iPhone-Hersteller Schafft Apple die Wende mit China-Mobile-Deal?

Wenn Konzernchef Tim Cook am Dienstag neue iPhones präsentiert, wird die größte Aufmerksamkeit nicht auf dem iPhone 5S liegen. Ein Deal mit dem Mobilfunkriesen China Mobile sowie ein günstigeres iPhone für die Schwellenländer würden Apple deutlich mehr nützen.
Von Nils Jacobsen
Apple-Chef Tim Cook bei der Präsentation des iPhone 5: Seit Launch des iPhone5 hat Apple Schwung verloren. Ein starker Partner in China sowie ein günstigeres iPhone sollen neue Wachstumsphantasie schaffen

Apple-Chef Tim Cook bei der Präsentation des iPhone 5: Seit Launch des iPhone5 hat Apple Schwung verloren. Ein starker Partner in China sowie ein günstigeres iPhone sollen neue Wachstumsphantasie schaffen

Foto: AFP

Apple-Chef Tim Cook hatte ein gutes erstes Jahr - doch in seinem zweiten Amtsjahr hat er die Gunst der Wall Street verloren. Das liegt auch daran, dass er viele selbst gesteckte Erwartungen nicht erfüllt hat: "Wir wollen bei der Geheimhaltung unserer Produkte drauflegen", hatte der damals noch recht neue Apple-CEO im Mai 2012 auf der Digitalkonferenz D10 des Wall Street Journal verkündet. Man kann sagen, dass das Vorhaben, die Kundschaft immer wieder zu überraschen, ziemlich daneben ging.

Wenn Cook am Dienstag um 19 Uhr deutscher Zeit zusammen mit Phil Schiller und Craig Federighi auf dem Apple Campus in Cupertino auf die Bühne steigt, ist eines gewiss: Große Überraschungen wird es auch diesmal nicht geben. Dass Apple mit dem iPhone 5S sein Nachfolgemodell zum gegenwärtigen Kassenschlager iPhone 5 präsentiert, gilt als das derzeit offenste Geheimnis der Techbranche.

Lediglich über die Bestandteile und Fertigung gibt es noch offene Fragen: Kommt es in goldenem Gehäuse? Besitzt es eine 10 Megapixel-Kamera? Wird es gar mit Fingersensor ausgeliefert? Die einschlägigen Techblogs haben dank gut informierter Quellen aus dem Unternehmen (und vor allem zu Zulieferfirmen nach Asien) längst enthüllt, was Dienstag kommen wird: das iPhone 5S, optisch identischer Nachfolger des iPhone 5.

iPhone 5S: Reicht ein Routine-Update gegen den Phablet-Hype?

Angesichts des enormen Erfolgs des großen Rivalen Samsung  , der mit Galaxy S3 und S4 extrem erfolgreich auf der Phablet-Welle reitet, erscheint das bloße Upgrade des nur vier Zoll großen iPhone 5 ziemlich dürftig. "Apple muss unbedingt ein großes iPhone herausbringen", fordert der frühere Internetaktienanalyst Henry Blodget, der heute die US-Site "Business Insider" betreibt, seit Monaten.

Und Apple  scheint dem Rat zu folgen: Wie das Wall Street Journal vergangene Woche berichtete, testet der iKonzern größere Modelle in den Bildschirmgrößen 4,8 bis 6 Zoll. Allein: wenn überhaupt, werden sie den Kunden erst 2014 als iPhone 6 erreichen.

Kann sich Apple nach einem Jahr des Leidens an der Börse - seit dem Hoch im Herbst 2012 hat die Aktie von Apple  trotz der jüngsten Erholung immer noch rund 25 Prozent an Wert verloren - nur ein bloßes Update leisten, nachdem die Verkäufe des Kultsmartphones in den vergangenen Quartalen so schwach wuchsen wie nie seit Einführung 2007?

Gerüchte um iPhone 5C - ein günstiges iPhone für die Schwellenländer

Nach einem Jahr in rauem Fahrwasser, in dem Apple-CEO Tim Cook viel Prügel einstecken musste, reicht ein Routine-Update des iPhone kaum. Schon deshalb nicht, weil der einstige Trendsetter Apple seit fast einem Jahr keine neuen Produkte mehr auf den Markt gebracht hat: Seit dem iPad mini im vergangenen Oktober sind Neuheiten aus Cupertino Fehlanzeige.

