung der Stabilität des Finanzsystems sei davon auszugehen, dass eine Finanzkrise verhindert werden könne. Die Forscher erwarten zudem, dass die Kreditvergabe "nicht übermäßig" beeinträchtigt wird.

Die Institute verweisen darauf, dass wegen der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bislang in den Statistiken kein Anstieg der Pleiten in Deutschland zu erkennen sei. Doch insbesondere viele kleinere Firmen, die aufgrund der Aufhebung der Antragspflicht noch keine Insolvenz angemeldet hätten, dürften nach Ansicht der Institute in der näheren Zukunft zur Aufgabe gezwungen sein: "Auch das dabei im Feuer stehende Forderungsvolumen wird wohl noch merklich steigen", so das Fazit der Forscher.

Die Bundesbank hatte jüngst gewarnt, die Geldinstitute müssten sich auf eine Welle von Unternehmensinsolvenzen und steigende Kreditausfälle einstellen. Im gesamten Unternehmenssektor könnten die Insolvenzen im ersten Quartal 2021 demnach auf über 6000 steigen. Das wäre ein Anstieg um mehr als 35 Prozent, aber weniger als in der globalen Finanzkrise als etwa 8000 Unternehmen pro Quartal pleitegingen. Dieses Szenario ist laut Bundesbank für die Kreditinstitute verkraftbar, doch auch ein deutlich stärkerer Anstieg der Insolvenzen sei nicht ausgeschlossen. 

rei/Reuters/afp