Spezialbrille soll Achterbahnfahren verändern Kopfkino über dem Abgrund

Mit einer Spezialbrille sollen Fahrgäste von Achterbahnen selbst auswählen, durch welche Traumwelt sie rasen. Das Modell ließe sich dann auch auf andere Lebenssituationen anwenden, sagen die Entwickler.
Von Judith Hoppermann
Entwickler und Führungskräfte sitzen in einer Achterbahn und tragen Virtual-Reality-Brillen von Oculus. In den VR-Brillen können in Zukunft neue virtuelle Welten erschaffen werden. Der Brillenträger fährt dann live in der Achterbahn, bekommt aber neue virtuelle Welten visuell eingespielt.

Entwickler und Führungskräfte sitzen in einer Achterbahn und tragen Virtual-Reality-Brillen von Oculus. In den VR-Brillen können in Zukunft neue virtuelle Welten erschaffen werden. Der Brillenträger fährt dann live in der Achterbahn, bekommt aber neue virtuelle Welten visuell eingespielt.

Foto: TMN

Plötzlich gibt es einen Ruck. Die Schienen enden, der Wagen schießt zwischen Steinzacken und Bergwerksgeröll hindurch und stürzt in den feurigen Abgrund. In rasender Geschwindigkeit rutschen die Passagiere auf eine Kluft zu - und landen auf dem Rücken eines lila Drachen. Zumindest sieht es für die Gäste einer Achterbahn im Europa-Park in Rust bei Freiburg so aus. Mithilfe von Spezialbrillen, sogenannten Virtual-Reality-Brillen (VR-Brillen), sollen Besucher eines Tages wählen können, ob sie durch Asteroidenfelder im Weltraum, Meereswelten oder die Wüste rauschen.

Skurril wirkt es, wenn Besucher mit großen, futuristisch anmutenden Brillen auf den Augen in den ersten Reihen sitzen und staunend die Köpfe bewegen. Sie können sich in der virtuellen Welt umschauen und sogar umdrehen. In dieser Form sei das eine Weltneuheit, sagen die Entwickler. "Achterbahn fahren konnte man mit den VR-Brillen schon länger", sagt Initiator Thomas Wagner. Der Haken: "Die Leute saßen mit ihrer Brille in ihrer Wohnung, vielen ist schlecht geworden, weil die tatsächliche Bewegung - nämlich keine - mit der auf dem Bild nicht übereingestimmt hat." Dann wollte der Spieleentwickler die Brille auf einer echten Achterbahn testen.

"Eigentlich ist eine solche Brille nichts weiter als ein normaler Monitor", sagt VR-Forscher Maic Masuch von der Universität Duisburg-Essen. Bei einer VR-Brille habe der Träger keine Außenwahrnehmung und glaube, er sei wirklich physisch im Film. "Das täuscht das Bewusstsein", sagt er. Schon in den 1960er Jahren habe es solche Brillen gegeben. Aber erst jetzt werden sie massentauglich."

Masuch versucht herauszufinden, wie man die sogenannte Cyber-Sickness - ähnlich wie Reiseübelkeit -, die oft bei solchen Anwendungen auftritt, vermeiden kann und wie man sich in solchen Welten bewegt. Er geht davon aus, dass die Brille vor allem von der Unterhaltungsindustrie genutzt wird - "für Spiele, aber auch für die Pornoindustrie könnte die Technologie interessant sein", sagt er.

Fabrikenbauer und Touristikanbieter bekommen leuchtende Augen

Die Tourismus-Branche hat ebenfalls großes Interesse. Turkish Airlines hat für die Brille eine Anwendung entwickelt, mit der Reisende aus der Ferne eine Lounge im Istanbuler Flughafen erkunden können. Die Brillen könnten einmal auch zur lebensnahen Auswahl des passenden Reiseziels dienen, sagt Erdem Uen von der Fluggesellschaft. In nicht allzu ferner Zukunft werde es für Kunden etwa normal sein, vorab ihr Wunschhotel anzuschauen. Eine schwäbische Firma will sogar noch einen Schritt weiter gehen und ganze Fabriken so vor dem Bau besichtigen lassen.

Spieleentwickler Wagner träumt davon, Bewegungen und Spiele zu verbinden. "Zum Beispiel Felsbrocken abschießen während der Fahrt", sagt er. Damit sollen aber nicht die großen Achterbahnen abgelöst werden. "Der Kick reicht immer noch", sagt Christian von Elverfeldt vom Achterbahnhersteller Mack Rides. Es gehe aber auch darum, Geschichten mit einer gewissen Dramaturgie zu erzählen.

Mit dem Achterbahnhersteller habe man die Bahn digital nach alten Plänen nachmodelliert, sagt Wagner. "Wir fahren die Bahn aber nicht eins zu eins nach, sondern nutzen die vorhandenen Bewegungen und verstärken sie." So gebe es einen Looping - aber nur für Fahrgäste mit Brille.

Mittlerweile ist aus dem Experiment, das vor einem Jahr startete, eine Geschäftsidee geworden. Auf drei Kontinenten sind die Macher von VR-Rides nach eigenen Angaben mit Interessenten im Gespräch. "Vor allem für kleinere Parks wäre das interessant, denn eine kleine Bahn mit einem Thema toll zu gestalten, das kostet viel", sagt von Elverfeldt. Mit VR-Brille genüge eine bloße Halle. Ein Sprecher des Europa-Parks sagt: "Unser Traum ist, dass irgendwann jeder Besucher mit einer solchen Brille durch den Park läuft."

Doch noch sei die Technik nicht massentauglich, sagt Forscher Masuch. "Aber mal philosophisch gedacht: Wenn sie erst einmal funktioniert, warum sollten sich dann die Menschen noch in der realen Welt aufhalten?"

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