Nun muss Konzernchef Cook liefern. Glaubt man den zahlreich bebilderten Gerüchten, wird Apples neuster Coup eine Variation seines größten Erfolges: Mehr als sechs Jahre nach dem ersten iPhone könnte Apple am Dienstag mit dem iPhone 5C eine günstigere Version seines stets hochpreisigen Smartphones auf den Markt bringen.

Buntes Plastik-iPhone könnte Anleger entzücken

Während das iPhone 5 noch zwischen 729 und 899 Dollar kostete, könnte das iPhone 5C nach den jüngsten Gerüchten wohl schon für 399 Dollar zu haben sein - ohne Vertrag. Abstriche müssen Nutzer dabei wohl in der vertrauten Optik machen: Das iPhone 5C wird wohl mit Plastikgehäuse daherkommen, wie früher das iPhone 3G, dafür aber in vier verschiedenen Farben.

Was für den Verbraucher ziemlich unspektakulär klingt, dürfte Aktionäre nach einem Jahr in Wartestellung indes umso mehr interessieren: Nicht das Hochpreis-iPhone 5S, mit dem Apple letztlich nur seine Marktstellung verteidigen kann, macht den Unterschied, sondern das Billig-Modell iPhone 5C.

Erinnerungen an den iPod mini

Langjährige Apple-Aktionäre haben diesen Film schon einmal gesehen: 2004 diversifizierte Apple seinen bis dahin mäßig erfolgreichen MP3-Player iPod, der seinerzeit in der Premium-Variante 399 Dollar kostete, um ein abgespecktes farbenfrohes Modell zur Hälfe des Preises: den iPod mini.

Der bunte iPod mini sorgte für den Durchbruch: Die Welt entdeckte plötzlich den handlichen digitalen Musikspieler - und Apples Geschäfte explodierten.

Kommt endlich der lang erwartete China-Mobile-Deal?

"Ich habe noch nie so niedrige Erwartungen für einen neuen iPhone-Launch gesehen", sagt der frühere Hedgefondsmanager und heutige CNBC-Marktkommentator James Cramer. Nach einem Jahr, in dem die Umsätze nur noch marginal zulegen konnten und Gewinne inzwischen zweistellig erodieren, versucht Apple offenkundig den Erfolg der Vergangenheit ein weiteres Mal zu kopieren - diesmal bei seinem erfolgreichsten Produkt aller Zeiten.

Im Visier der Strategie: die boomenden Schwellenländer Asiens, in denen Apple zunächst stark gestartet, dann jedoch im Zuge von Samsungs phänomenalem Erfolg drastisch eingebrochen war. Im abgelaufenen Juni-Quartal gingen Apples Erlöse in China um 14 Prozent zurück. Weitere Einbrüche in diesen Dimensionen kann sich Cook nicht leisten. Ergo: Mit einem deutlich günstigeren iPhone würde Apple auf die wachsende Mittelschicht in den größten Mobilfunkmärkten der Welt abzielen.

China Mobile bietet Zugang zu Millionen Mobilfunkkunden

Allerdings traf Cook in der Vergangenheit bei allen Wachstumsstrategien auf eine unüberwindbare Mauer: Der Zugang zu 700 Millionen potenziellen Mobilfunkkunden blieb Apple verwehrt, weil ein Vertragsabschluss mit der Nummer eins des asiatischen Riesenreiches bislang nicht gelingen wollte. Zwar beliefert Apple seit Jahren die kleineren Konkurrenten China Unicom und China Telecom, doch eben nicht die nationale Nummer eins, China Mobile .

Das könnte sich nun am Dienstag ändern. Bereits zweimal traf Konzernchef Tim Cook mit seinem Amtskollegen Xi Guohua dieses Jahr zusammen, um eine nähere Zusammenarbeit zu erörtern. Bisher stand einer solchen Kooperation das technisch unterlegene 3G-Netz von China Mobile im Weg, das nun aber im Zuge der Vergabe der 4G-Lizenzen hochgerüstet wird. Der Vertrieb des besonders zur Internet-Nutzung beliebten iPhones könnte damit unmittelbar bevorstehen.

Bündnis mit China Mobile wird von Anlegern herbeigesehnt

So wird von Aktionären als Höhepunkt der Keynote am Dienstag dann ein Schulterschluss zwischen Apple und China Mobile herbeigewünscht. Glaubt man dem Wall Street Journal, steht dieser Deal, der den Vertrieb des günstigen iPhones besiegeln würde, unmittelbar vor einem Abschluss - für eine Verkündung am Dienstag wäre es jedoch noch zu früh.

