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Extravagante Automaten: Gold, Hemden und Gebete

Extravagante Automaten Die Sofort-Wunderkisten

Regenschirme, frische Hemden, bequeme Schuhe, Kameras, Strandlektüre, Spargel, sogar Gold und Gebete - all das kann man in Deutschland aus Automaten bekommen. Die Branche freut sich über den Imagewandel der Verkaufsmaschinen - wenngleich die meisten Exoten mehr Prestige als Umsatz bringen.

Hamburg - Zweitausend Jahre ist es her, da stellte der schlaue Grieche Heron von Alexandria den ersten Münzautomaten der Welt auf. Gegen Einwurf einer Tetradrachme gab es einen Spritzer Weihwasser. Kontakt zu höheren Sphären kann man auch heute noch automatisiert aufnehmen, für 50 Cent. Die "Gebetomaten" des Berliner Künstlers und Schriftstellers Oliver Sturm stehen mittlerweile in mehreren deutschen Großstädten; demnächst soll ein "Prayomat" in Manchester errichtet werden.

Man zieht sich in eine Art Fotokabine zurück und kann dann zwischen 300 Gebeten in 65 Sprachen wählen, islamische, christliche, jüdische Geistergesänge, Regentänze, die dann von einem Band abgespielt werden. Derzeit steht Sturm vor einer ethischen Frage: Geschäftspartner in Dubai und Abu Dhabi wollen den Gebetomaten gerne in ihren Einkaufszentren aufstellen - aber die jüdischen Gebete, die solle er doch bitte vorher entfernen.

Die richtige Bestückung von Automaten ist auch bei weniger transzendenter Ware eine Wissenschaft für sich. Als Instrument für kommerzielle Transaktionen kommt der Verkaufsautomat derzeit zu neuer Blüte: Neue Techniken machen es möglich, auch heiße und eiskalte Snacks zuverlässig zu servieren, große Fenster, Touchscreens und Greifarme, die das Produkt nicht mehr als Bückware, sondern in Griffhöhe ausgeben, machen die Geräte bedienerfreundlich, und zahlen kann man mittlerweile auch bargeldlos.

Die neue Technik lockt neue Firmen auf den Markt - wie etwa das Bochumer Unternehmen Dry2go, das Regenschirme vertreibt. Für ein paar Euro kann man sich, wenn es gießt, einen Schirm aus dem Automaten ziehen. Geschäftspartner können den Regenschutz auch mit einem Werbeaufdruck versehen lassen.

Gold zwischen Gourmetartikeln

Weniger praktisch als prestigeträchtig, aber höchst erfolgreich ist das Angebot des schwäbischen Goldhändlers Thomas Geissler. Vor drei Jahren stellte er seinen ersten "Gold to go"-Automaten in Abu Dhabi auf, seither expandiert das Angebot - Anfang Februar stellt Geissler schon seinen 20. Automaten in Deutschland auf, an dem man Plättchen, Barren und Münzen zum Tagespreis ziehen kann. Im feinen Hamburger Luxuskaufhaus "Alsterhaus" steht der Goldautomat dann zwischen Gourmetartikeln.

Wohlweislich sind Geisslers Automaten nicht rund um die Uhr zugänglich, aus Sicherheitsaspekten. Dabei ist das 24/7-Prinzip des ausgehebelten Ladenschlusses eigentlich das Alleinstellungsmerkmal der Verkaufsautomaten. Wer etwa nach durchtanzter Nacht flache Schuhe braucht, kann sich in diversen Clubs in deutschen Großstädten lange nach dem Ladenschluss des Schuh-Einzelhandels Ballerinas ziehen - seit einem Jahr wächst die Firma Ballerina to go, die Nachtschwärmerinnen aus ihren High Heels hilft. Neuester Standort ist Hamburg.

Und wer einen Plattfuß anderer Art hat, kann mittlerweile an einem von 400 Fahrradschlauch-Automaten der Firma Continental Abhilfe suchen. Auch die Media-Saturn-Holding setzt auf stumme Verkäufer: An Flughäfen und Bahnhöfen in München, Hamburg und Düsseldorf hat sie "Saturn Xpress-Automaten" aufgestellt, die vergessliche Reisende mit Artikeln wie Kopfhörern, Ladekabeln und Digitalkameras versorgt.

Eine auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Kooperation starteten das Kommunikationsunternehmen Telefónica Germany, die Mutterfirma von O2, und die Traditions-Textilfirma Seidensticker: In der O2-Zentrale in München steht seit dem vergangenen Herbst der Prototyp eines Hemdenautomaten, an dem der bekleckerte Herr sich vor wichtigen Meetings ein frisches Business-Hemd in weiß, hellblau oder schwarz ziehen kann. Bis Mitte des Jahres sollen fünf bis zehn weitere Automaten aufgestellt werden - wo und wie, ist allerdings noch unklar.

