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Sitzsensor von Garmin: So funktioniert der smarte Bürostuhl

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Garmin-Gerät macht Bürostühle smart Wie mein neuer Sitz-Coach mein Arbeitsleben geändert hat

Frühstück: Im Sitzen. Pendeln zur Arbeit: Sitzen in der U-Bahn. Am Schreibtisch: Sitzen. Im Meeting: Sitzen. In der Kantine: Sitzen. Auf dem Heimweg: Sitzen. Und abends sitzt man mit Freunden zusammen. Studien belegen: Im Schnitt sitzen wir zwischen sieben und neun Stunden am Tag. Das ist nicht gesund. Das Bonmot vom Sitzen als dem neuen Rauchen ist mittlerweile schon so abgegriffen wie die Stuhllehnen in einem Großraumbüro. Aber was kann man tun?

Viele Menschen sind ja schon Selbstoptimierer, tragen ihre Fitness-Tracker den ganzen Tag, zählen Schritte und lassen sich zu Bewegung auffordern. Ich will ausprobieren, wie man gesünder sitzen kann - und ob ein smarter Bürostuhl dabei hilft. Im Test: Der 69 Euro teure Sitzsensor S 4.0, ein gut männerdaumennagelgroßes Gerät, das der Bürostuhlhersteller Interstuhl in Kooperation mit dem Technologieanbieter Garmin entwickelt hat.

Man klebt das winzige Gadget unter seinen Schreibtischstuhl, vernetzt es via USB mit einem kleinen Ant+Stick mit dem eigenen Rechner und lässt sich fortan permanent beim Sitzen coachen. Es fühlt sich ein wenig seltsam an, etwas zu optimieren, das per se als so ungesund gilt wie das Sitzen - und auch die Bezeichnung "Active Sitting Solution" kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Active Life besser wäre als ein Active Sitting, aber die Idee ist trotzdem schon richtig: Viele Büroarbeiter frieren beim Arbeiten in immer denselben Positionen ein, und das ist noch ungesünder, als Sitzen eh schon ist.

Das Gerät (das auch mit Garmin-Smartwatches kompatibel ist, sie aber nicht zwingend braucht) muss man zunächst kalibrieren, indem man das eigene Gewicht auf dem Stuhl in alle möglichen Richtungen verlagert. "Herzlich willkommen in Ihrer Welt von Interstuhl" heißt es dann, und es ist tatsächlich eine eigene Welt, die sich nun eröffnet. "My Interstuhl" will von mir wissen: Wie viele Stunden sitze ich täglich, habe ich ein Einzelbüro oder sitze ich im "open space"? Dann soll ich angeben, was mir "beim Sitzen und Arbeiten" wichtig ist: Ergonomie? Wohlfühlen? Individualität, Funktionalität, konzentriertes Arbeiten, Kommunikation?

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Hm. Wollte ich immer schon individuell sitzen? Vielleicht mal mit dem Kopf nach unten, so als Statement? Wohlfühlen ist natürlich für Weicheier, das Bild dazu zeigt eine Frau, die mit ihrem Wohlfühl-Teebecher in sanftes Wohlfühl-Licht getaucht vor ihrem Wohlfühl-Holztisch sitzt. Neinnein, so bin ich nicht. Ich möchte konzentriert arbeiten und kommunizieren. Und klar, ergonomisch soll es auch sein. So.

Aber damit ist es immer noch nicht genug: Interessiere ich mich für Lifestyle, New Work, Health oder Sitting Performance? Bis vor einer Minute kannte ich das Wort noch nicht, aber ab jetzt interessiere ich mich brennend für Sitting Performance. Mir werden passende Artikel angezeigt (leider in weiß auf rotem Hintergrund - das Lesen ist ziemlich anstrengend), auch ein "Workout des Tages" gibt es. Die Artikel sind gut geschrieben und bieten etliche Anregungen. Aber dass wir uns im Bewegungsalltag falsch verhalten, liegt meist nicht an einem Mangel an Information, sondern eher an Motivation - und dabei helfen dann doch eher die Echtzeit-Rückmeldung und die Tagesauswertung sowie die (ja, das gibt es) persönliche Sitzhistorie.

