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Multikopter: Einfach zum Abheben

Foto: Kike Calvo/ AP

Drohnen Fliegen in der Verbotszone

Paketdrohnen für Amazon, die Deutsche Post und Google, Fotos schießen und Filme drehen aus der Luft - Drohnen scheint die Zukunft zu gehören. Doch den hehren Plänen sind enge Grenzen gesetzt, erklärt Multikopterpilot Johannes Thor und gibt Tipps, mit welcher Kamera man am besten abhebt.

mm: Drohnen fliegen für Amazon, Google und die Deutsche Post - auch Disney will in den Freizeitparks Riesenpuppen mit Hilfe von Drohnen  durch die Lüfte heben. Fliegen demnächst lauter Drohnen mit Paketen über unsere Köpfe?

Thor: Es ist interessant, wie solche Meldungen immer wieder lanciert und unkommentiert verbreitet werden. Aber zunächst möchte ich einmal festhalten, dass mich dabei der Begriff "Drohne" stört. Er hat sich seltsamerweise auch für Multikoptersysteme eingebürgert und ist mittlerweile ubiquitär. Vielleicht auch, weil er mehr Aufmerksamkeit erregt als das Wort "Multikopter".

mm: Drohne bedeutet ja eigentlich nur unbemanntes Luftfahrzeug, wie definieren Sie Drohne?

Thor: Meiner Meinung nach sind "Drohnen" ferngesteuerte Luftfahrtgeräte für den militärischen Einsatz, wie zum Beispiel die amerikanische Predator MQ9. Sie hat ein Startgewicht von bis zu vier Tonnen, eine Flügelspannweite von 20 Metern und fliegt in 15 Kilometer Höhe bis zu 3000 Kilometer weit. Mit solchen Drohnen werden Bomben abgeworfen und Menschen getötet.

mm: Und was sind Multicopter?

Thor: Ein Multikoptersystem dagegen wiegt typischerweise unter fünf Kilogramm, darf im Normalfall nicht höher als 100 Meter steigen und hat einen Flugradius von einigen 100 Metern. Die Flugzeit ist abhängig von der Nutzlast selten länger als 20 Minuten. Die Nutzlast liegt in den meisten Fällen bei ein bis zwei Kilogramm. Daran kann man erkennen, dass man das eine nicht mit dem anderen vergleichen kann. Insofern spreche ich lieber von Multikoptern beziehungsweise einfach von "Koptern"

mm: Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen. Können Sie sich vorstellen, dass Multikopter demnächst Pakete ausliefern?

Thor: Die Auslieferung von Paketen mit Multikoptern ist bisher in Deutschland und in vielen anderen Staaten (auch USA) rechtlich überhaupt nicht möglich. Ein autonomer Flug im Bereich von Innenstädten ohne sofortige Eingriffsmöglichkeit des Piloten und ohne, dass der Pilot den Kopter sieht, ist schlicht verboten. Es ist auch nicht zu erwarten, dass hier der Gesetzgeber die Bestimmungen lockert. Angesichts der steigenden Zahl von Kopterflügen ist eher mit dem Gegenteil zu rechnen.

mm: Aber könnten Amazon und Co. nicht die Dinge weiter vorantreiben, um dann doch Pakete auszuliefern?

Thor: Die Flugzeiten der Multikopter sind derzeit zu kurz, der Aufwand für Wartung und ständigen Akkuwechsel wäre viel zu hoch. Abgesehen davon halte ich die Positionsbestimmung über GPS für solche Zwecke für zu ungenau und fehleranfällig. Mehr als eine PR-Aktion kann so eine Meldung meiner Meinung nach nicht sein. Lieferungen von Waren in vereinzelte, extrem abgelegene Gebiete wären vielleicht denkbar, aber das ist ja nicht das Ziel von Amazon, Google und Co.

Vorsicht vor dem Flugzeug!

mm: Wie hoch darf man mit Multikoptern fliegen?

Thor: Als Faustregel gilt: nicht höher als 100 Meter. Bei gewerblichen Piloten ist das in der Aufstiegsgenehmigung so festgelegt. Privatflieger dürfen unter Umständen höher fliegen, wenn sie sich anhand einer ICAO-Karte genau über die Höhe des bei Ihnen erlaubten Flugraums informieren.

mm: Sie meinen die jeweils aktuellen Luftfahrkarten …

Thor: Ja, genau. Dort sind die freien Flugräume und - höhen eingezeichnet. Im Internet kann man sich zum Beispiel bei Skyfool.de  umfassend informieren.

mm: Und wie weit darf man mit Koptern fliegen?