Offiziell ist dagegen die Einigung mit dem größten japanischen Provider NTT DoCoMo , der das iPhone in den vergangenen Jahren nach Streitigkeiten über die Marge und den Vertrieb nicht mehr im Angebot hatte. "Das iPhone sollte in den nächsten 12 bis 18 Monaten einen schönen Auftrieb bekommen", folgert der "Business Insider".

Investor Carl Icahn treibt den Kurs der Apple-Aktie

Tim Cook kann schnelle Erfolge gebrauchen. Sein zweiter Jahrestag als Apple-CEO ist ein paar Wochen her - es war nicht gerade ein Jubiläum, das zur Festtagsstimmung berechtigte. Tatsächlich fällt Cooks Bilanz 24 Monate nach dem Amtsantritt durchwachsen aus. Vor allem im Vergleich zum Vorjahr, als die Apple-Aktie just am Tag der Auslieferung des iPhone 5 auf dem Allzeithoch bei 705 Dollar notierte. 12 Monate später sind es noch rund 500 Dollar - und das, obwohl die Apple-Aktie seit Bekanntgabe der Quartalszahlen vor sechs Wochen bereits um knapp 20 Prozent zulegen konnte.

Maßgeblichen Anteil an der Kurserholung hat ein alter Bekannter, der schon oft genug für Kursturbulenzen an den Kapitalmärkten gesorgt hat: Hedgefondsmanager Carl Icahn, der Mitte August spektakulär seinen Einstieg bei Apple bekannt gab. "Wir haben aktuell eine große Position in Apple. Wir glauben, dass das Unternehmen extrem unterbewertet ist. Habe mit Tim Cook gesprochen. Mehr in Kürze", versendet von Carl_C_Icahn via Twitter an seine inzwischen 75.000 Follower.

"Ein nettes Gespräch", habe er mit Cook gehabt, berichtet Icahn seinen Followern, um dann jedoch schnell mit der eigentlichen Botschaft herauszurücken. "Habe meine Meinung kundgetan, dass ein größerer Aktienrückkauf gestartet werden sollte." Ein noch größerer? Tim Cook hatte gerade erst Ende April das mit 60 Milliarden Dollar größte Aktienrückkaufprogramm in der Wirtschaftsgeschichte angekündigt.

Blick auf Apples Barreserven

Doch Icahn, der schon in den 80ern als Corporate Raider das heimliche Vorbild für Gordon Gekko im Klassiker "Wall Street" abgab, hat angesichts von Apples erklecklichen Barreserven offenbar Blut geleckt. Aktienrückkäufe im Wert von 150 Milliarden Dollar soll der wieder wertvollste Konzern der Welt doch bitte stemmen - das wäre der Einsatz von Apples gesamten Barreserven.

Icahns Rechnung: Indem dem Markt Aktien entzogen werden, steigt der Gewinn je Aktie entsprechend an und damit das Kurspotenzial. "Apple sollte zumindest bei 625 Dollar notieren", hatte der Multimilliardär der Nachrichtenagentur Reuters erklärt - und das bei lediglich gleichbleibender Gewinnentwicklung.

Sollte Apple nach einem Jahr der Regression 2014 auch nur ein Gewinnwachstum von 10 Prozent aufweisen, sieht Icahn das Potenzial für neue Allzeithochs jenseits der 700-Dollarmarke. Vielleicht wettet der Finanzjongleur alter Schule auch einfach auf den China Mobile-Deal. Erschließt sich Apple den Zugang zu 700 Millionen potenziellen Abonnenten, wäre das ein bemerkenswerter Hebel in der Bilanz.

Nach Einschätzung von Katy Huberty, Analystin bei Morgan Stanley, würde solch ein Deal zusätzliches Absatzpotenzial von 32 Millionen iPhones im kommenden Geschäftsjahr schaffen. Brian Marshall von ISI Grop sieht gar das Potenzial für 39 Millionen verkaufte iPhones durch den China Mobile-Vetrieb - das ist mehr, als Apple im vergangenen Juni- oder März-Quartal weltweit verkaufte.

Am Ende der morgigen Keynote geht es Aktionären weniger um die neuen iPhones, als um eine einfache Frage: Deal oder kein Deal. Kommt er nicht, wird Carl Icahn sicher schneller wieder zum Telefonhörer greifen, als es Tim Cook recht ist.

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