Aktuell liegt meine Sitzqualität erst bei 43 Prozent! Oh je!

Immer wieder poppt im Laufe des Tages ein leuchtend rotes Fenster auf, das mich daran erinnert, meine Sitzposition zu ändern. Ab und zu werde ich aufgefordert, aufzustehen und mich ein oder zwei Minuten zu bewegen. Beides ist recht lehrreich, denn ich hätte gedacht, dass ich als erfahrene, orthopädisch gebildete Rückenschulabsolventin eher am oberen Ende der Bewegungsskala rangiere: Die beste Sitzposition ist immer die nächste, das wusste ich schon vor dem S 4.0, und ich stehe auch immer brav auf und gehe zu Kollegen, statt faul zum Telefon zu greifen. Aber da habe ich mir wohl etwas vorgemacht - objektive und Selbstwahrnehmung klaffen ja bei vielen Menschen in vielen Bereichen bedauerlich weit auseinander.

Der Aufforderungscharakter des Geräts ist allerdings höher, als man zunächst denkt. Es hat ein gewisses Suchtpotential, wenn man sich das empfohlene Ziel vorgibt, es auf 70 Sitzpositionswechsel pro Stunde zu bringen - also mal das Gewicht nach hinten zu verlagern oder auf eine andere Seite. Nach der ersten Stunde bin ich streberhaft schon bei 86.

Ich hätte erwartet, dass es nun eine kleine Belohnung gibt: Ein Sternchen oder ein "Gut gemacht" oder so. Aber ich bin ja zum Arbeiten hier. Obwohl ich vor lauter Sitzoptimieren kaum noch dazu komme. Auf einem Diagramm bekomme ich angezeigt, welche der fünf Bereiche des Stuhls ich gerade belaste. Im Idealfall sollen am Ende des Arbeitstages alle fünf roten Felder weiß gefüllt sein, dann habe ich oft genug gewechselt. Aktuell liegt meine Sitzqualität aber erst bei 43 Prozent! Oh je! Ich wackle auf meinem Stuhl umher wie ein Erstklässler kurz vor der Pause. Gut, dass ich hier alleine bin.

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Ich ertappe mich dabei, dass ich stolz darauf bin, schon 104 von 70 Wechseln geschafft zu haben. Da habe ich ja wohl klar überperformt! Ich stelle mir mein nächstes Jahresgespräch vor: "... und außerdem habe ich im Bereich Sitzen Überdurchschnittliches geleistet. Meine aktuelle Sitzqualität liegt mt 93 Prozent deutlich über dem Schnitt meiner Abteilung, und ich bringe es auf 104 Positionswechsel." Wenn da keine Gehaltserhöhung fällig wird!

Während ich mich noch im Glanze meines Sitztalents sonne, poppt ein mahnendes Fenster auf: "Bewegen Sie sich 1 bis 2 Minuten!" Zwei Tage später kann ich stolz sein, meine Sitzqualität im Vergleich zum Vortag gesteigert zu haben - aber im Laufe der Zeit mehren sich die mahnenden Meldungen: "Sie haben die Anzahl Ihrer durchschnittlichen Sitzwechsel pro Stunde nicht halten oder steigern können. Nicht schlimm. Aber dafür heute erst recht." - "Sie haben Ihre Sitzqualität zum Vortag nicht steigern/halten können. Aber dafür heute!"

Mein Fazit nach einigen Wochen: Mein Sitzverhalten hat sich tatsächlich geändert. Ich achte viel mehr darauf, den roten Fenstern zuvorzukommen - und wechsle tatsächlich häufiger Position und Körperhaltung. Die Technik funktioniert einwandfrei (die Batterie soll laut Hersteller ein halbes Jahr durchhalten); und selbst, wenn ich an einem anderen Schreibtisch ohne Sensor sitze, habe ich die Grafik der Belastungszonen vor meinem inneren Auge. Ob und wie sehr man jeden Lebensbereich permanent optimieren muss, bleibt allerdings eine Geschmacksfrage - und wieviel man dafür ausgeben möchte, eine Geldfrage.

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