Thor: Man darf mit einem Kopter so weit fliegen, wie man die Fluglage einwandfrei erkennen kann. Das ist normalerweise ein Flugradius von maximal 200 Meter.

mm: Das klingt für einen Paketdienst allerdings nicht besonders sinnvoll. Wo dürfen Multikopter überhaupt fliegen - und wo nicht?

Thor: Als Pilot von Multikoptern - selbst wenn es kleine Spielzeug-Kopter sind - muss man sich im Klaren sein, dass man sich als Verkehrsteilnehmer im Luftraum bewegt und dementsprechend die Luftverkehrs-Ordnung (LuftVO) gilt. Verstöße können hier sehr scharf verfolgt werden und gelten als Straftat.

Generell dürfen Multikopter nicht in der Nähe von Flughäfen, militärischen Einrichtungen, Industrieanlagen, Einsatzgebieten von Polizei und Feuerwehr, Katastrophengebieten und nicht in Naturschutzgebieten fliegen. Auch und vor allem private Kopterflieger müssen sich hier genau informieren, bevor sie einfach irgendwo starten. Insbesondere die Kontrollzone um Flughäfen ist oft unregelmäßig geformt, hier sollte jeder Pilot sich auf den ICAO-Karten informieren, ob er aufsteigen kann.

mm: Gibt es noch andere Bereiche, wo man nicht starten darf?

Thor: Oft wird auch zum Beispiel das Vorhandensein von Naturschutzgebieten übersehen. Hier gibt der Kartendienst des Bundesamtes für Naturschutz  Auskunft. Gewerbliche Piloten können für wichtige Flüge - zum Beispiel bei öffentlichem Interesse - eine Ausnahmegenehmigung der unteren Landschaftsbehörde beantragen. Den Antrag sollte man aber mindestens vier Wochen vor dem Flug einreichen, denn eine Genehmigung für den Flug in Naturschutzgebieten ist keineswegs die Regel.

mm: Was muss ich beachten, wenn ich auf einem Privatgrundstück starte?

Thor: Für den Start von einem Privatgrundstück muss die Genehmigung des Grundstückeigentümers vorliegen. Ein Privatanwender darf auch nicht über Straßen oder Häuser fliegen, ein gewerblicher Anwender kann das beim Ordnungsamt beantragen und gegebenenfalls unter Auflagen tun. Ein Flug "auf der grünen Wiese" ist für Privatleute jedoch durchaus möglich und erlaubt, wenn die schon genannten Einschränkungen beachtet werden. Es darf allerdings niemand gefährdet oder belästigt werden.

mm: Muss man quasi (fast) alle Flüge anmelden?

Thor: Privatnutzer müssen Ihre Flüge nicht anmelden, falls sie sich an die oben angegebenen Regeln halten. Ansonsten gilt, wenn ein Kopter nicht "ausschließlich zu Sport- und Freizeitzwecken" betrieben wird, muss im jeweiligen Bundesland beim Regierungspräsidenten eine Aufstiegserlaubnis oder auch Allgemeinerlaubnis beantragt werden. Diese gilt typischerweise zwei Jahre und nur für elektrisch betriebene Fluggeräte unter fünf Kilogramm Startgewicht.

Für einen Kopter über fünf Kilogramm muss jeder Aufstieg einzeln genehmigt werden, mit entsprechenden Kosten. Fliegt der gewerbliche Nutzer in geschlossenen Ortschaften, muss er Polizei und das Ordnungsamt informieren. Das Ordnungsamt kann hier dann noch Auflagen festlegen, wie zum Beispiel die Absperrung des Bereichs unter dem Flugweg des Kopters. Fliegt man in einer Kontrollzone, muss der Pilot vorab beim Tower des entsprechenden Flughafens telefonisch eine Freigabe erfragen.

mm: Wie viele Kopterpiloten gibt es derzeit?

Thor: Im Moment gibt es hierzulande grob geschätzt rund 30.000 Piloten.

Was man zum Filmen mit Multikoptern braucht

mm: Viele Auflagen und viele Privatflieger, wer soll das alles kontrollieren?