Strandlektüre und

Auch für Kunstfreunde ist gesorgt: Die Designschmiede Nic & Lu hat am Frankfurter Hauptbahnhof einen "Unikat-Automaten" aufgestellt, der mit diversen Kleinigkeiten von Künstlern und Designern bestückt ist - das Angebot wechselt ständig. Und Schöngeister werden in den Automaten des Berliner Mini-Verlags Sukultur fündig, der mittlerweile 105 Leseheftchen mit Literatur zum Stückpreis von je einem Euro herausgegeben hat. Allein in Berlin hat der Verlag seit 2004 schon 50.000 der knallgelben Heftchen aus Süßwarenautomaten verkauft, in Sylt steht seit ein paar Jahren ein eigener Strandlektüre-Automat.

In Deutschland kommt auf je 157 Einwohner ein Automat, im Schnitt gibt jeder Deutsche pro Kopf jährlich 30 Euro an Automaten aus (Zigarettenautomaten nicht mitgerechnet). Davon dürfte allerdings nur ein verschwindend geringer Anteil auf die Exoten entfallen, die aus dem klassischen Sortiment von Getränken oder Snacks mehr oder weniger spielerisch ausbrechen.

Rund 60 Prozent seiner Umsätze mache er mit den 20 meistverkauften Produkten, schätzt Wolfgang Geile, Chef des Marktführers Geile Warenautomaten, der seit 25 Jahren die Generalverträge für die Automaten auf den Bahnhöfen der Deutschen Bahn hält. Am liebsten kaufen die Deutschen Kaffee mit Milch und Zucker am Automaten, dicht gefolgt von Cola und Süßigkeiten. Auch die Sukultur-Heftchen hatte Geile ein paar Jahre im Sortiment, bis der Bahnhofsbuchhandel erfolgreich bei der Bahn protestierte.

"Der Trend geht aber weg vom reinen Süßwarenautomaten zur umfassenderen Verpflegung - Knäckebrot mit Käse verkaufen wir palettenweise, auch von einem Produkt wie Bifi-Roll haben wir im vergangenen Jahr etwa 800 Paletten abgesetzt." Seit etwa fünf Jahren verzeichne sein Unternehmen jeweils zweistellige Umsatzzuwächse", freut sich Geile, der die ganze Branche im Aufwind sieht.

Am Monatsende werden die Münzen in den Automaten immer kleiner

Seine Angebote werden jeweils nach Standort feinjustiert: An S-Bahn-Gleisen finden sich eher Angebote aus den untersten Preissegmenten, an Fernbahnsteigen darf es etwas teurer sein. Geile hat beobachtet: "Viele Leute haben einfach wenig Geld. Am Anfang des Monats finden wir die Zwei-Euro- und die Euromünzen in den Automaten, gegen Ende kommen immer mehr kleine Münzen."

Die schönste Nachricht für die Automatenbranche kam in diesem Jahr aus der Politik: ""Die neue Strömung, Ladenschlusszeiten wieder restriktiver zu handhaben, ist für uns natürlich eine Chance", sagt Aris Kaschefi, Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Vending-Automatenwirtschaft (BDV). "Der Kunde will rund um die Uhr Produkte haben. Das Internet ist zwar auch immer geöffnet, aber auf das Produkt warten müssen Sie trotzdem."

Der BDV-Mann beobachtet zudem steigende Beliebtheitswerte: "Die Berührungsängste nehmen ab, und das Image des Automaten hat sich gewandelt. Man kann das im Fernsehen beobachten: In vielen Serien war der Automat lange der dumme August, der die Herausgabe des Kaffees verweigerte oder erst auf einen Tritt reagierte - heute ist der Kaffeeautomat im Büro eher ein positiv besetzter Treffpunkt, ein kleiner Coffee-Shop, eine Kommunikationszentrale."

Und wer sich trotzdem ärgert, dem könnte ein Automat weiterhelfen, den das Berliner Künsterduo Ronnie Yarisal und Katja Kublitz vor ein paar Jahren gebaut hat und der seitdem in mehreren Museen zu sehen war: Die "Anger Release Machine" lässt bei Münzeinwurf einen Porzellanteller oder ein Kristallglas mit Karacho nach unten krachen - allemal eine sauberere Lösung, als ein Tässchen an die Wand zu werfen. Ganz zu schweigen von einem Plastikbecher mit Automatenkaffee.

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