Motorola Milestone Der Hoffnungsträger

Neustart bei Motorola: Mit dem Milestone bringt der US-Konzern das erste Mobiltelefon mit Googles Betriebssystem Android 2.0 auf den Markt. Das neue Gerät hat das Zeug zum Kassenknüller.

Hamburg - In den USA heißt das Milestone Droid und ist schon jetzt ein Verkaufsschlager. Im ersten Monat nach der Markteinführung wurden bereits 700.000 bis 800.000 Exemplare des ersten Handys mit Googles neuem Betriebssystem Android 2.0 abgesetzt. Bis Ende des Jahres will man mindestens die Millionengrenze erreichen - allein in den USA. In Europa kommt das Gerät dieser Tage, gut einen Monat nach der US-Einführung, auf den Markt. Es gilt als Hoffnungsträger für Motorolas zuletzt eher glücklose Handyabteilung.

Entsprechend selbstbewusst bewirbt Motorola  das Milestone als weltweit dünnsten QWERTZ-Slider, also als das schlankeste Mobiltelefon mit Volltastatur. Das mag auch richtig sein, und tatsächlich ist das Motorola nur wenige Millimeter dicker als beispielsweise ein iPhone. Trotzdem fühlt es sich viel klobiger an. Schuld daran ist das etwas unglücklich gewählte Design. Bei einer Klappflunder wie dem Motorola-Klassiker Razr V3 mögen Kanten und Ecken nicht stören, so dünn ist es. Beim Milestone hingegen verhindert die kantige Gestaltung, dass man es rein subjektiv als schlank empfindet. Der künstliche Absatz unterhalb des Bildschirms ist da nicht sonderlich gut geeignet, um dem Gerät Eleganz zu verleihen.

Nein, Eleganz ist nicht des Milestones Metier. Robust ist ein Prädikat, das viel besser passt. Da wackelt und da klappert nichts. Auch ein freier Fall aus einem Meter Höhe konnte dem Testgerät nichts anhaben. Versuche, das Gehäuse in irgendeiner Weise zu verbiegen, brachten keinerlei Ergebnis, die Rückseite wirkt trotz des kaum geschützten Objektivs der Digitalkamera fast wie gepanzert. Man könnte meinen, es sei ein Outdoorhandy, nur ohne die in diesem Bereich üblichen Gummischutzecken.

Ein Glanzlicht: Das Display

Die Stabilität zeigt sich allerdings auch bei der Aufschiebetastatur. Die ist ausgesprochen fest mit dem Gehäuse verbunden, gibt auch geöffnet keinem Drängen und Zwängen nach. Das bedeutet, dass man immer beide Hände braucht, um das Tastenfeld hervorzuschieben. Ob man dann auch tatsächlich damit schreiben mag, ist eine andere Frage. Die Tasten bieten zwar einen klar definierten Druckpunkt, liegen aber so dicht und gleichförmig nebeneinander, dass man schon recht genau aufpassen muss, was man da gerade drückt. Manche werden das lieben, andere hassen.

Der Bildschirm ist dagegen ohne Wenn und Aber ein Hit. Mit 854 x 480 Bildpunkten Auflösung bietet er eine weit höhere Auflösung als die meisten anderen Smartphones, zeigt dabei erfreulich kräftige Farben und Kontraste an. Im normalen Telefonalltag hat man davon freilich nichts, denn Bildschirmhintergrund und Telefoniemenü würden wohl auch mit geringerer Auflösung nicht schlechter aussehen. Sobald man aber die erste E-Mail darauf liest, gehen einem die Augen auf: Sagenhafte 30 Zeilen Text passen da im Hochformat auf dem Bildschirm - und sind dabei noch gut lesbar. Zum Vergleich: Das E-Mail-Programm des iPhone bringt es nur auf 19 Zeilen.

Mindestens ebenso drastisch macht sich die hohe Auflösung bei Videos bemerkbar. Vor allem HD-Filme, wie das berühmte "Bohemian Rhapsody"-Video der Muppets, kommen darauf richtig gut zur Geltung. Einziger Nachteil: Sobald die Qualität von Filmen und Bildern nachlässt, bekommt man das auf dem Display entsprechend stark zu spüren. Nach gutem Material zu suchen, lohnt sich umso mehr.

Gelungenes Comeback

In krassem Gegensatz zur robusten Hülle ist die Software des Milestone elegant und leicht. Als erstes Mobiltelefon überhaupt ist das neue Motorola-Handy mit der neuen Google -Software Android 2.0 ausgestattet. Auf den ersten Blick unterscheidet sich diese neue Android-Version nicht deutlich von ihrem Vorgänger, aber eben nur auf den ersten. Neu hinzugekommen und verbessert wurden etliche Details. Eines der wichtigsten: Man kann jetzt mehrere Google-Accounts auf einem solchen Handy anlegen, vorher war man auf einen beschränkt. Und Business-User können jetzt auch Exchange-Accounts einrichten, also ihre Firmenmails abfragen.

Überdies wurde der Webbrowser deutlich verbessert, beherrscht jetzt den HTML-5-Standard. Beim Milestone kann man beim Websurfen sogar Gesten verwenden, die denen des iPhone ganz ähnlich sind, also etwa einen Text per Fingerzeig auf die Bildschirmbreite vergrößern oder Bilder mit Zweifingergeste vergrößern und verkleinern. Den Droids in den USA sind diese Fähigkeiten verschlossen geblieben. Möglicherweise aus Furcht vor Apples Rechtsabteilung, doch das ist nur ein Gerücht.

Neu ist auf jeden Fall, dass es Handyherstellern jetzt ermöglicht wird, Android-Handys direkt mit einem PC zu verbinden. Bisher wurde der gesamte Datenabgleich mit der Geräten via Web erledigt. Beim Milestone dagegen lässt sich via USB oder W-Lan eine Verbindung zum Computer aufbauen. Man kann dann Bilder, Videos, Musik, Adressdaten und sogar die History des Browsers am Rechner einsehen und verändern. Da man dafür keine Software installieren muss, sondern den Webbrowser des PC verwendet, funktioniert das auch unabhängig vom Betriebsystem des Computers.

Bei Motorola kann man sich endlich mal wieder zufrieden auf die Schultern klopfen. Nachdem das Unternehmen in den vergangenen Jahren eigentlich kaum nennenswerte Handys auf den Markt gebracht hat, entwickelt sich das Droid, alias Milestone, zum Kassenknüller. Und das zu Recht. Denn bis auf das etwas kantige Design haben die Entwickler hier einfach so ziemlich alles richtig gemacht. Die Software ist prima, lässt sich per Android-Market erweitern und es sind alle heutzutage wichtigen Funktionen und Techniken eingebaut. Dabei würde schon der großartige Bildschirm als Kaufargument ausreichen.

Der Neustart jedenfalls ist dem US-Konzern - dank Software-Schützenhilfe von Google - gelungen. Man darf gespannt sein, ob Motorola Kurs hält.

Android-2.0-Handy: Motorolas Milestone in Bildern

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