Thor: Natürlich ist das nicht einfach. Freundlicherweise stellen gerade einige von allen Regeln völlig unbeeindruckten Privatflieger Ihre Flüge oft bei Youtube ein, was dann durchaus unangenehme Konsequenzen für den Piloten haben kann. Außerdem hat natürlich jeder die Möglichkeit, Belästigungen durch Kopter bei der Polizei anzuzeigen. Besonders Verletzungen der Privatsphäre werden hier durchaus ernst genommen und verfolgt. Ich könnte mir vorstellen, dass es irgendwann einmal einen Führerschein für Kopterpiloten geben wird, denn 99 Prozent der Unfälle werden von den Piloten verursacht.

mm: Sie sind selbst viel mit Multikoptern unterwegs, filmen für TV und Wirtschaft und verkaufen über Ihre Website  auch Geräte. Wie viele Multikopter haben Sie persönlich und welche nutzen Sie für was?

Thor: Insgesamt hab ich drei Kopter im Einsatz. Für Videoaufnahmen nutze ich den Coptersale Cinequad mit Brushless Gimbal, für Fotoaufnahmen einen Coptersale Cinestar 6 Hexakopter und für Innenaufnahmen und Layouts einen kleinen Quadrokopter mit einer Go Pro Kamera. Als Backup steht immer ein weiterer Hexakopter zur Verfügung.

mm: Worauf sollte man achten, wenn man sich eine Kamera für einen Multikopter kaufen möchte?

Thor: Für Videoaufnahmen sollte es eine Kamera mit einem guten Bildstabilisator sein. Foto- und Videokameras sollten möglichst leicht sein, gut zu fliegen sind Kameras mit einem Gewicht bis einem Kilogramm. Schwerere Kameras benötigen meist ein größeres Koptersystem, welches dann insgesamt über fünf Kilogramm Abfluggewicht hat und deshalb im alltäglichen Einsatz hohe Kosten für die Einzelgenehmigungen verursacht.

mm: Und welche Kamera bevorzugen Sie?

Thor: Mein Arbeitsschwerpunkt ist die Erstellung von Videos mit einem Kopter. Die meiner Meinung nach ideale Kamera ist die Sony HDR-CX730, weil sie einen sensationell guten Bildstabilisator hat und von der Bildqualität (Full HD 1080/50p) mit Broadcast-Kameras mithalten kann. Die Kamera gibt es leider nicht mehr im Handel, es gibt aber Nachfolgemodelle.

mm: Was braucht man noch zum Equipment?

Thor: Mit dem Kopter alleine ist es nicht getan, das wird bei der Kalkulation oft vergessen. Man benötigt eine gute Fernsteuerung mit Telemetrie, einen Video-Downlink (damit man zum Beispiel das Kamera-Livebild am Boden sehen kann, genügend Flugakkus, ein Ladegerät, einen Laptop zum Konfigurieren des Kopters und ein Set an oft benötigten Ersatzteilen - wie beispielsweise Propeller.

mm: Sie filmen und fotografieren mit Multikoptern, Paketauslieferung klingt bislang eher hypothetisch, welche anderen Bereiche können Sie sich vorstellen, wo Multikopter eingesetzt werden könnten?

Thor: Eingesetzt werden Kopter neben dem typischen Anwendungsgebiet der Foto- und Videoproduktion auch in der Architektur, zum Beispiel um vor dem Bau eines Gebäudes das Bauland zu vermessen oder für die Prävisualisierung und Baudokumentation. Feuerwehren nutzen Multikopter zum Erstellen von Lagebildern, und bei Großbränden können mit Hilfe von Infrarot-Kameras und Koptern Brandnester erkannt werden. Nach dem Schadensereignis können Versicherungen und Gutachter mit Hilfe von Koptern Schadensbilder von Gebäudekomplexen anfertigen, wenn zum Beispiel die entsprechenden Gebäude zu Fuß wegen der Einsturzgefahr nicht betreten werden können. Ein weiterer Anwendungsbereich ist die Überprüfung von großen Photovoltaik-Anlagen und das Aufspüren defekter Panels.

mm: Man sieht also schon, Multikopter werden in einer Reihe von Anwendungsgebieten bereits eingesetzt.

Thor: Ja und es ist nicht auszuschließen, dass es in Zukunft noch Einsatzgebiete gibt, an die bisher niemand gedacht hat. Ein Beispiel für eine ganz neuartige Anwendung ist das Auffinden von Rehen aus der Luft mit Hilfe von Koptern in Getreidefeldern, die gemäht werden sollen. Jährlich geraten einige tausend Tiere in die Mähdrescher, was man nun durch Einsatz von Multikoptern mit montierter IR-Kamera verhindern kann. Das ist technisch machbar, bezahlbar und außerdem sinnvoll.

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