Heiner Thorborg

Unternehmenskultur bei Volkswagen VW braucht einen neuen Chef

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Deutschlands größter Autobauer wird schlecht geführt. Findet in Wolfsburg weiterhin keine belastbare Corporate Governance statt, geht das Märchen vom glorreichen E-Auto-Boss böse aus.
Herbert Diess: Statt die Chipkrise zu lösen, provoziert der VW-Chef Mitarbeiter und Betriebsrat

Herbert Diess: Statt die Chipkrise zu lösen, provoziert der VW-Chef Mitarbeiter und Betriebsrat

Foto: Ronald Wittek / EPA-EFE / REX

Der Kulturkampf bei VW hat einen langen Vorlauf: Das VW-Stammwerk in Wolfsburg ist schlecht ausgelastet, der Absatz im zweiten Halbjahr ist eingebrochen, die Massenmodelle VW, Skoda und Seat haben im dritten Quartal einen Verlust eingefahren. VW-Chef Diess findet keine Antwort auf die Chipkrise, die Mitarbeiter sind verunsichert. Und dann stellt Topmanager Diess wenige Tage vor einer Betriebsversammlung in Wolfsburg den Abbau von 30.000 Stellen in den Raum: Die Chefin des Betriebsrats, Daniela Cavallo, verliert die Geduld. Sie beordert den Chef von einer geplanten US-Reise zurück und spricht Diess und seinem zubeißenden Managementstil das Misstrauen aus.

Diess kontert mit lautem Geheul: Zu langsam sei man in Wolfsburg. VW drohe vom Konkurrenten Tesla abgehängt zu werden. Vor lauter Bewunderung für Tesla-Chef Elon Musk hat Diess glatt vergessen, sich selbst rechtzeitig um strategisches Halbleitermanagement zu kümmern. Und nun bringt er durch wiederholte Provokationen auch noch den Betriebsrat und die VW-Mitarbeiter gegen sich auf.

Wie kann es sein, dass diese Geschichte für Diess nicht böse ausgeht? Betriebsratschefin Daniela Cavallo kann toben, solange sie mag. Sie und die anderen Kritiker haben im Aufsichtsrat keine Mehrheit, um den CEO abzulösen. Sie bräuchten die Zustimmung der Familien Porsche und Piëch.

Dabei müsse die Entscheidung über Diess bald fallen, heißt es im Umfeld des Unternehmens, da der Aufsichtsrat sonst nicht wie geplant am 9. Dezember 2021 über die Berufung neuer Vorstände sowie den Investitionsplan für den gesamten Konzern abstimmen könne. Solange an der Spitze Chaos herrsche, mangele es auch allen anderen Entscheidungen an Glaubwürdigkeit.

Lauter Unappetitlichkeiten

Das ist die Untertreibung des Jahres. Ist doch die Causa Diess nur eine in einer langen Reihe von Unappetitlichkeiten, die deutlich machen, wie unfassbar schlecht geführt und kontrolliert VW ist. Wir erinnern uns an die López-Affäre, den Lustreisenskandel, die Dieselaffäre, den Machtkampf Ferdinand Piëchs gegen Wendelin Wiedeking und später gegen Martin Winterkorn.

Um dies zu ändern, bräuchte es andere Aufsichtsräte auf der Kapitalseite. Doch die Mehrheit der Stimmrechte halten die Familien Porsche und Piëch gemeinsam mit dem Land Niedersachsen. Ohne unabhängige Kontrolleure jedoch wird es in Wolfsburg nie eine verlässliche Corporate Governance geben.

Was muss noch passieren, damit sich in Wolfsburg etwas bewegt?

Die Mitarbeiter haben bereits formuliert, dass sie ihren Chefs zutiefst misstrauen. Will VW in der sich dramatisch wandelnden Autoindustrie eine gute Zukunft haben, muss der Konzern seine wichtigsten Stakeholder wieder hinter sich bringen: die Mitarbeiter. Passiert das nicht, werden nämlich auch die Investoren, die gerade wieder begonnen hatten, an VW zu glauben, erneut das Weite suchen. Gute Unternehmensführung im Sinne von ESG wird immer wichtiger. Das G steht dabei für Governance. Findet die in Wolfsburg weiterhin nicht statt, geht das Märchen böse aus. Mit Diess oder ohne ihn.

Anmerkung der Redaktion: Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.